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Glampyarding und die Geschichte der alexandrinischen Frauen

Die alexandrinischen Frauen (Foto © openvillages)Die alexandrinischen Frauen (Foto © openvillages)

Obwohl das Corona-Virus und die Lockdowns die Schicksale der Flüchtlinge von den Headlines verdrängt haben, möchte ich euch heute eine ganz andere Flüchtlingsgeschichte vorstellen und auch gleich einen Tipp für den nächsten Urlaub geben. Ja, wir werden wieder reisen können…

Viel wird und wurde über Flüchtlinge, besonders die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge geschrieben und von vielen auch darüber geschimpft. So als wäre uns dies vollkommen fremd. Ist es auch all jenen, die in einem warmen Heim sitzen können und nicht damit zu kämpfen haben, womit sie ihre Kinder ernähren sollen oder auch kleiden. Doch solche Zeiten gab es früher auch einmal in Europa.

Sie kamen nach Alexandria als Hausgehilfinnen, Köchinnen und Kindermädchen (Foto © openvillages)
Sie kamen nach Alexandria als Hausgehilfinnen, Köchinnen und Kindermädchen (Foto © openvillages)

Im 18. und 19. Jahrhundert zog es viele Europäer in die Welt hinaus: um ihr Überleben zu sichern und auch um ein besseres Leben zu führen. Als Beispiele möchte ich hier nur die Iren erwähnen, die nach den fürchterlichen Missernten im 19. Jahrhundert das Land verließen (siehe hier). Aber auch die Bewohner des heutigen Burgenlandes haben schon früh ihr Wohl im „Auswandern" gesucht und sind daher in großer Zahl nach Amerika ausgewandert (mehr darüber findet ihr hier). Man ist also auch in Europa nicht nur vor Krieg geflohen, sondern auch wenn man sein Leben und das der Familie von Hunger bedroht sah oder eine bessere Zukunft in einem fernen Land erwarten konnte. Der Unterschied zur Gegenwart ist nur die sprachliche Bezeichnung: trifft es unsere Ahnen, sprechen wir von einer Auswanderungsbewegung, trifft es die heutigen Ankömmlinge nennen wir sie Wirtschaftsflüchtlinge. Die Beweggründe beider scheinen mir dieselben zu sein.

Eine Reisetruhe oder ein Koffer findet sich noch in vielen Familien auf dem Dachboden (Foto © openvillages)
Eine Reisetruhe oder ein Koffer findet sich noch in vielen Familien auf dem Dachboden (Foto © openvillages)

Auch in Slowenien gab es diese „Auswanderungsbewegung" und sie zeichnete sich durch einige Besonderheiten aus: Es waren die Frauen, die sich aufmachten, um zu arbeiten und sich selbst und ihren Familien ein Überleben zu sichern und sie zogen nicht in die USA oder nach Kanada oder Australien, sondern nach Ägypten, nach Alexandria.

In den Theaterstücken erfährt man auch einiges über die damalige Mode (Foto © openvillages)
In den Theaterstücken erfährt man auch einiges über die damalige Mode (Foto © openvillages)

Im Dorf Prvačina erinnert man sich noch heute an das einzigartige Erbe dieser Frauen, dass einerseits von einer Tragödie und andererseits von ihrer Emanzipation geprägt war. Erst ab 2005 begann man sich langsam an diese Zeit und an das Schicksal der Vorfahrinnen zu erinnern, die nach Ägypten reisten, um ihre Lebenssituation zu verbessern. Heute gibt es nicht nur ein Museum, das an die „Alexandrinerinnen" erinnert, sondern auch eine Gesellschaft, die dieses Kulturerbes weiter pflegt und auch gerne Urlaubern vermittelt.

Foto © openvillages
Foto © openvillages

Obwohl es auch in anderen Dörfern Sloweniens Frauen gab, die auswanderten, war Prvačina der Mittelpunkt der damaligen Bewegung. Daher gibt es fast kein Haus in dem Ort, in dem nicht zumindest eine „Alexandrinerin" gelebt hätte, fast keinen Dachboden, auf dem man nicht eine Reisekiste oder zumindest einen Koffer der damaligen Auswanderinnen finden kann. Es gibt auch kaum ein Kind im Dorf, das nicht mit den märchenhaften und mythologischen Erzählungen aufgewachsen wäre.

Auch ihren Kindern sollte es einmal besser gehen (Foto © openvillages)
Auch ihren Kindern sollte es einmal besser gehen (Foto © openvillages)

Heute beschäftigen sich zwei Vereine aktiv mit der Pflege der Vergangenheit. Während sich einer hauptsächlich um den Aufbau und die Erhaltung der Sammlung, um Recherche und Ausstellungsvorbereitungen, sowie um die Veröffentlichungen des Museum kümmert, konzentrieren sich die Mitglieder des anderen Verbandes mit ihrer Theatergruppe die Vergangenheit wieder lebendig zu machen und sorgen durch ihre Aufführungen, dass nicht nur ein Teil der damaligen Mode, wie Kleider, Handtaschen und Schuhe und vor allem auch der damalige typische Dialekt nicht verloren geht. Mit ihren Theaterstücken sorgen sie auch für Urlauber für ein unvergessliches Erlebnis, das sich nun in die Angebote der Offenen Dörfer eingliedert.

Wie wäre es mit einem Foto? (Foto © openvillages)
Wie wäre es mit einem Foto? (Foto © openvillages)

Im Zusammenhang mit einer Führung durch das Museum und einer Theateraufführung kann man auch typische kulinarische Spezialitäten kennenlernen: eine Mischung aus der nahöstlichen Küche und Rezepten der Küste werden in Form eines Frühstücks oder eines Snacks angeboten. Außerdem haben die Besucher die Möglichkeit sich in Kopien der Originalkleidung der alexandrinischen Frauen zu kleiden und sich zur Erinnerung an ihren Ausflug fotografieren zu lassen.

Foto © openvillages
Foto © openvillages

Damals wie heute sind die Schicksale der Menschen mit Tränen, Sehnsucht, großen Opfern und tragischen Schicksalen verbunden. In diesen Geschichten stecken aber Mut, Unternehmertum, Witz, Anpassungsfähigkeit und der Erwerb von Fähigkeiten und Wissen. All dies ist Teil eines wertvollen Erbes, das auch die Menschen hier in Slowenien geprägt hat und wert ist, sich daran zu erinnern und der Nachwelt zu erhalten.

Das Museum erinnert an frühere Zeiten (Foto © openvillages)
Das Museum erinnert an frühere Zeiten (Foto © openvillages)

Im Rahmen der Angebote der Open Villages können wir es nun – neben vielen anderen Möglichkeiten – kennenlernen. Am Land, in der wunderschönen Natur Sloweniens ermöglicht die neue Art des Urlaubes – Glampyarding – die Tradition, die Geschichte und die Lebensweise der Bevölkerung kennenzulernen. Man wohnt in einem, mit allem Komfort ausgestatteten Mobilheim und begibt sich per Radesel (auch elektrisch möglich), auf dem Rücken der Pferde, per Pedes oder mit dem Auto zu den einzigartigen Plätzen und Geschichten der Offenen Dörfer. Kulinarische Entdeckungen inklusive.  

.Schaut doch hin und wieder auf der Website der Open Villages vorbei: www.odprtevasi.si/de/ - die deutsche Variante ist allerdings noch im Aufbau. Buchungen sind aber bereits für die Zeit ab Juni 2021 möglich.
Reiseträume Teil 1: Der slowenische Karst
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