In der Arik Brauer Privatsammlung (Bildausschnitt)In der Arik Brauer Provatsammlung (Bildausschnitt)

Es war ein wunderschöner Abend, der viel Neues und Interessantes bot und wer die sog. Schule des Phantastischen Realismus und die Bilder von Arik Brauer liebt, der muss einfach eine Führung in diesem Museum machen. Unbedingt! 

Ich bin seit meiner Jugend (Gymnasialzeit: lang, lang ist es her) eine Anhängerin der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Irgendwie ist diese Gruppe von Künstlern (eine Schule im engeren Sinn des Wortes ist es ja nicht) auch daran schuld, dass mein Interesse für die Malerei und Kunst im weitesten Sinne geweckt wurde.

Ein Blick in die Ausstellung
Ein Blick in die Ausstellung

Ich bewunderte und bewundere noch heute die prächtigen Farben der Bilder, diese feingegliederten Arbeiten, die wunderbare Ausarbeitung, die teilweise im Stil alter Meister gemacht wird und die Geschichten, die Botschaft, die in fast allen Werken dieser Künstler steckt. Besonders Arik Brauer ist ein Geschichtenerzähler. Man muss sich nur auf seine Bilder einlassen.

Grausames in leuchtenden Farben: erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass dies keine Feier ist, sondern dass die Menschen auf ihren Tod warten um dann in die bereits ausgehobene Grube zu fallen
Grausames in leuchtenden Farben: erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass dies keine Feier ist, sondern dass die Menschen auf ihren Tod warten um dann in die bereits ausgehobene Grube zu fallen

Zum ersten Mal hatte mich die Bewunderung gepackt, als ich seinen Zyklus über die Menschenrechte gesehen habe. Die Bilder sind betäubend schön und grauslich zugleich. Brauer schafft es bei seinen Botschaften fast immer, die Schönheit und das Grauen gleichzeitig umzusetzen.

Durch Zufall habe ich dann über Facebook herausgefunden, dass es ein Privatmuseum gibt und seine Tochter Timna und seine Enkelin Jasmin Führungen anbieten und dass auch der Meister persönlich manchmal vorbeischaut. Doch die Termine waren rar und dann schlug leider die Pandemie zu. Es dauerte leider einige Zeit bis ich einen Führungstermin ergattern konnte. Zu spät, um eine Chance zu haben Arik Brauer persönlich kennen zu lernen.

Es ist wunderbar ihr zuzuhören: Timna Brauer erzählt über ihren Vater und seine Werke
Es ist wunderbar ihr zuzuhören: Timna Brauer erzählt über ihren Vater und seine Werke

Letzte Woche war es aber soweit. Wir sind rechtzeitig da und warten auf Einlass vor dem Haus in der Colloredogasse. Das Gebäude kann nicht verfehlt werden, bereits von außen kann man die typischen Werke von Brauer an den Fassaden erkennen.

Arik Brauer - schon an der Hausfassade Kunst
Arik Brauer - schon an der Hausfassade Kunst

Pünktlich geht es los und Timna Brauer begrüßt uns freundlich. Bald sind die Formalitäten: Check der Maske und 3G-Nachweis – wir sind ja immer noch in einer Pandemie – abgehandelt und wir dürfen ins „Allerheiligste".

Blick in die wunderbare phantastische Welt von Arik Brauer
Blick in die wunderbare phantastische Welt von Arik Brauer

Bereits im Stiegenhaus sind die ersten Werke zu sehen: Brauer war noch ein Kind als er diese Tiere und Frauenporträts malte. Diese Werke fallen mir später während der Aufführung eines kurzen Films über den Künstler ein, in dem mit Augenzwinkern er meint: „Jemand der mit 10 Jahren Porträts malen konnte, will auch weiterhin gegenständlich malen." Ich kann ihn verstehen.

Im Ausstellungsraum lebt sein Geist: den länglichen Raum dominieren großflächige Öl-Bilder, die ganz typisch für seine Arbeitsweise sind und die uns Timna Brauer anhand dieser Beispiele immer wieder nahe bringt: Die Geschichten im Bild, die Feinheit der Ausführung, die Farbgestaltung, seine großen Themen, seine Arbeitsweise. Dazwischen bringt sie uns den Menschen Arik Brauer näher, den Vater, den Ehemann.

Kinderzeichnungen ...
Kinderzeichnungen ...

Ich staune wieder einmal über die Bilder. Nach der Einführung durch Timna Brauer haben wir Gelegenheit sie genauer zu betrachten – und man kann lange vor jedem Werk verweilen und hat dann wahrscheinlich noch immer nicht alle Details gesehen.

Es sind aber nicht nur die großen Ölbilder, die beeindrucken. Obwohl Brauer ungern Porträts malte (es wird erzählt, er konnte sich vor allem bei Frauen nie entscheiden, sollte er sie "real" oder „schön" malen), gibt es in der Schau ein Bild seiner Frau, die er in den 1950er Jahren in Israel kennen lernte. Vielleicht ist es komisch und Einbildung, aber irgendwie vermittelt das Bildnis, wie sehr er sie geliebt haben muss.

DAs Bildnis seiner Frau
Das Bildnis seiner Frau

Daneben ausgestellt ist ein seltenes Kuriosum: Brauer malte die Mona Lisa von Leonardo da Vinci – allerdings nicht als junge Frau, sondern als 80-Jährige. Eine Ode an Leonardo da Vinci und er wollte damit zeigen, wie schön Frauen auch noch im Alter sein können.

Die 80jährige Mona Lisa, noch immer mit ihrem geheimnisvollen Lächeln (Ausschnitt)
Die 80jährige Mona Lisa, noch immer mit ihrem geheimnisvollen Lächeln (Ausschnitt)

Wieso die angeblichen Größen der Kunstwelt skeptisch auf seine und die Werke der Phantastischen Realisten insgesamt blicken ist mir schleierhaft. Die Bilder sind für mich nicht nur großartig gemalt und schön anzusehen, sie rütteln auf, sie überzeugen durch ihre Thematik, ihre Geschichten, das Aufzeigen von Problemen, Ungerechtigkeiten, grausamer Geschichte.

Ich finde sie einfach nur großartig.

Ich möchte euch hier daher noch einige Werke zeigen, die ich einfach unglaublich finde. An den Beispielen sieht man sicher besser, was ich meine:

Die Reichskristallnacht.  

Das Bild gehört zu einem Zyklus über die Verfolgung des jüdischen Volkes, den Arik Brauer in den 1970er Jahren begonnen hat. Brauer hat die Reichskristallnacht als Kind miterleben müssen, das Geschäft seines Vaters wurde geplündert, die Familie geriet in Lebensgefahr und Erich überlebte diese Zeit nur als U-Boot.

Fast unheimlich ausdrucksstark ... (Ausschnitt aus dem Bild
Fast unheimlich ausdrucksstark ... (Ausschnitt aus dem Bild "Die Reichskristallnacht" )

Es sind die Details, die so berühren: Das Gesicht und der Körper, der mit Glassplittern übersät ist, die Flasche mit der Aufschrift „Ottakringer Brauerei" (auch sie war ursprünglich in jüdischem Besitz), die braune „Suppe" im Hintergrund, in dem die winzigen Figuren die Plünderungen durchführen.

 Mein Vater im Winter

Daneben hängt sein wahrscheinlich zentralstes und wichtigstes Werk: Mein Vater im Winter.

Die Bilderklärung lautet: Mein Vater starb im Winter 1944 in einem Vernichtungslager in Lettland. Ein österreichischer SS-Mann riskierte viel und hing dem vor der Gaskammer Wartenden eine Decke um. Er ist in dem Bild als ein dunkler Vogel auf dem Kopf meines Vaters dargestellt. Der gelbe Davidstern ist wie eine Blume gestaltet. Die umzäunte Fläche ist ein zugefrorener See mit einer verwehten Schneedecke, die unter der blaugrünen Figur durchbricht. Der helle Schnee im Hintergrund bildet einen offenen Rachen, aus dem der dunkle Teil des Bildes - Figur und Himmel - herauswächst. (Arik Brauer)

Das Bild ist berührend, bedrückend und strahlt trotzdem so viel Kraft aus.

Brauer widmete sich in seinen Werken aber nicht nur der jüdischen Geschichte und dem Alten Testament. Auch die Umwelt, der Krieg und Frauenschicksale waren immer wieder seine Themen, denen er ganze Zyklen widmete.

  Die Insel der Seeligen


Interessant ist auch die Geschichte dieses Bildes, das Brauer im Jahre 1994 schuf, aber heute aktueller ist denn je. Wir alle sitzen in der Mitte am Tisch und lassen es uns gut gehen, doch einer darf nicht an unserer Tischgesellschaft teilnehmen. Er wird ausgeschlossen. Fast scheint es, als hätte er bereits damals das Flüchtlingsdrama vorausgesehen. Die Farben strahlen, wirken fröhlich und doch erzählt das Bild eine traurige Geschichte.

Die Insel der Seeligen - den Ihren geht es gut, aber sie schließt andere aus ...

In der Mitte des Raumes finden sich seine Skulpturen und auch dieses Spätwerk ist besonders. Allein schon die Namen treiben dem Besucher das Schmunzeln ins Gesicht: "Das Schlehmasel", "Die Suche nach dem G-Punkt-verzweifelt", "Der Zuhälter", "Der Pillenschlucker", "Der Wadlbeisser" oder "Die Religionsgemeinschaft", um nur einige zu nennen. Alle Darstellungen voll am Punkt.

Seine letzten Arbeiten sind sogar interaktiv angelegt und noch nicht ganz fertig. Brauer wollte, dass sich die Besucher mit seinen Werken beschäftigen und so entstand Figuren, die den Besucher auffordern etwas zu tun: „Such den Zahn", „Fang mich", „Schenk mir dein Auge"…

Ich könnte jetzt noch einiges weiter erzählen, aber alles wird nicht verraten.

Die Religionsgemeinschaft, Der Pillenschlucker - vorne Der G-Punkt ....
Die Religionsgemeinschaft, Der Pillenschlucker - vorne Der G-Punkt ....

Den Tipp gibt es allerdings schon: Schaut euch das an, hört euch die Erzählungen von Timna Brauer an. Ich habe viel Neues gehört und gelernt, viel Interessantes erfahren und mich dabei noch hervorragend unterhalten. Es werden gelungene (mindestens eineinhalb) Stunden. Im Sommer gibt es dann auch noch Führungen durch den Garten, wo noch mehr seiner „Gartenzwerge" stehen. Ich denke, da bin ich auch wieder dabei ….

Arik Brauer war auch ein phantastischer Zeichner ...
Arik Brauer war auch ein phantastischer Zeichner ...

Die Sammlung ist nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen. Die Tickets müssen im Voraus online über die Seite der Agentur Leuchtpunkte gebucht werden:https://ntry.at/ArikBrauer

Termine sind auch auf der Facebookseite zu finden: https://www.facebook.com/events/1103835726778627/

Ein weiterer Blick in die Ausstellung
Ein weiterer Blick in die Ausstellung
Arik Brauer Privatsammlung

1180 Wien, Colloredogasse 30

PS: Natürlich kann ich so eine Veranstaltung nicht ohne ein „Souvenir" verlassen. Diesmal waren es zwei Bücher von Arik Brauer, die sowieso schon lange auf meiner Shopping-Liste standen: „A Jud und keck a no" und „Wienerisch für Fortgeschrittene: Wean red wi Wean wü". Darüber dann demnächst unter den Buchtipps auf ask-enrico.com. Beide Bücher sind bei Amalthea erschienen.

Und weil ich eben nicht anders kann, muss ich euch hier noch ein paar Bilder bzw, Ausschnitte von Bildern oder Skulpturen zeigen:

Die bunte Hoffnung (Ausschnitt)
Die bunte Hoffnung (Ausschnitt)

Das Lebe auf unserem Planteten hat so manches erlebt: Vulkanausbrüche von gigantischer Gewalt, Zusammenstöße mit Sterntrümmern, Eiszeiten und Sintfluten. Das bunte Leben hat die Hoffnung nie aufgegeben und alles überstanden. Der Erdklumpen auf dem Bild hat als eine Art Arche Noah das Leben aufbewahrt und streut es kaum, dass die Eisdecke bricht, in alle Richtungen. Die Wesen entwickeln sich und bringen auch bald die Liebe wieder ins Land. Das gebrochene Weiß im Hintergrund ist oben begrenzt durch den dunkleren Himmel, der die beiden Hauptmotive überdacht. Das Paar ist als ein buntes, rotgrünes Dreieck gestaltet.

Arik Brauer
Die Baumseele
Die Baumseele

Ein Urwaldriese braucht zwanzig Jahrzehnte, um ein solcher zu werden. Abgeschnitten ist er in zwanzig Minuten, und was bleibt ist eine große Wunde, ein blutroter Friedhof für die zahllosen Lebewesen, für die der Baum Heimat und Wohnung war. Die Seele ist nicht darstellbar und wird im Bild von einem Mann vertreten, der mit dem Baum und von ihm gelebt hat. Er ist farbig ein Teil des Baumstrunks, das Rot von dessen Schnittfläche wird bei ihm zum Geäder oder Blutfluss oder roter Selbstbemalung. Die verdorrten Zweige des Baumes trägt er wie eine Dornenkrone. Die beiden unteren Drittel des Bildes sind ein dunkles Gewirr von braunen und grünen Tönen, darin das tragende Motiv: die rote Wunde umschwirrt von kleinen leuchtenden Elementen. Im oberen Drittel sind zwei dunkle Schwerpunkte: Mann und Flugkörper

Arik Brauer
Die Baumseele (Detail)
Die Baumseele (Detail)
Die Glocke der Freiheit
Die Glocke der Freiheit

Sie reißt sich die Zwangskleider vom Leib. Die unterdrückten Frauen der Dritten Welt haben begonnen die Glocke der Freiheit zu läuten. Es wird die größte Revolution aller Zeiten

Arik Brauer