Enricos Reisenotizen

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China? Europa? USA? Indien? Wer wird Weltmacht Nr.1?

Christoph Leitl bei der Buchpräsentation im Café Landtmann

Christoph Leitl, ehemaliger Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, hat ein Buch über den Wettkampf der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Systeme geschrieben. Letzten Donnerstag stellte er es im Café Landtmann vor.

„China am Ziel! Europa am Ende?" ist der provokante Buchtitel seines neuen Buches, bei dem er unter anderem 10 Thesen zur Zukunft Europas entwickelt hat, die ich euch hier nicht vorenthalten möchte:

1. Europa sollte ein Vorbild an liberaler Demokratie in der Welt sein. Dies geht nur mit Effizienz ohne Lähmung durch Bürokratie. Wir stehen im Wettbewerb mit autokratisch geführten Ländern wie China.
2. Bildung ist der entscheidende Schlüssel zum Bestehen im globalen Wettbewerb. Das europäische Bildungssystem muss extrem talentorientiert ausgerichtet werden, um unsere Begabungen auch in Erfolge umsetzen zu können.
3. Innovation durch Kombination vorhandenen Wissens und Kooperation bei der Findung neuer Lösungen und deren Anwendungen, besonders auch im Bereich der Kreislaufwirtschaft könnte Europa in vielen Bereichen eine Führungsrolle vermitteln.
4. Europa muss seine Handlungsfähigkeit wieder herstellen. Dazu bedarf es des Entfalls des Einstimmigkeitsprinzips. Subsidarität in einem Europa der Regionen und Proportionalität in der Anwendung von Regeln mit Augenmaß wären dazu markante Endpunkte.
5. Europas Stärke ist seine Vielfalt und die Identität seiner Menschen in den Regionen. Kleinere Einheiten sind näher bei den Menschen. Sie gilt es zu fördern und zu entwickeln.
6. Migration in einer klugen Form ist angesichts der demographischen Entwicklung ein wichtiger und notwendiger Baustein zur Sicherung des Wohlstandes und des Sozialsystems in Europa.
7. Die Integration von Menschen außereuropäischer Herkunft muss auch über die Betriebe erfolgen. Dort werden fachliche und kulturelle Fähigkeiten vermittelt. Alle, die sich dieser Aufgabe widmen, sollten einen Integrationsbonus erhalten.
8. Europa kann globale Probleme alleine nicht lösen. Bedrohungen aus Finanzspekulationen, dem Bereich der Sicherheit und des Klimawandels können von Europa nicht alleine bewältigt werden. Kooperationen im Bereich der G20 sind dazu erforderlich. Wir brauchen globale Rahmen, wenn nationale und kontinentale nicht mehr ausreichen.
9. Europa braucht einen neuen Geist und eine neue Begeisterung. Dieser „Spirit of Europe" kann nur im Dialog mit den Bürgern, besonders den jungen Menschen erfolgen. Wake-up-calls sind notwendig, um neben der Friedensidee neue Zukunftsideen für Europa entwickeln.
10. Die Bürger Europas erwarten Frieden und Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Das geht nur gemeinsam. Die Antwort auf „China strong" und „America first" ist daher: „Europe together". 

All diese Punkte scheinen mir wichtig und richtig. Ich glaube auch, dass sich viele Menschen über einen neuen Spirit für bzw. in Europa freuen würden. Auch das Gemeinsame ist wahrscheinlich bei vielen Menschen stärker verankert als man vielleicht glaubt. Doch warum siegt der Pessimismus? Warum hört man immer öfter nationalistische Töne? Warum verabschieden sich Politiker mehr und mehr von der gemeinsamen Entwicklung? Vielleicht weil sie dann Macht, Geld und Einfluss abgeben müssten? Haben sie diese Macht eigentlich noch oder regieren uns schon lange große Wirtschaftskonzerne und die Politik vollzieht nur deren Bedürfnisse nach?

Christoph Leitl bei der Buchpräsentation im Café Landtmann
Christoph Leitl bei der Buchpräsentation im Café Landtmann

Wer nun soll diese richtigen Punkte umsetzen? Für mehr Gerechtigkeit sorgen? Den Menschen, die Angst vor den Veränderungen nehmen und neuen Spirit in die Gesellschaft einbringen?

Gibt es diese Persönlichkeiten noch im politischen Geschehen? Ich habe Christoph Leitl gefragt, ob er die Lösung unseren derzeitigen politischen Vertreter zutraut und obwohl er mir einige Beispiele von durchaus richtigen Initiativen nennen konnte – keine davon konnte sich durchsetzen und ein österreichisches Beispiel war nicht dabei.

Das ist auch die große Schwachstelle des Buches: Die Analyse ist richtig. Auch die Schritte, die gesetzt werden sollten, nur: wer wird sie umsetzen? In meinem Freundes- und Bekanntenkreis – von meiner Facebook-Blase möchte ich gar nicht sprechen – sind viele, die sich wahrscheinlich sofort diesen Thesen anschließen würden. Die auch gerne mithelfen würden. Aber wie und wo und mit wem. Diese Antwort bleibt leider auch Christoph Leitl schuldig.

Die Vertreter der derzeitigen politischen Mehrheit scheinen mir nicht diesen Weg zu gehen. Hier scheint man sich auch eher der Trump'schen Terminologie zu bedienen und es auf „Austria first" zuzuschneiden. Kein Wunder, wenn man seit Jahren versucht, die Bevölkerung in „Fleißige" und „Arbeitsscheue" auseinander zu dividieren ohne wirklich zu analysieren, wie viele wirklich als arbeitsscheu gelten sollten. Wenn politische Rhetorik immer mehr versucht zu polarisieren, wenn das Trennende immer mehr gegen das Gemeinsame gestellt wird, wenn es einfach heißt; „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, ist ein Feind", wenn Emotionen gegen einander geschürt werden.Wir gegen "die Anderen" lautet im Moment die Erfolgsformel, die sich laufend weiter hoch schaukelt. 

All das wurde bereits einmal versucht – das Ergebnis lautete: Österreicher führten Krieg gegen Österreicher. Wir sollten es diesmal doch besser machen.
Daher: Ein neuer Spirit muss gefunden werden. Ein Spirit für Europa, für das Gemeinsame, gegen das Trennende. Aufbruchstimmung. Doch wie schaffen wir das? Wie erkennen wir, dass wir alle im selben Boot sitzen?

Zum Schluss noch eine Bitte an Christoph Leitl: Vielleicht gibt es ja noch schnell eine Fortsetzung zu diesem Band: Wer kann/soll/muss jetzt umsetzen, wann und wo und wie bringen wir Otto Normalverbraucher uns ein? Ich denke, viele Mitbürger wären hier gerne dabei. Junge und Alte :-)

Mehr über das Buch findet ihr hier auf askEnrico und beim Ecowin-Verlag.

Christoph Leitl: 2049 - China am Ziel! Europa am Ende?
Ecowin Verlag

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