Bei der Online-Bierverkostung

O tempora, o mores! Was sind das wohl für Zeiten! Sogar die Bierverkostungen haben sich ins Internet verlagert. Aber – auch das macht Spaß und als mittlerweile 1xGeimpfte bin ich überzeugt: Wir werden wieder reisen – und da steht Prag dann ganz oben…

Wer den Genuss liebt – und damit Essen und Trinken – so wie ich, freut sich immer bei Verkostungen dabei zu sein. Nicht nur, dass man dabei vielleicht Geschmäcker, Kombinationen und Produkte entdeckt, die man ansonsten nie im Leben so oder miteinander oder überhaupt probiert hätte – Verkostungen erweitern einfach den Geschmackshorizont und so ganz nebenbei erfährt man recht viel über Produkt und Hersteller.

Es geht eben nix über eine Weinverkostung und auch verschiedene Olivenölsorten zu probieren bzw. zu erfahren worauf es ankommt, ist ausgesprochen lehrreich. Bier habe ich bis dato erst einmal verkostet und dass dies auch Online Spaß machen könnte, habe ich auch nicht erwartet. Tut es aber. Und gestern war es dann so weit.

Es wurde bereits sehnsüchtig erwartet: mein Genusspäckchen
Es wurde bereits sehnsüchtig erwartet - mein Genusspäckchen ...

Das Päckchen mit den Proben kam am Vortag an mit der Bitte die Biere gekühlt aufzubewahren und das IPA und das Stout eine halbe Stunde vor der Verkostung aus dem Kühlschrank zu nehmen. Zur Verkostung sollte man noch reine Gläser (na klar), ein Glas Wasser, um nach den Proben auszuspülen und eventuell ein paar Happen zum Essen zwischendurch vorbereiten. Auch beim Bier ist das Glas nicht wurscht: ein schmales Bierglas mit Stiel wird empfohlen (aha), damit die Temperatur besser gehalten werden kann. Der schmale Hals soll auch das Aroma gut unterstützen. Als Häppchen zwischendurch werden Weißbrot, fetter Käse ohne besonderen Eigengeschmack, Wurst oder Speck empfohlen. Für das Stout Schokolademousse oder Sachertorte. Ich entscheide mich für Weißbrot, leider habe ich weder Schokolademousse noch Sachertorte zu Hause. Vielleicht das nächste Mal.

Der Inhalt: Die Bierproben und jede Menge Info
Der Inhalt: Die Bierproben und jede Menge Info

Wie immer bin schon zu früh auf Zoom, aber man weiß ja nie was die Technik mit einem macht. Drei tschechische Biere Proud 11 Lager, Cobolis IPA und Russian Imperial Stout Tramvaj 22 sollen verkostet werden.

Gleich geht's ans Verkosten
Gleich geht's ans Verkosten

Gleich zu Beginn ein Geständnis: ich bin eigentlich eine Weintrinkerin (Rotwein!) und Bier trinke ich selten und wenn, dann meistens in Tschechien – und auch in Wien suche ich eher ein Pilsner, Budweiser oder ein Kozel zu bekommen. Meine Erfahrung über Craftbier hält sich überhaupt wahnsinnig in Grenzen.

Doch schon geht es los und unsere zwei „Bierführer" Martin Havlín und Jakub Neužil begrüßen die Teilnehmerschar. Beide stammen aus Prag und haben schon länger mit Bier zu tun: der eine verkauft Anlagen zum Bierbrauen, der andere ist Biersommelier (ja, auch das gibt es).

In der Mitte unsere
In der Mitte unsere "Bierguides": Jakub und Martin

Während wir die erste Flasche öffnen – Proud 11 Lager – erzählen die Beiden was sie so machen. Ihre Überlegung, einen Pragbesuch mit einer Biertour zu verbinden, kann ich durchaus etwas abgewinnen. Auch einige der vielen Minibrauereien – inzwischen gibt es in ganz Tschechien über 400 davon – zu besuchen und sich an neuen „Geschmäckern" zu versuchen, finde ich sehr interessant.

Na dann: Prost
Na dann: Prost

Das Proud 11 Lager stammt auch eben einer solchen Minibrauerei, die sich allerdings nicht im Prag, sondern in Pilsen befindet. Auch Pilsen mit seiner großen Brauerei ist auf jeden Fall eine Reise wert und der Besuch der Brauerei natürlich Pflicht. Immerhin wird dort bereits seit 1842 gebraut und die Stadt gab dieser Bierart, heute als Pils oder Pilsner bekannt auch den Namen. Pilsen bietet aber noch viel mehr Sehenswertes – wer mehr darüber wissen möchte, findet unsere Infos hier: https://ask-enrico.com/plzen-pilsen.

Für mich schmeckt das Proud 11 ähnlich dem Pilsner, würzig, aber nicht zu bitter. Leicht, gut passend zu einem Gulasch oder einem Steak. Aber auch ein guter Durstlöscher, wenn es heiß ist und man vielleicht gerade am Grill steht. 4,8% Alkohol sorgen auf nicht dafür, dass man sofort aus den Latschen kippt, wenn man ein Fläschchen zu sich genommen hat.

Während wir also unser erstes Fläschchen Bier genießen, erzählen uns Martin und Jakub von ihren Biertouren. Wer nach Prag kommt, sollte nicht schlechtes Bier genießen müssen und sich vor allem in den kleinen Brauereien einmal umsehen. Auf den verschiedenen Touren, die man bei ihnen buchen kann, wird man nicht nur in die Geheimnisse des Bierbrauens eingeführt und lernt einige der Minibrauereien kennen, sondern kann gleichzeitig auch gleich tschechische Spezialitäten verkosten, die gut zu Bier passen. Ich bedaure gleich sehr, dass dies bei unserer Online-Verkostung nicht möglich ist. Aber immerhin öffnen wir schon unser zweites Fläschchen.

Hui, schon beim 2.Bier die Flasche verwackelt ...
Hui, schon beim 2.Bier die Flasche verwackelt...

Dieses Bier nennt sich Cobolis IPA. Ich erfahre, dass IPA heute der weltweit am meisten verwendete Bierstil unter den Mini-Brauereien ist. Unser „Testbier" stammt vom Braumeister des Jahres 2018 aus der Minibrauerei Cobolis in Prag.

6,5% Alkohol – aber angenehm bitter – trotzdem aber ein runder Geschmack. Jakub erzählt uns, dass dafür kein tschechischer Hopfen verwendet wird, sondern dass dieser zum Großteil aus den USA stammt. Hmm, ich bin fast ein wenig entsetzt :-)

Habt ihr schon einmal Bier gebraut? Ist es gelungen? Wenn nicht oder wenn ihr es einmal versuchen wollt: auch dann kann Prag euer Reiseziel sein. Martin und Jakub bieten auch Bier-Workshops an, bei denen man eine kleine Einweisung ins Bierbrauen erhält. Soll angeblich ganz leicht sein. Ob das allerdings dann auch schmeckt?

Inzwischen sind wir bei unserer 3.Kostprobe angelangt und diese ist etwas ganz Besonderes: Ein Russioan Imperial Sout Tramvaj22.

Da fährt die Tramway ab ...
Da fährt die Tramway ab ...

Ich gieße mir das Bier ins Glas – es ist dunkel und ein vollmundiger Duft kommt mir in die Nase. Hmm, schmeckt nicht schlecht. Ich erinnere mich, dass ich schon einmal so ein Bier getrunken habe. Wo? Natürlich in Tschechien – bei einem Ausflug zur wunderschönen Burg Zvíkov, in einer Brauerei ganz in der Nähe der Burg, der Pivovarsky dvůr Zvíkov. Wenn ihr diesem Link folgt, erfahrt ihr mehr über die Brauerei, über die sehenswerte Burg und den tollen Stausee gibt es hier einen Bericht.

Ja, schmeckt
Ja, schmeckt

Unser heutiges Stout schlägt mit 8,5% Alkohol zu Buche, wurde zum Bier des Jahres 2019 erkoren, gewann die silberne Bierbrauermedaillie in 2019 und wurde auch bereits 2018 ausgezeichnet. Und ja, ich kann mir dazu ein Schokolademouse oder eine Sachertorte (es muss ja nicht die Originale sein, die ist mir zu trocken) sehr gut vorstellen. Und ja, man kann die Schokolade- und die Kaffeetöne erschmecken. Diese Biersorte ist schwer zu produzieren, das Bier muss lange reifen, und einige Biere dieser Sorte eignen sich auch sehr gut zur Archivierung. Unsere Bierspezialisten in Prag bezeichnen es als das „Sahnehäubchen" am Ende eines Abends (oder eben einer Verkostung) und da haben sie wohl Recht.

Obwohl ich alle drei Flaschen nur angenippt habe, bin ich recht gut gelaunt und ein bisschen traurig, dass wir nicht weiter verkosten können. Ich hätte nicht gedacht, dass so eine Verkostung auch Online Spaß machen kann. Dennoch: Ich freu mich schon drauf, Prag wieder einmal zu sehen – und dann sollte so eine Biertour auch am Programm stehen. Es macht eben doch einen Unterschied, ob man live in der Brauerei steht und vielleicht sogar das Bier direkt aus dem Tank zapfen kann und noch dazu einige köstliche Bierspezialitäten zum Essen dazu bekommt oder allein vorm Bildschirm sitzt. Aber: in Zeiten wie diesen ist man auch darüber schon glücklich.

  Prost und Na zdraví