Enricos Reisenotizen

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Die Albertina zeigt die Revolution des Primitivismus

Amedeo Modigliani: Liegender Akt, 1917, © bkp Metropolitan Museum of ArtAmedeo Modigliani: Liegender Akt, 1917, © bkp Metropolitan Museum of Art

Zum 100. Todestag von Amedeo Modigliani widmet ihm die Albertina eine große Schau, bei der bedeutende WErke aus den renommiertesten Museen und Privatsammlungen aus drei Kontinenten zu sehen sind.

Amedeo Modigliani. Ich gestehe, dass ich mit dem Namen beim ersten Hören nichts anfangen konnte. Eigentlich auch nicht beim zweiten Mal hören. Grund genug mit einer Freundin die Ausstellung zu besuchen und den Künstler kennen zu lernen.

  Daher ein kurzer Blick auf sein Leben:

Amedeo Modigliani wurde im Juli 1884 in Livorno geboren und litt bereits als Kind an einer Lungenschwäche, die in zwingt die Schule vorzeitig aufzugeben. Bereits mit 16 Jahren erkrankt er erstmals schwer an Tuberkulose.

Amedeo Modigliani und seine spätere Frau Jeanne Hébuterne
Amedeo Modigliani und seine spätere Frau Jeanne Hébuterne

Dennoch studiert er Malerei in Florenz und Venedig, um 1906 nach Paris zu übersiedeln, wo er sofort Anschluss an den Künstlerkreis um Picasso, Apollinaire, Max Jacob, Derain und Brancusi findet. Die ersten Ausstellungsbeteiligen bleiben jedoch wie auch spätere wirtschaftlich wie künstlerisch erfolglos.

Constantin Brancusi, Mademoiselle Pogany I, 1913
Constantin Brancusi, Mademoiselle Pogany I, 1913 

Modigliani widmet sich zuerst ausschließlich der Bildhauerei. Seine ruhigen, frontalen, meist langgezogenen Köpfe zeigen die Einflüsse afrikanischer und asiatischer Kunstströmungen. Dieser Blick aus Europa hinaus war damals durchaus en vogue. Modigliani geht es finanziell extrem schlecht, mehrmals muss er in Paris umziehen, 1913 kehrt er nach Livorno zurück und träumt davon den schneeweißen Marmor des berühmten Carrara Steinbruchs für seine Kunstwerke einsetzen zu können. Eine weitere schwere Erkrankung verhindert diesen Wunsch. Modigliani muss die Bildhauerei aufgeben und wendet sich der Malerei zu.

Modigliani kehrt wieder nach Paris zurück und wohnt während des Ersten Weltkriegs bei seiner Freundin Beatrice Hastings, einer englischen Autorin, am Montmartre. Später übersiedelt er auf den Montparnasse, gehört dort zum Kreis um Chaïm Soutine, Picasso, Juan Gris und Diego Rivera. Alkohol- und Drogenexzesse machen auch die Presse aufmerksam. 1916 erhält er einen Vertrag vom Kunsthändler Leopold Zborowski, der ihm auch zum Aktzeichnen bringt und ihm Modelle wie auch ein Atelier zur Verfügung stellt. Eine Ausstellung 1917 gerät zum Skandal, da einer der Akte im Schaufenster der Galerie präsentiert wird. Die Polizei droht mit Schließung, der Akt wird abgehängt, Modigliani verkauft kein einziges Bild. 

Anfang 1917 lernt der Künstler aber auch die große Liebe seines Lebens kennen: die Kunststudentin Jeanne Hébuterne, deren Familie sie auf Grund dieser unmoralischen Beziehung verstößt.

Amedeo Modigliani - Beatrice Hastings
Amedeo Modigliani - Beatrice Hastings

1918 fliehen beide vor dem Krieg nach Nizza und Cagnes-sur-Mer. Auch hofft Modigliani im Süden auf Besserung seiner sich dramatisch verschlechternden Tuberkulose-Erkrankung. Doch diese Hoffnung bleibt unerfüllt. Nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Jeanne im November kehrt Modigliani schwer krank 1919 nach Paris zurück. Erste künstlerische Erfolge stellen sich ein.

Amedeo Modigliani - Diego Rivera, 1914
Amedeo Modigliani - Diego Rivera, 1914

Doch im Jänner 1920 stirbt Amedeo Modigliani im Pariser Krankenhaus Charité mit nur 35 Jahren. Er hinterlässt seine einjährige Tochter und seine Frau, die wieder im 8 Monat schwanger ist. Sie folgt im zwei Tage später in den Tod, indem sie sich aus dem Fenster stürzt.
Es war also ein kurzes Leben, ein Leben das zur Legende dient.

  Die Ausstellung

Die Ausstellung in der Albertina präsentiert den Künstler in der Ganzheit seiner Arbeiten: Zeichnungen, Skulpturen und Gemälde sind hier gleichzeitig zu sehen und werden zusätzlich noch Werken seiner Zeitgenossen und Kunstkollegen gegenüber gestellt. Auch Picasso, Derain und Brancusi, die zum Kreis von Modigliani gehörten sind in der Schau zu sehen.

Amedeo Modigliani, Sitzender Akt, 1917
Amedeo Modigliani, Sitzender Akt, 1917

Mich beeindruckte wieder einmal mit welch wenigen – einfach anmutenden – Strichen den dargestellten Porträts Leben und Charakter eingehaucht werden kann. Die Köpfe sind langgezogen und erinnern an die Masken afrikanischer Künstler. Die Augen oft mandelförmig und das Augeninnere nicht ausgeführt, wie blind. Dies soll eine Schau ins Innere ausdrücken, lässt mich der Audioguide wissen. Bei manchen Bildern bin ich mir aber gar nicht so sicher. Bei genauer Betrachtung finde ich diese Augen nicht einfärbig, auch nicht blind, sondern für mich geben jeweiligen Porträt eine ganz bestimmte Anmutung.

Pablo Picasse
Pablo Picasso

Faszinierend war auch noch, dass zwar fast alle Porträts diese oben erwähnten Merkmale aufweisen, aber doch deutlich unterschiedliche Charaktere ausstrahlen. Es sind verschiedene Menschen, die hier porträtiert wurden, auch wenn die Umsetzung vielleicht einheitlich scheint, kann man doch ihre Verschiedenheit aus den Bildern und den Gesichtern lesen.

Amedeo Modigliani
Amedeo Modigliani

Ganz anders sind wieder einige der Akte gestaltet: Auch wenn hier ebenfalls die mandelförmigen Augen zu sehen sind, sind die Köpfe nicht so extrem langgezogen und die Proportionen wirken natürlicher.

Amedeo Modigliani
Amedeo Modigliani

Interessant sind auch die Farben und Hintergründe der Akte. Obwohl der Hintergrund eher von gedämpften Tönen lebt, ist Rot ziemlich oft vertreten - wenn auch nicht in knalliger Ausführung.

Amedeo Modigliani

Für mich jedenfalls war die Ausstellung und Amedeo Modigliani eine Entdeckung, ein Ausflug in eine andere Kunstwelt und –zeit, das Kennen lernen eines einzigartigen Künstlers und sein kurzes Leben und eine erweiterte Sicht auf die Zeit rund um die Jahrhundertwende, Paris und den Kreis um Picasso.

Pablo Picasso
Pablo Picasso

Die Albertina ist täglich von 10:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. Mittwoch und Freitag von 10:00 bis 21:00 Uhr. Tickets sind auch online erhältlich: https://shop.albertina.at/de/tickets/eintritt-tickets/

André Derain
André Derain

Zur Ausstellung ist ein Katalog auf Deutsch und Englisch erschienen, der im Shop der Albertina, sowie unter www.albertina.at erhältlich ist.

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