Egon Schiele lädt uns in sein Geburtshaus ein

Der nächste Lockdown war fast schon absehbar, als ich mich auf den Egon Schiele Weg in Tulln begab. Daher konnte ich mit dem Besuch im Egon Schiele Museum beginnen – für Lockdown-Zeiten ist es aber auch ein guter Tipp auf den Spuren von Egon Schiele durch Tulln zu wandeln…

Strahlender Sonnenschein und warme Temperaturen empfangen mich in Tulln, die nicht nur als Garten- und Römerstadt, sondern auch als die Geburtsstadt Egon Schieles bekannt ist. Heute will ich nicht nur dem Egon Schiele Museum einen Besuch abstatten, sondern mich auch auf den Egon Schiele Weg durch seine Geburtsstadt begeben.

Egon Schiele – Ein Kurzporträt

Egon Leo Adolf Ludwig Schiele wird am 12. Juni 1890 in Tulln geboren. Sein Vater ist Stationsvorsteher, seine Mutter Marie stammt aus Krumau (Český Krumlov). Schiele hat drei Schwestern. Elvira, die älteste stirbt im Alter von 10 Jahren, Melanie und seine Lieblingsschwester Gerti überleben. Schiele besucht die Volksschule in Tulln und das Realgymnasium in Krems und Klosterneuburg. Allerdings glänzt er nicht als Schüler. Unter anderem wird vermerkt, dass er durch Zeichnen den Unterricht stört – er muss auch eine Klasse wiederholen. Das Verhältnis zu seiner Mutter ist schwierig. Obwohl sie sich bemüht den Jungen – auch in seiner künstlerischen Entwicklung – zu unterstützen, ihm als Kind immer wieder Spielsachen (Spielzeugeisenbahn-Garnituren) aus Wien mitbringt, finden beide nicht zu einander. Schiele äußert sich später auch teilweise abfällig über seine Mutter.

Porträt von Schieles Mutter Marie - derzeit in der Ausstellung in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln zu sehen
Porträt von Schieles Mutter Marie - derzeit in der Ausstellung in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln zu sehen

1905 stirbt sein Vater, sein Onkel und Taufpate Leopold Czihaczek übernimmt die Vormundschaft. Schiele bewundert den mondänen Lebensstil seines Onkels, seine elegante Kleidung, die prachtvolle Wohnung, die eigene Loge im Burgtheater, die jährlichen Fahrten auf Sommerfrische.

Leopold Czihaczek, 1907, © Sammlung E.u.H.H., derzeit zu sehen in der Schatzkammer des Museum
Leopold Czihaczek, 1907, © Sammlung E.u.H.H., derzeit zu sehen in der Schatzkammer des Museum

1906 wird er als erst 16jähriger in die Akademie der bildenden Künste in Wien aufgenommen. Dies verdankt er unter anderem Ludwig Karl Strauch, seinem Lehrer im Fach „Freihandzeichnen" am Klosterneuburger Gymnasium, der als einer der ersten Schieles Talent erkennt und fördert. Während er am Anfang auf seinen Schüler eher furchteinflößend wirkt, entsteht in kurzer Zeit eine enge Bindung zwischen Beiden. Schiele unternimmt mit seinem Lehrer viele Ausflüge und darf in dessen Atelier arbeiten. Bald allerdings wird ihm die künstlerische Nähe zu seinem Mentor zu eng und wirft ihm später vor, ihm seine Individualität geraubt zu haben.

Schieles Skizzenbuch - derzeit in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln zu sehen
Schieles Skizzenbuch - derzeit in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln zu sehen

1909 tritt Schiele nach Auseinandersetzungen mit seinem Lehrer Christian Griepenkerl aus der Akademie aus und gründet mit Gleichgesinnten die „Neukunstgruppe" – es kommt auch zum Bruch mit seinem Onkel, der die Vormundschaft zurücklegt und dadurch Schiele auch in Geldnöten zurück lässt.

Zu dieser Zeit hat Schiele allerdings bereits die Bekanntschaft von Gustav Klimt gemacht, der ihn fördert und an Sammler und Kunstfreunde vermittelt. Ebenso hat Schiele bereits 1908 zum ersten Mal an einer Ausstellung – im Kaisersaal des Stiftes Klosterneuburg - , aber auch an der „Internationalen Kunstschau" in Wien teilgenommen.

Blick auf das Stift Klosterneuburg - derzeit in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums zu sehen
Blick auf das Stift Klosterneuburg - derzeit in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums zu sehen

In den folgenden Jahren macht er die Bekanntschaft vieler Sammler, Verleger und hat auch Kontakt zu den Architekten Otto Wagner und Joseph Hoffmann, dem Gründer der Wiener Werkstätte für die Schiele zeitweise auch tätig ist.

1911 reist er mit seiner Freundin Wally Neuzil nach Krumau. Doch auch hier, in der Geburtsstadt seiner Mutter eckt Schiele mit seinem Lebensstil an: mit einem Mädchen in wilder Ehe zu leben und von jungen Mädchen Aktzeichnungen anzufertigen ist für die damalige Zeit mehr als anstößig. Mehr oder weniger direkt werden Schiele und Wally aufgefordert die Stadt zu verlassen.

Was es genau mit dieser Zeichnung von Egon Schiele auf sich hat, erfahrt ihr bei einer Führung im Egon Schiele Museum in Tulln. Oder im vorangegangen Artikel am Blog ...
Was es genau mit dieser Zeichnung von Egon Schiele auf sich hat, erfahrt ihr bei einer Führung im Egon Schiele Museum in Tulln. Oder im vorangegangen Artikel am Blog ...

Zurück in Wien arbeitet er weiter und nimmt verstärkt an Ausstellungen im In- und Ausland teil.
Bald danach erfolgt der Umzug nach Neulengbach und auch gleich seine Verhaftung. Kindesent- und –verführung lautet die Anklage. Nach einer Untersuchungshaft von 24 Tagen wird diese Anklage zwar fallen gelassen aber er wird zu drei Tagen Arrest wegen der Zeichnungen in seinem Atelier verurteilt. Diese seien für „Jugendliche zugängliche" Pornographie". Schiele kehrt nach Wien zurück.

Familie Schiele im Egon Schiele Museum Tulln
Familie Schiele im Egon Schiele Museum Tulln

1915 wird Schiele zum Kriegsdienst eingezogen und heiratet vor seiner Abreise nach Prag Edith Harms. Schiele ist in Prag und Neuhaus, dann in der Nähe von Wien und schließlich im Kriegsgefangenenhaus in Mühling stationiert, wobei er immer wieder auch seiner künstlerischen Arbeit nachgehen kann. Er bemüht sich um eine Versetzung ins Heeresmuseum nach Wien, die ihm schließlich auch gewährt wird.

1918 schließlich stirbt seine Frau Edith im sechsten Monat schwanger am 28. Oktober an der damals grassierenden Spanischen Grippe. Schiele überlebt seine Frau nur um drei Tage, er erliegt am 31. Oktober der Epidemie. Schiele wurde nur 28 Jahre alt und liegt mit seiner Frau am Friedhof in Ober St. Veit in Wien begraben.

Gedenktafel am Bahnhof
Gedenktafel am Bahnhof

Schiele hat also über ein Drittel seines Lebens in Tulln bzw. im heutigen Niederösterreich zugebracht. Von seinen ersten Zeichnungen aus, die die vorbei fahrenden Züge des Bahnhofs, seines Geburtshauses, zeigten und die er am Dach desselben sitzend, zeichnete bis zu seinem Arrestaufenthalt in Neulengbach oder seinen ersten Ausstellung und seinen Schulbesuchen in Krems und Klosterneuburg.

Das Egon Schiele Museum

Mein Ausgangspunkt bei der „Wanderung" war das Egon Schiele Museum an der Donaulände in Tulln. Da es ein Rundweg ist, kann man natürlich an jedem anderen Punkt des Weges beginnen. Ich finde es aber trotzdem als schönen Startpunkt in die Welt von Egon Schiele, beschäftigt es sich doch in erster Linie mit dem Mensch und dem Leben des Künstlers.

Blick auf das Egon Schiele Museum in Tulln
Blick auf das Egon Schiele Museum in Tulln

Während sich die „Schatzkammer" des Museums in wechselnden Ausstellungen den Werken des Künstlers widmet, zeigt die Dauerausstellung des Museums den Menschen und die Familie Schiele. Alessandra Comini, einer Texanerin aus Dallas, die sich auf die Spuren von Schiele begab, gelang es in vielen Gesprächen mit den Schwestern und der Schwägerin von Schiele ein sehr privates Bild des Künstlers zu zeichnen.

In der Schatzkammer mit Kurator Christian Bauer
In der Schatzkammer mit Kurator Christian Bauer

In sechs Stationen können die BesucherInnen diesen Gesprächen im ersten Stock des Museums lauschen, ergänzt durch Berichte namhafter ForscherInnen und den kurzen Biographien seiner Eltern Adolf und Marie Schiele, der Schwestern Melanie und Gertie sowie von Wally Neuzil und Edith Harms.

Im Erdgeschoss kann man den Kurzbiographien der Familienmitglieder Schieles lauschen
Im Erdgeschoss kann man den Kurzbiographien der Familienmitglieder Schieles lauschen

Auf den gegenüberliegenden interaktiven „Schreibtischen" können diese ersten Eindrücke vertieft werden und so verschiedene Themen mit Erzählungen aus sprichwörtlich erster Hand verfolgt werden.

Schiele Forscher erzählen (Foto © Daniela Holzer)
Schiele Forscher erzählen (Foto © Daniela Holzer)

Die diesjährige Sonderausstellung in der Schatzkammer des Museums zeigt unter dem Titel „Familie, Freunde, Wegbegleiter" Frühwerke des Künstlers. Wie sie mir gefallen hat, habe ich bereits im vorangegangenen Artikel erzählt. Ihr findet den Bericht hier.

Mit Alessandra Comini auf der Reise durch Egon Schieles Leben (Foto © Martina Siebenhandl)
Mit Alessandra Comini auf der Reise durch Egon Schieles Leben (Foto © Martina Siebenhandl)

Nachdem ich also ins Leben von Egon Schiele im Museum eingetaucht bin, mache ich mich bei schönstem Wetter auf den Weg. Werfe noch einen kurzen Platz auf den Spielplatz vor dem Museum und auf die Donaubühne. Bewundere noch kurz das gestaltete Eingangsgitter des Museums und das Schiele Denkmal vor dem Museum und spaziere dann nach rechts entlang der Donau los.

Auf dem Egon Schiele Weg 

Das Wasserkreuz 

Fast wäre ich vorbei gegangen, doch dann ist mir doch das Gebäude irgendwie ins Auge gestochen und ich habe ein paar Schritte zurück gemacht, um es genauer zu inspizieren. Das Haus ist der ehemalige Gasthof „Zum Goldenen Lamm", an dem das sogenannte Wasserkreuz angebracht ist.

Die Kapelle mit dem Wasserkreuz
Die Kapelle mit dem Wasserkreuz

Die nahe Donau hat hier immer wieder für Überschwemmungen gesorgt und damit auch für Zerstörungen in der Stadt gesorgt. Das riesige Kreuz wurde am 21. Februar 1729 in Tulln ans Ufer geschwemmt und aufgestellt. Fischer und Schiffer verehrten das einfache Holzkreuz, BürgerInnen der Stadt errichten eine Kapelle.

Die Donau zeigte nicht nur zu Schieles Zeiten unterschiedliche Gesichter: während die schöne blaue Donau in ruhigen Zeiten gemächlich dahin fließt, kann sie nach langem Regen oder der Schneeschmelze ein reißender Fluss werden, der über seine Ufer tritt und alles in seiner Umgebung vernichtet. Verheerende Überschwemmungen und auch Eisstöße an der Donau sorgten immer wieder für Leid und auch Todesopfer.

Blick auf das Wasserkreuz
Blick auf das Wasserkreuz

Die Donau zeigte nicht nur zu Schieles Zeiten unterschiedliche Gesichter: während die schöne blaue Donau in ruhigen Zeiten gemächlich dahin fließt, kann sie nach langem Regen oder der Schneeschmelze ein reißender Fluss werden, der über seine Ufer tritt und alles in seiner Umgebung vernichtet. Verheerende Überschwemmungen und auch Eisstöße an der Donau sorgten immer wieder für Leid und auch Todesopfer.

Die besondere Lage von Tulln am Donauufer sorgte zwar dafür, dass die Stadt nicht nur Römerlager und Flottenstützpunkt wurde, sondern leider auch für Verwüstung und Zerstörung. Besonders zu Allerheiligen pilgerten daher die Tullner zu ihrem „Wasserkreuz" um für die Flusstoten zu beten.

Zweimal gab es in der Kindheit von Egon Schiele Hochwasseralarm: 1897 und 1899. Da die Familie ihre Wohnung am Bahnhof der Stadt hatte, waren sie davon allerdings nicht betroffen.

Mir scheint das Wasserkreuz und die Johannes Kapelle schon ein bisschen renovierungsbedürftig. Aber die Geschichte, dass ein solches Kreuz von den Fluten der Donau hier angeschwemmt wurde hat mir gefallen.

Der Römerturm 

Weiter geht es entlang der Donau. Die Brücke spiegelt sich im Wasser, die ersten Krokusse blühen – ich bin von der Tagestemperatur begeistert – als ich vor einem Reiterstandbild Halt mache: Marc Aurel blickt auf den Fluss und auf mich herab. Hier in der Nähe muss dann auch der Römerturm sein, der wie Marc Aurel daran erinnert, dass sich in Tulln auch schon die Römer tummelten. Wieder etwas gelernt. Ich dachte immer, bis Vindobona sind sie gekommen und dann war Schluss. Das soll aber nicht die einzige historische Überraschung des heutigen Tages sein.

Marc Aurel blickt auf die Donau und die Eisenbahnbrücke
Marc Aurel blickt auf die Donau und die Eisenbahnbrücke

Hier in Tulln waren also auch die Römer zu Hause. Comagenis nannte sich das Kastell, das sie hier vor fast 2000 Jahren errichteten, um mit mehr als 1.000 Reitern die Furt über die Donau zu kontrollieren und die Nordgrenze des römischen Reiches vor Barbareneinfällen zu schützen. 400 Jahre später wird das Lager zwar geräumt, aber der Flankenturm bleibt erhalten und wird Teil der alten Stadtbefestigung. Bedeutung erhält Tulln allerdings erst wieder im Mittelalter als Handelsstadt: wieder ist es die Donau, der die Stadt ihre Bedeutung verdankt. Weit und breit gibt es keine bessere Möglichkeit um den Fluss zu überqueren. Dennoch ist dieser Übergang nach wie vor gefährlich.

Der Römerturm
Der Römerturm

Mit der Kaiser-Franz-Joseph-Bahn und der eisernen Bahnbrücke, die nun über den Fluss führt, wird Tulln allerdings zu einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt in der österreich-ungarischen Monarchie. Und Egons Vater wird zum Bahnhofsvorstand von Tulln befördert. Egon kommt als erstes Baby 1890 in der großen Dienstwohnung am Bahnhof zur Welt. Bald wird er am Dach des Bahnhofs sitzen um den Zügen näher zu sein, die er zeichnet.

Das Römermuseum 

Ein bisschen macht sich bei mir der Eindruck breit, dass die Verbindungen einiger Stationen am Egon Schiele Weg mit Schiele schon ein bisschen an den Haaren herbei gezogen sind. Oder nennen wir es vielleicht „großzügig" gesehen werden. Dennoch es ist trotzdem schön, einmal die Stadt Tulln näher kennen zu lernen. Nun bin ich auf meinem Spaziergang beim Römermuseum, mehr oder weniger gleich ums Eck vom Römerturm, angekommen. Zuerst finde ich den Eingang gar nicht, was aber auch kein Wunder ist, da in Zeiten der Pandemie das Museum sowieso geschlossen hat. Damit habe ich bereits den ersten Grund noch einmal hierher zu kommen.

Das frühere Dominikanerinnenstift - heute Römermuseum
Das frühere Dominikanerinnenstift - heute Römermuseum

Ich laufe die Treppe hinunter und erwarte eigentlich eine Geschäftszeile. Mitnichten, hinter den Glasfenstern verbergen sich die Ausgrabungen der Stadt.

Die römischen Ausgrabungen
Die römischen Ausgrabungen

Das Gebäude an sich hat eine wechselhafte Geschichte. Ursprünglich war es ein Teil des Stifts der Dominikanerinnen. Das Stift fällt jedoch einem Feuer zum Opfer, beim Wiederaufbau verschulden sich die Ordensfrauen und müssen das Stift verlassen. Das Gebäude wird als Sanatorium genutzt, in dem reiche PatientInnen mit Nervenkrankheiten und Wahnvorstellungen behandelt werden. Egons Schieles Vater leidet ebenfalls an den Spätfolgen seiner Syphiliserkrankung, was sich mit Gedächtnisverlust, Halluzinationen und Demenz bemerkbar macht. 1904 wird Adolf Schiele daher „aus Gesundheitsrücksichten vom Vorstandsdienst enthoben". Egon kämpft sich während dieser Zeit in Klosterneuburg durch das Realgymnasium und sieht den Vater nur mehr an den Wochenenden.

Römische Ausgrabungen
Römische Ausgrabungen

2001 erhält das Gebäude eine neue Funktion: im früheren Priorat des Dominikanerinnenstiftes wird das Römermuseum eröffnet.

Das Schiele Familiengrab

Es ist ein kleiner Friedhof, an einer Hauptstraße gelegen. An den Rändern sieht man oft wunderschön gestaltete Grabsteine, verziert mit Engeln und Spruchbändern. Eigentlich hätte ich so eine Gestaltung auch für die Schieles erwartet. Immerhin war Vater Schiele ja angesehener Bahnhofsvorstand und sein Sohn ein berühmter Künstler der Stadt. Aber der berühmte Sohn ruht nicht hier.

Der Hinweis ist wichtig
Der Hinweis ist wichtig

Das Grab, in dem die Familie von Egon Schiele ruht, ist eher unscheinbar und wäre nicht das Symbol des Schiele Weges am Boden gezeichnet gewesen, ich hätte es wahrscheinlich gar nicht gefunden. Hier sind Egons Eltern Adolf und Marie, sowie seine ältere Schwester Elvira begraben.

Das Grab der Familie Schiele am Tullner Friedhof
Das Grab der Familie Schiele am Tullner Friedhof

Egon Schiele selbst ist in einem ehrenhalber gewidmeten Grab auf dem Ober-St. Veiter Friedhof (Gruppe B, Reihe 10, Nummer 15/16) neben seiner Frau beigesetzt.

Der Bahnhof  

Ich gehe jetzt aber weiter durch die Stadt Richtung Bahnhof. In diesem Bahnhofsgebäude, das noch ziemlich so aussieht wie zu Zeiten Egon Schieles, hatte sein Vater, der Bahnhofsvorsteher seine große Dienstwohnung und hier kam Egon Leo Adolf Schiele am 12. Juni 1890 zur Welt.

Renoviert ist er schon, der Bahnhof Tulln, ansonsten hat sich das Gebäude äußerlich nicht viel gegenüber den Zeiten von Egon Schiele geändert
Renoviert ist er schon, der Bahnhof Tulln, ansonsten hat sich das Gebäude äußerlich nicht viel gegenüber den Zeiten von Egon Schiele geändert

Heute ist die Wohnung ein kleines Museum, das man gegen einen Eintritt von 2 Euro selbständig besuchen kann. Die Wohnung ist ziemlich groß, Bahnhofsvorstand war ein gut bezahlter Beruf und Marie Schiele, seine Mutter, stammte aus einer wohlhabenden Familie. Die Schieles konnten sich sogar ein Dienstmädchen leisten.

Egon persönlich lädt in seine Wohnung ein
Egon persönlich lädt in seine Wohnung ein

Diese scheinen allerdings oft nicht zur Zufriedenheit der Dame des Hauses gearbeitet zu haben, denn sie wechselten häufig.

Schiele erzählt ...
Schiele erzählt ...


Egon verbringt hier seine Kindheit. Die Eisenbahn, die Züge, die Geräusche, all das beeindruckt den Jungen. Schon bald beginnt er zu zeichnen. Um die Lokomotiven und Waggons besser zeichnen zu können, klettert er aus dem Fenster und setzt sich auf das Vordach.

Ob Egon wohl hier auf diesem Dach gesessen ist und die Züge gezeichnet hat?
Ob Egon wohl hier auf diesem Dach gesessen ist und die Züge gezeichnet hat?

Im kleinen Museum kann man nicht nur einiges über den „Hausgebrauch" erfahren, sondern auch erahnen, wie die Wohnung eingerichtet war, wo der Bub mit seinen Schwestern lebte. Die Originalmöbel sind nicht mehr vorhanden, um aber zu visualisieren, wie es ausgesehen haben mag wurde die Wohnung mit Möbelstücken aus dieser Zeit eingerichtet. Um aber zu zeigen, dass es nicht die Originaleinrichtung ist, erhielten sie einen grauen Anstrich.
Noch heute kann man den Ausblick des kleinen Egon aus den Zimmerfenstern auf den Bahnhof nachvollziehen.

Der Bahnhof an sich ist nun natürlich modernisiert und eine kleine „Galerie" seiner Bilder an der Wand beim Stiegenabgang zu den Bahnsteigen erinnert auch hier an den Künstler.

Beim Heisselgarten

An dieser Stelle des Weges habe ich eigentlich nur das Straßenschild gefunden. Auch die drei Audiofiles, die man sich über die Website anhören kann, geben eigentlich keinen Aufschluss des Zusammenhangs zwischen dem Tod seiner Schwester Elvira, die mit 10 Jahren verstirbt und der Beschreibung des Krankheitsverlaufs seines Vaters, der an Syphilis erkrankte. Mit dem Fortschreiten der Krankheit kann Adolf Schiele seine Pflichten als Bahnhofsvorsteher immer weniger erfüllen. Manchmal halluziniert er und Egon und seine Mutter müssen sich beim Mittagessen mit einem imaginären Freund unterhalten. 

Schwer trifft die Familie auch, dass der Vater in einem Anfall von Verwirrtheit all seine Bahnaktien verbrennt. Schließlich stirbt Adolf Schiele 1905 – Egon ist erst 14 Jahre alt und sein Onkel übernimmt seine Vormundschaft.

Die Alte Volksschule

Das Gebäude der Volksschule steht nicht mehr und auch sonst ist hier wenig zu sehen, dass daran erinnert. Aber die Audiofiles sind wieder interessant anzuhören. Sie erinnern an die steinige Schulkarriere von Egon Schiele. Eigentlich sollte er nach den Plänen seines Vaters Ingenieur werden, doch Egon hat sich schon recht früh für die Laufbahn als Künstler entschieden. Er zeichnet heimlich unter der Schulbank, bekommt Verweise, wechselt das Gymnasium und geht von Krems nach Klosterneuburg. Doch auch dort gehört er nicht zu den Musterschülern. Allerdings erkennen hier zwei seiner Lehrer sein Talent und fördern ihn: der Zeichenlehrer Ludwig Karl Strauch und der Religionslehrer Wolfgang Pauker, ein Augustiner Chorherr. 

Egon Schieles Skizzenbuch - derzeit in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln
Egon Schieles Skizzenbuch - derzeit in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln

Für die Aufnahme an der Kunstgewerbeschule arbeitet er an einem Skizzenbuch, das er seiner ersten großen Liebe widmet und das in der Sonderausstellung 2021 in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln zu sehen ist. Doch die Kunstgewerbeschule lehnt seine Aufnahme ab, das Gremium findet ihn zu talentiert und empfiehlt ihm sich an der Akademie der bildenden Künste zu bewerben – und es klappt.

Die Stadtpfarrkirche

Die hohen Türme der Kirche prägten auch schon zu Schieles Zeiten das Stadtbild. Adolf Schiele war als Bahnhofsvorsteher eine Respektperson, römisch katholisch und so konnte man auch der Familie Schiele am Sonntag beim Besuch der Messe begegnen.

Das Tor zur Stadtpfarrkirche
Das Tor zur Stadtpfarrkirche

Der Platz vor der Kirche wird oft – zum Ärger des Pfarrers – nach der Schule von den Volksschulkindern als Spielplatz „mißbraucht". Egon ist allerdings selten bei den Spielen dabei. Er wurde bereits zuhause vor der Volksschule von Privatlehrern unterrichtet, findet schwer Freunde und zeichnet eigentlich lieber als nach der Schule herumzutollen.

Der Karner

Der Karner stammt aus dem 13.Jahrhundert und wurde noch im Auftrag des letzten Babenberger Herzogs Friedrich II. errichtet. Auch er ist ein Grund, warum ich unbedingt noch einmal Tulln besuchen muss. Wie mir eine liebenswerte Tullnerin versicherte, sollte man sich die wunderbaren Fresken die sein Inneres verzieren auf keinem Fall entgehen lassen. Also warte ich geduldig mal wieder das Ende der Pandemie ab – aber dann!

Blick zum Karner bei der Stadtpfarrkirche
Blick zum Karner bei der Stadtpfarrkirche

Die Bilder sollen auch Egon Schiele beeindruckt haben: das Jüngste Gericht ist zu sehen, die Anbetung Christi durch die Heiligen Drei Könige, Jungfrauen, die vom Teufel in die Hölle geführt werden, aber auch Drachen, Dämonen und Fabelwesen.

Das Tor zum Tullner Karner
Das Tor zum Tullner Karner

Früh hat auch Egon Schiele durch den Tod seiner Schwester und seines Vaters Bekanntschaft machen müssen. Später malt er Allegorien des Lebens und des Sterbens. Vergänglichkeit und Tod werden zentrale Motive: verwelkte Blüten, kahle Äste, vom Wind gebeugte Bäume, aber auch frisch erblühte Sonnenblumen. Trauer und Lebensfreude.

Die Wiener Straße 

Es war eine der Hauptstraßen von Tulln. Wahrscheinlich könnte man sie mit der Kärntner Straße in Wien heute vergleichen. Hier wurde flaniert, man wollte gesehen werden. Auch heute noch reihen sich hier einige schöne Geschäfte nacheinander und schließlich führt diese Straße ja auch heute noch zum langgezogenen Hauptplatz.

Blick in die Wiener Straße der Gegenwart
Blick in die Wiener Straße der Gegenwart

Die Schieles fahren hier immer wieder mit ihrem Pferdewagen entlang. Man grüßt sie, der Vater gilt durch seinen Beruf als Respektsperson, aber ihr Ruf ist nicht der Beste. Die „Zuagrasten" gelten als arrogant. Obwohl sie erst vor wenigen Jahren in die Stadt gekommen sind, halten sie sich anscheinend für etwas Besseres und pflegen einen sehr ausgewählten Umgang.

Der Hauptplatz

Schaut euch in Ruhe um – auch hier am Hauptplatz stehen noch viele schöne alte und interessante Häuser. Das älteste Gebäude am Platz stammt noch aus der Gotik und auch das Renaissancehaus mit seinen runden Eckturm und den venezianischen Zinnen ist sehenswert. Wie üblich schmückt auch hier eine Dreifaltigkeitssäule den Platz, die an die Pestepidemien vergangener Zeiten erinnert. Auch der Brunnen war noch nicht in Betrieb. Schon wieder ein Grund mehr für einen weiteren Besuch.

Tulln besitzt einen wunderschönen großen Hauptplatz
Tulln besitzt einen wunderschönen großen Hauptplatz

Bereits im 14. Jahrhundert fand hier der erste Markt statt und auch heute noch kann man jeden Freitag am Tullner Naschmarkt am Hauptplatz einkaufen gehen (und schon wieder ein Grund für einen Besuch). Ob die Schieles wohl auch hier eingekauft haben? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich haben sie ihre Magd zu den Standlern zum Einkaufen geschickt. Wie es damals eben üblich war.

Am Hauptplatz von Tulln
Am Hauptplatz von Tulln

Ich gehe lieber selber, erstens hab ich keine Magd oder Angestellte und zweitens liebe ich es auf Märkten herumzustreifen. Einziger Nachteil: ich neige dazu viel zu viel einzukaufen! Aber es steht fest: mein nächster Tullnbesuch soll an einem Freitag stattfinden.

Die Minoritenkirche

Die Kirche verbindet Egon Schiele mit seiner zweiten Heimat Český Krumlov, Krumau. Es ist die Geburtsstadt seiner Mutter und diese Märchenstadt (siehe hier auf askEnrico) liegt – wie Tulln – an einem Fluss. Hier Tulln an der Donau, dort Krumau an der Moldau. Und was hat das nun alles miteinander zu tun?

Blick zur Minoritenkirche
Blick zur Minoritenkirche

Die Minoritenkirche ist Johannes von Nepomuk geweiht, dem „Brückenheiligen", den fast jede Stadt an einem Fluss irgendwo ein Denkmal gesetzt hat.

Barocke Pracht im Inneren
Barocke Pracht im Inneren

Schiele war gerne in Krumau, wenn er auch von dort von der Bevölkerung aufgrund seines Lebensstils wieder schnell vertrieben wurde. Auch die Moldau hatte für den Künstler eine besondere Bedeutung. Wunderschöne Ansichten der Stadt zeigen aber seine Sicht auf das kleine Städtchen mit seiner großen Vergangenheit und dem wunderbaren Schloss.

Mit dem Besuch der Minoritenkirche ist mein Rundgang am Egon Schiele Weg zu Ende. Ich mache mich auf zur Donaulände, staune über das Nibelungendenkmal (davon mehr im Artikel über Tulln, der demnächst auf ask-enrico.com zu lesen sein wird) und bin wieder bei meinem Ausgangspunkt beim Schiele Museum.

Das Nibelungendenkmal an der Donaulände in Tulln
Das Nibelungendenkmal an der Donaulände in Tulln
Herr Schiele, es hat mich sehr gefreut, sie kennen zu lernen und mehr über sie zu erfahren. Demnächst dann vielleicht auf ein Wiedersehen mit ihren Werken im Leopold Museum oder im Belvedere …