Das Schiele Museum in Tulln

In Tulln, der Geburtsstadt Egon Schieles, steht ein kleines, aber sehr feines Museum, das sich ganz dem berühmten Sohn der Stadt verschrieben hat. In der sogenannten Schatzkammer werden Jahr um Jahr immer wieder Raritäten des berühmten Künstlers gezeigt. 


Schiele hier vorzustellen ist wahrscheinlich müßig. In vielen berühmten Museen hängen Werke des Künstlers, der viel zu früh – an der „Spanischen Grippe" – verstorben ist. Immer wieder laden große Museen zu Ausstellungen mit besonderen Schiele Schwerpunkten ein. In Tulln jedoch, im Egon Schiele Museum an der Donaulände, ist alles anders.

Ein schneller Rundgang durch das Museum

Wer sich auf einen Ausstellungsrundgang begibt, sollte auf jeden Fall den Schiele Guide (in Deutsch und Englisch an der Kassa erhältlich) und viel Zeit mitnehmen.

Die Schiele
Die Schiele "Familie"

Bereits im ersten Raum erwarten den Besucher nicht nur Bilder der Eltern und Geschwister Schieles, sondern auch deren Kurzbiografien. Im ersten Stock kann man sich mittels des Audioguides dann ganz in sein Leben hinein versetzen lassen. Dieses Wissen verdanken wir der Schiele-Forscherin Alessandra Comini, der es gelang in vielen Gesprächen mit den Schwestern Schieles (fast) alles über den berühmten Bruder zu erfahren.

Christian Bauer und Alessandra Comini in Dallas, Texas im Dezember 2015, Foto: Heidrun-Ulrike Wenzel
Christian Bauer und Alessandra Comini in Dallas, Texas im Dezember 2015, Foto: Heidrun-Ulrike Wenzel

Das Museum hatte das Glück dieses Material von Alessandra Comini zur Verfügung gestellt bekommen. Sie machte sich von Texas auf nach Niederösterreich und Wien um jene Plätze aufzusuchen, die für das Leben des Künstlers von Bedeutung waren und mit seinen Schwestern und der Schwägerin zu sprechen. Diese Gespräche, die viel über die Persönlichkeit des Künstlers und sein Leben erzählen, kann man in sechs Stationen im Obergeschoss mitverfolgen. Sie geben einen Einblick in das private Leben von Egon Schiele, seine Jugend, seine Persönlichkeit, seine Vorlieben, seine Schwächen, seine Entwicklung.

Hier kann man sich mit Alessandra Comini auf eine Reise durch Schieles Leben begeben
Hier kann man sich mit Alessandra Comini auf eine Reise durch Schieles Leben begeben

 Die Schatzkammer

Im Erdgeschoss aber befindet sich die Schatzkammer des Museums. Hier finden die jährlichen Sonderausstellungen mit den Werken des Künstlers statt. Heuer widmet man sich der Familie, den Freunden und Wegbegleitern Egon Schieles.

Blick in die Schatzkammer bei einer Museumsführung, Foto: Egon Schiele Museum
Blick in die Schatzkammer bei einer Museumsführung, Foto: Egon Schiele Museum

Die Schatzkammer zeigt oft die weniger bekannten Werke des großen Künstlers, aber gerade deshalb sind sie so überraschend und interessant. Auch heuer waren für mich wieder einige Überraschungen mit dabei. Werke, die ich niemals Schiele zugeordnet hätte aber auch der Hinweis, dass es bei einigen von Schieles Werken "Ergänzungen" gab, war mir gänzlich neu.

Es war eben auch ein besonders Glück vom Kurator der Ausstellung persönlich, Dr. Christian Bauer, „geführt" zu werden. Mit diesem Wissen werde ich in Zukunft wahrscheinlich alle Bilder und Skizzen kritischer betrachten ....

Fasziniert habe ich den Ausführungen von Christian Bauer über die Liegende gelauscht (natürlich mit Maske). 
Einzig für das Foto baten wir den Kurator kurz um
Fasziniert habe ich den Ausführungen von Christian Bauer über die Liegende gelauscht (natürlich mit Maske). Einzig für das Foto baten wir den Kurator kurz um "Oben ohne"

Dreizehn Werke kann man in dieser Wunderkammer heuer sehen, eines interessanter als das andere. Ich möchte euch daraus nur einige vorstellen, die mich aber bei der Führung besonders beeindruckt haben. Schließlich soll euch der Besuch im Museum ja auch noch Neues bringen.

Liegender weiblicher Akt mit aufgestütztem rechtem Arm  

Das Werk aus dem Jahre 1915 wäre für mich als Laie ein typischer Schiele gewesen, ist es auch – aber eben nicht nur. Wer genau schaut – oder aber von Dr. Bauer aufmerksam gemacht wird, genau zu schauen – kann erkennen, dass die in Bleistift ausgeführten Augen der Liegenden nicht so richtig zum Rest passen, ja eigentlich wie ein Fremdkörper wirken.

Bei genauer Betrachtung wirken die Augen wirklich ein wenig seltsam
Bei genauer Betrachtung wirken die Augen wirklich ein wenig seltsam

Da das Blatt aus dem Besitz der Familie Peschka stammt (Anton Peschka war ein Freund Schieles und heiratete später die Lieblingsschwester Schieles Gerti) ist anzunehmen, dass er es war, der die Zeichnung Schieles „bearbeitet" hat. Und dieses Blatt scheint nicht das einzige zu sein, dass von Schieles Freundeskreis bearbeitet wurde.

Gerti war die jüngere Schwester von Egon Schiele, mit der er eine besonders enge Beziehung unterhielt. Gerti war Spielkameradin, Reisegefährtin und Modell. Auch von erotischen Zwischentönen ist immer wieder die Rede. So unternehmen die Geschwister (Schiele ist 16, Gerti ist 12 Jahre alt) eine gemeinsame Bahnfahrt nach Triest, um die Hochzeitsreise ihrer Eltern nachzu"spielen". Sie nächtigen beide in einem Hotel in der Stadt und auf die Frage der Schiele Forscherin Alessandra Comini, was sie beide denn da so alles gemacht hätten auf dieser Fahrt, antwortete Gerti „Alles. Alles was man eben auf einer Hochzeitsreise macht."

Melanie und Gerti Schiele und Wally Neuzil, Foto: Daniela Holzer
Melanie und Gerti Schiele und Wally Neuzil, Foto: Daniela Holzer

Auch soll Egon Schiele anfänglich nicht so sehr von den Heiratsplänen Gertis mit Anton Peschka begeistert gewesen sein. Dennoch heiraten die beiden 1914. Schiele war mit Peschka seit dem Akademiestudium eng verbunden und Peschka eignete sich auch künstlerische Techniken des Freundes an und „ergänzte" dessen Werke und fertigte Blätter und Gemälde „à la Schiele" an.

Das Skizzenbuch  

1906 verliebt sich Schiele anscheinend zum ersten Mal so richtig stark. Seine Angebetete heißt Margarete Patronek und stammt aus der Nachbarschaft in Klosterneuburg. Schiele schreibt hingebungsvolle Liebesbriefe, die auch sein sprachliches Talent zeigen. Zur gleichen Zeit entsteht ein Skizzenbuch, das er seiner geliebten „Gretl" widmet und darin die Eckpunkte seines zukünftigen Lebens darstellt. Schiele träumt von einem dandyhaften Leben in materiellem Wohlstand.

Ein Blick in das Notizenbuch des jungen Schiele
Ein Blick in das Notizenbuch des jungen Schiele

Zugleich ist das Buch aber auch eine Übung für die bevorstehende Aufnahmeprüfung an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Nach dem Sommer 1906 gehen die Beiden allerdings getrennte Wege: Gretl besucht die Handelsschule, viel mehr ist nicht bekannt. Erst der Tod „vereint" sie fast wieder: Sie stirbt einen Tag vor Schiele, am 30. Oktober 1918, an Lungenschwindsucht in Neuhofen im Sudetenland.

Das Bildnis Marie Schieles 

Das Verhältnis von Mutter und Sohn war schwierig. Obwohl sich Marie Schiele um ihren Sohn bemühte, ihm Spielsachen – meistens Spielzeugeisenbahn-Garnituren – aus Wien mitbrachte und ihn in seiner Entwicklung als Künstler begleitete, stand der Sohn immer distanziert zu ihr und äußerte sich auch oft abfällig über seine Mutter.

Das Bildnis seiner Mutter Marie in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln
Das Bildnis seiner Mutter Marie in der Schatzkammer des Egon Schiele Museums in Tulln

Auch im ausgestellten Porträt zeigt sich diese Disharmonie zwischen Mutter und Sohn: Es wirkt als wäre sie abwesend, als wollte sie augenscheinlich nicht porträtiert werden.

Blick auf Klosterneuburg 

Auch dieses Bild hat mich sehr fasziniert, ist es doch ganz anders als die „typischen" Schiele-Bilder, die ich bis dato mit dem Ausnahmekünstler verbunden habe. Ich war bereits bei einer Ausstellung im Schiele Art Centrum in Ceský Krumlov über seine „Ansichten von Krumau" begeistert, doch dieser Blick auf Klosterneuburg zeigt wieder einen ganz anderen Künstler.

Winterlicher Blick auf das Stift Klosterneuburg
Winterlicher Blick auf das Stift Klosterneuburg

Das Bild stammt aus der Zeit um das Jahr 1905; in diesem Jahr starb sein Vater und Schiele bekommt mit Ludwig Karl Strauch einen neuen Lehrer im Fach „Freihandzeichnen" am Klosterneuburger Gymnasium. Egon Schiele war kein besonders guter Schüler, ja, er musste sogar eine Klasse wiederholen, doch sein neuer Lehrer, den er zuerst fürchtet und als sehr streng einstuft, erkennt sein Talent und so entsteht innerhalb eines Jahres eine enge Bindung.

Strauch ist es auch, der mit Schiele viele Ausflüge unternimmt, ihn in seinem Atelier arbeiten lässt, doch die Nähe und Einflussnahme des Lehrer wird Schiele bald zu eng. Später wirft er ihm auch vor, ihm seine Individualität geraubt zu haben.

Der Blick auf Klosterneuburg mit seiner Farbgestaltung, das Stift wie im Nebel verhüllt, ist für mich wieder eine neue Entdeckung des Phänomens Schieles gewesen, vor dem ich lange Zeit stehen könnte um es ganz genau zu betrachten.

Wenn ihr also den „unbekannteren", jüngeren Schiele kennen lernen wollt, solltet ihr euch auf nach Tulln ins Egon Schiele Museum machen – in der Schatzkammer warten noch weitere neun Werke auf Besucher.

In der Forscherstrasse des Museums kann man viel Neues über Schiele erfahren, Foto: Daniela Holzer
In der Forscherstrasse des Museums kann man viel Neues über Schiele erfahren, Foto: Daniela Holzer

Den Ausflug ins Museum kann man – nicht nur als Schiele Liebhaber – auch sehr gut mit einem Spaziergang entlang des Schiele Weges kombinieren. Darüber erzähle ich hier bald mehr.

Eingang zum Egon Schiele Museum in Tulln
Eingang zum Egon Schiele Museum in Tulln

Über die Stadt Tulln, die als Messestadt und mit der Garten Tulln ja auch noch einige andere „Schmankerl" zu bieten hat, ist in naher Zukunft ein Artikel auf https://ask-enrico.com geplant

Das Egon Schiele Museum ist Dienstag bis Sonntag und Feiertags von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. Bitte informiert Euch auf der Website www.schielemuseum.at über die Öffnungszeiten während der Corona-Pandemie und auch über die entsprechenden Schutzmaßnahmen zur Eindämmung derselben während des Museumsbesuches.

Blick auf das Egon Schiele Museum in Tulln, Foto: Daniela Holzer
Blick auf das Egon Schiele Museum in Tulln, Foto: Daniela Holzer