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So nah und doch so fern

„Fahrst mit der Pressburger?" Warum konnte meine Großmutter nicht einfach fragen, ob ich mit dem Zug von Fischamend nach Wien fahre? Was sollte das mit der Pressburger? (Noch dazu sagte sie Preschburger, mit Betonung auf dem u.) Als Jugendlicher in den 80er Jahren konnte ich mit Pressburg, damals noch Preßburg geschrieben, wenig anfangen. War interessierte mich eine Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, auch wenn sie kaum 30 Kilometer von meinem Heimatort entfernt lag?

Der Name Pressburg war in meiner Kindheit und Jugend allerdings noch weit präsenter als heute. Der einfache Grund: Auf den Straßenschildern stand er noch, später blieb nur mehr die Bezeichnung Bratislava übrig. Vielleicht sollte das politisch korrekt sein? In Slowenien und Ungarn sieht man das weit lockerer. Da wird auf den Wegweisern der Ort in der eigenen Landessprache (z.B. Gradec) und dann in der Sprache des Landes, in dem der Ort liegt (also Graz), angegeben. Und das ist gut so, denn es zeigt die Bedeutung des Ortes für das eigene Land – politisch, wirtschaftlich, historisch und emotional.

Erinnerung an eine dreisprachige Stadt (Foto © Josef Wallner)
Erinnerung an eine dreisprachige Stadt (Foto © Josef Wallner)

Bei Pressburg ist es allerdings ein bisschen komplizierter. Die Stadt gehörte seit Jahrhunderten zum ungarischen Königreich, ja sie war, als Budapest im Besitz der Türken stand und darüber hinaus, das ungarische Zentrum, in dem die Könige gekrönt wurden. Der ungarische Name Pressburgs, den die Stadt bis zum Ende der Monarchie als offiziellen Namen führte, ist Pozsony (das y wird nicht gesprochen). Auf Slowakisch heißt die Stadt Prešporok. Und was ist dann mit Bratislava? Die Slowaken waren, ähnlich wie die Slowenen, eine Volksgruppe, die sich erst spät als Nation begriff. Ein wichtiger Schritt dazu ist die Entwicklung der eigenen (Schrift)sprache. Und ein kleines Mosaik dabei ist die Erfindung von topografischen Bezeichnungen in der eigenen Sprache. (Man denke nur an das slowenische Maribor.) Vratislava taucht im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts auf. Die slowakischen Autoren lehnten sich dabei an einen Gelehrten aus dem 16. Jahrhundert an. Dieser ging davon aus, dass die vom mährischen Fürsten Vratislav auf den Fundamenten einer Römersiedlung errichtete Burg Vratislaburgium hieß. Von Vratislaburgium zum Bratislava wäre es also nicht weit. Nur, so einfach ist es auch wieder nicht, denn die Gelehrten waren sich wie so oft nicht einig. Brecisburg, slowakisch Bracislaw oder Brecislaw, kommt ins Spiel, weil man (fälschlicherweise) annahm, dass die Stadt vom böhmischen König Brecislaw (oder Bracislaw) gegründet worden sei. Von Brecislaw war es nicht weit zu Břetislava und schließlich Bratislav, wie die Stadt seit 22. Februar 1919 offiziell hieß. Nur, dass das wegen der Endung av wiederum zu Tschechisch klang. Der Disput war ein kleiner Vorgeschmack auf die tschechisch-slowakischen Reibereien, die folgten. Und so einigte man sich einen Monat später auf Bratislava.

Als der Name Bratislava noch nicht existierte (Foto © Josef Wallner)
Als der Name Bratislava noch nicht existierte (Foto © Josef Wallner)

Heute spielt man in der Stadt ganz gerne wieder mit ihren vielen Namen. Es gibt Cafés und Biere, die Pressburg und Prešporok heißen und der etwas lächerlich wirkende rote Touristenzug, eine Art Liliputbahn für die Straße, heißt Prešporáčik.

Von all dem war noch keine Rede, als ich mit meinen Eltern und Geschwistern am Hainburger Braunsberg stand, einem unserer klassischen Sonntagsausflugsziele, und hinunter ins Donautal schaute. Meistens blickten wir nur Richtung Westen. „Schau, der Schneeberg, wie deutlich man den sieht", rechts der Kahlenberg und – die biedermeierliche Vedute störend – ÖMV und Flughafen.

Und der Blick gegen Osten? Bemerkenswert, wie Absurdes als selbstverständlich angenommen wird, wenn man es nicht anders kennt. Den Osten gab es schlichtweg nicht. Höchstens waren es noch die da drüben, die Armen, die nicht raus konnten. Aber dass wir einmal hinüber wollten? Keine Rede davon. Nur in der Generation der Großeltern, erwachsen geworden in der Zwischenkriegszeit, gab es noch Anknüpfungspunkte. Die Großmutter kurte selbstverständlich noch in Karlsbad und erzählte von den armen Kindern dort drüben. Vielleicht war es auch als Trost gemeint, für Mitbringsel wie Matrjoschka-Puppen, von uns Kindern einfach Babuschka genannt, die uns nur mäßig begeisterten.

Mit dem Interesse für Geschichte wuchs auch das für die Städte Altösterreichs, die nun in so vielen Ländern liegen. Die Neugier bezog sich auf die Geschichte, wie es Kronstadt, Czernowitz oder Lemberg aussah, interessierte mich eigenartigerweise weniger. Oft wusste ich nicht einmal, in welchem Staat die eine oder andere Stadt lag oder wie sie in der jeweiligen Landessprache hieß.

Mein Pressburg - Ein schwieriger Beginn 

1989 änderte viel. Sie denken jetzt vor allem an die großen Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa, den Mauerfall und Zusammenbruch der sozialistischen Regimes. Ich denke an meine Matura, das eigene Auto und dieses Gefühl von Freiheit, dass so nie wieder kam.

Und trotzdem: Etwas verband die große und meine kleine Welt. Krimsekt. Bei dem erstsemestrigen Studenten war Geld immer knapp, gefeiert wollte trotzdem werden, erst recht zu Silvester. Mit meinem besten Freund fuhr ich zwischen Weihnachten und Silvester 89 daher nach Pressburg. Dort sollte es den picksüßen Perlwein, mit 19 liebt man es noch süß, günstig zu erstehen sein. Aus dem Autoradio meines Toyota Tercel kam irgendein U2-Song, anmoderiert von Gotthard Rieger auf Radio CD, einem der ersten österreichischen Privatradios. Es durfte noch nicht einmal von Österreich senden, sondern von Pressburg. (Wahrscheinlich war das erst ein, zwei Jahre später. In meiner Erinnerung gehört es zusammen: der hellgraue Toyota mit seinen Rostflecken auf den Kotflügeln, das schiache Radio CD-Pickerl auf der Heckklappe, Gotthard Rieger, U2 und der dunkelgraue Winternachmittag.)

Ein stiller Winkel im alten Pressburg (Foto © JOsef Wallner)
Ein stiller Winkel im alten Pressburg (Foto © Josef Wallner)

Das Überschreiten einer mitteleuropäischen Grenze war damals noch fast ein Ereignis, vor allem beim Retourfahren von Ost nach West, wenn mehr Alkohol und Zigaretten im Auto waren als erlaubt. So weit war es aber noch nicht. Zuerst mussten wir nach Pressburg hineinfinden. Das ging gar nicht so schlecht, sogar schneller als erwartet fanden wir unseren Weg über die in der Erinnerung recht holprigen Straßen in das Stadtzentrum – oder was wir damals dafür hielten.

Die Geschichte geht weiter im Buch "Unterwegs in Altösterreich. Kakanische Reisen von Siebenbürgen bis Triest".

www.verlag-berger.at