Die blühenden Stiefel von Franjo KlopotanDie blühenden Stiefel von Franjo Klopotan

Die neue Sonderausstellung „naiv.? naive kunst aus der sammlung infeld" führt das „?" nicht ohne Grund in ihrem Titel….

Die leichten Lockerungen der Coronabestimmungen haben es möglich gemacht: Museen durften wieder öffnen und erwarten nun ihr Publikum mit vielen neuen Ausstellungen. Eine ganz besondere findet bis 5.9.2021 im museum gugging statt.

Vogelmusikanten © Franjo Klopotan, Foto: Thomastik Infeld GmbH

Das museum gugging steht vielleicht nicht für alle im Zentrum des Interesses. Sollte es aber, und wer diese Ausstellung versäumt, ist echt selbst schuld. Ich finde sie grandios.

Am Rindermarkt © Slavko Stolnik, Foto: Thomastik Infeld GmbH
Am Rindermarkt © Slavko Stolnik, Foto: Thomastik Infeld GmbH

Bereits Ende der 1970er/Anfang der 1980 habe ich zum ersten Mal die Bekanntschaft mit der Naiven Malerei gemacht. Ich schwärmte schon damals für die Wiener Schule der Phantastischen Realisten, mochte die Werke von Gottfried Kumpf und hörte um diese Zeit auch das erste Mal von Ivan Generalić und sah die ersten Hinterglasbilder von ihm. Seither bin ich in die Naive Malerei – vor allem in die „kroatische Schule" - verliebt.

Das Pferdchen © Ivan Generalić, Foto © Thomastik Infeld GmbH
Das Pferdchen © Ivan Generalić, Foto © Thomastik Infeld GmbH

Daher war es klar, dass ich mir diese Ausstellung nicht entgehen lassen werde. Vielleicht vorab noch kurz ein Wort zum museum gugging.

Das museum gugging 

Das Museum liegt etwas außerhalb von Wien, in Maria Gugging, gleich nach Klosterneuburg. Vielleicht haben es deshalb viele Kunstinteressierte nicht so auf ihrem Radar. Dennoch, auch ohne Auto, ist die Verbindung zum Museum recht gut: Mit den Öffis nimmt man die U4 bis zur Endstation Heiligenstadt und danach den Bus 400 Richtung Maria Gugging/Lourdesgrotte oder den Bus 142 Richtung IST Austria bis zur Haltestelle Maria Gugging IST Austria. Danach folgt man einfach den Wegweisern zum Museum, das auf einer kleinen Anhöhe liegt.

Blick auf die galerie gugging
Blick auf die galerie gugging

Das Museum ist Teil des Art Brut Centers Gugging, das aus dem Museum, der Galerie, dem offenen Atelier und dem Haus der Künstler besteht. Art Brut, die Bezeichnung stammt vom französischen Künstler Jean Dubuffet, bezeichnet eine von „kultureller Kunst" unbeeinflusste Kunst, die eine sehr persönliche und unangepasste Formensprache zeigt und frei von akademischen oder kunsttheoretischen Normen ist.

Die
Die "Villa", gestaltet von "Birdman" Hans Langner

Das Museum präsentiert seit 2006 die Werke der Künstler aus Gugging, die seit den 1970er Jahren zu den bedeutendsten Vertretern dieser Kunstrichtung gehören und deren Werke auch international Anerkennung gefunden und auch in bekannten internationalen Museen (z.B. im New Yorker Museum of Modern Art) Einzug gehalten haben.

Blick zum Eingang des Museums
Blick zum Eingang des Museums

Wer das Museum besucht, sollte auch die galerie gugging besuchen (und vielleicht sogar eines der Werke erwerben), zählt sie doch international zu den bedeutendsten Präsentations- und Entstehungsorten unverbildeter, ursprünglicher Kunst.

Ausstellungsansicht mit Werken von Mijo Kovačić, Slavko Stolnik, Ivan Večenaj-Tišlarov, Foto © Ludwig Schedl
Ausstellungsansicht mit Werken von Mijo Kovačić, Slavko Stolnik, Ivan Večenaj-Tišlarov, Foto © Ludwig Schedl

Auch die "Villa" am Hügel ist einen Blick wert. Der Veranstaltungsraum wurde ebenso wie ein Raum im Museum von "Birdman" Hans Langner gestaltet. Ein wenig abseits vom Museumsbetrieb liegt das Haus der Künstler, das aber nicht öffentlich zugänglich ist. Es ist der Ursprung der Kunst aus Gugging und sein 1981 ist es der Lebensraum der Künstler aus Gugging und auch ein Kunstwerk für sich. International erfolgreiche Gugginger Künstler wie Oswald Tschirtner, August Walla, Johann Garber, Philipp Schöpke und andere haben die Fassade gestaltet und auch das Innere ist mit Malereien der Künstler. Das Haus der Künstler ist damit Kunstwerk, Zeitdokument und Zeugnis der Aneignung.

Doch zurück zur neuen Sonderausstellung und ihre Verbindung zur Art Brut.

naiv.? naive kunst aus der sammlung infeld

Auch die Naiven Künstler sind zum Großteil Autodidakten. Oft Bauern, die nach ihrer Arbeit zum Pinsel oder Bleistift greifen. Viele Motive zeigen daher ihr Lebensumfeld, bäuerliche Szenen, die Landschaft, Blumen und dennoch kann man in vielen Bildern – oft gut versteckt – auch die Gefahren und phantastische Ideen erblicken.

Waschtag, © Slavko Stolnik, Foto © Thomastik Infeld GmbH
Waschtag, © Slavko Stolnik, Foto © Thomastik Infeld GmbH

Viele Bilder zeichnen sich durch viele kleine, aber genau ausgeführte Details aus, die man auf den ersten Blick gar nicht erkennt. Viele erfreuen uns durch leuchtende Farben, wirken sehr fröhlich und doch – wenn man genau schaut, das Bild nach Details durchsucht und auf sich wirken lässt – merkt man einen „gefährlichen" Hintergrund, eine Warnung, ein „böses" Detail, einen phantasievollen Weg.

Ausstellungsansicht mit Werken von Franjo Klopotan
Ausstellungsansicht mit Werken von Franjo Klopotan

Über 120 Werke aus der Sammlung Infeld, einer der größten privaten Sammlungen Österreichs, sind bei dieser Schau ausgestellt, die von 31 KünstlerInnen gefertigt wurden. Die Künstler kommen aus Ex-Jugoslawien, Georgien, Polen, Deutschland, Frankreich und natürlich auch aus Maria Gugging.

Ausstellungsplakat nach Slavko Stolnik,
Ausstellungsplakat nach Slavko Stolnik, "Der Blinde" von Mijo Kovačić, Foto: Ludwig Schedl

Die frühesten Werke der Ausstellung entstanden in den 1930er Jahren, die letzten in den 2000er Jahren und zeigen eine unglaubliche Vielfalt von Motiven des bäuerlichen Lebens bis zu phantasievollen oder düsteren Fabelwesen. Neben der Glasmalerei haben mich auch die unterschiedlichen Holzskulpturen schwer beeindruckt.

Ihm ging es ähnlich wie uns: Emerik Feješ musste seiner Städtebilder aus dem Gedächtnis malen
Ihm ging es ähnlich wie uns: Emerik Feješ musste seiner Städtebilder aus dem Gedächtnis malen

Am meisten beeindrucken mich noch immer die Künstler aus dem Dorf Hlebine. Für mich sind diese Künstler einfach der Inbegriff der Naiven Malerei. Der Beginn dieser „Künstlerkolonie" war das Jahr 1930, als Krsto Hegedušić, der an der Kunstakademie in Zagreb und Paris studiert, in das Heimatdorf seines Vaters, nach Hlebine, kam und dort in einem Geschäft Bleistiftzeichnungen auf Papiertüten entdeckte, die vom damals 15jährigen Ivan Generalić stammten. Er lernte ihn kennen und begann ihn zu unterrichten und legte so den Grundstein für die Schule von Hlebine.

Hier zeigt sich die künstlerische Entwicklung von Ivan Generalić
Hier zeigt sich die künstlerische Entwicklung von Ivan Generalić

Ivan Generalić, Ivan Rabuzin, Matija Skurjeni und Slavko Stolnik stammen alle aus diesem Dorf an der Drau und sind heute international bekannt und auch in der Ausstellung im museum gugging zu bewundern.

Die Ausstellung bringt aber auch einen Bezug zu den Künstlern aus Gugging. Mit Fritz Opitz ist in dieser Schau ein Künstler vertreten, der nicht zur klassischen Art Brut zählt, sondern den man eher der Naiven Kunst zuordnen könnte. Mit seinen „Lebensregeln" und „Haushaltssprüche" konnte er sein Leben ordnen, Witz und Originalität schaffen dabei einen Verweis auf die österreichische Volkskunst.

Doch egal welche Zuordnungen wir treffen (wollen), welche (Kunst)-Richtung wir den Werken zu geben glauben, sie alle überzeugen durch ihre Aussagekraft, Farbigkeit – einfach Kunst!

Die Lebensregel von Fritz Opitz © Fritz Opitz, Foto Thomastik Infeld GmbH
Die Lebensregel von Fritz Opitz © Fritz Opitz, Foto Thomastik Infeld GmbH

Schaut euch diese Ausstellung an, aber nehmt euch Zeit. Alleine schon die „Städtebilder", die Reise im Kopf von Emerik Feješ oder die phantasievollen Bilder des Paradieses, das man bauen und bewohnen kann von Dragutin Drago Jurak, aber auch die düsteren Bilder von Jože Tisnikar brauchen Zeit, um sie mit all ihren Details betrachten zu können.

Ich fahre auf jeden Fall noch mal nach Gugging.

Ausstellungsansicht mit Werken von Slavko Stolnik, Foto © Ludwig Schedl
Ausstellungsansicht mit Werken von Slavko Stolnik, Foto © Ludwig Schedl
Werke von folgenden KünstlerInnen sind in der Ausstellung zu sehen (in alphabetischer Reihenfolge):

Ilija Bašičević Bosilj, André Bauchant, Emile Blondel, Camille Bombois, Emerik Feješ, Ivan Generalić, Josip Generalić, Mato Generalić, Krsto Hegedušić, Pál Homonai, Dragutin Drago Jurak, Franjo Klopotan, Mijo Kovačić, Đorđe Kreća, Albina Kudeljnjak, Ivan Lacković-Croata, Branko Lovak, Wano Meliaschwili, Nikifor, Fritz Opitz, Josip Pintarić Puco, Mara Puškarić-Petras, Ivan Rabuzin, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Sava Sekulić, Matija Skurjeni, Petar Smajić, Slavko Stolnik, Nada Švegović-Budaj, Jože Tisnikar, Ivan Večenaj-Tišlarov

Außerdem ist noch bis 11.4.2021 die Ausstellung gehirngefühl.! kunst aus gugging von 1970 bis zur gegenwart im museum guggingund bis 14.3.2021 die Schau „überdrüber…" – leopold strobl & arnulf rainer in der galerie gugging zu sehen.

Die Vogelscheuche von Mijo Kovačić
Die Vogelscheuche von Mijo Kovačić

Das museum gugging ist Dienstag bis Sonntag und Feiertage von 10:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. An Montagen (außer Feiertage) ist das Museum geschlossen.