Ein ungewöhnlicher Fidelio - Enricos Reisenotizen

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Ein ungewöhnlicher Fidelio

Fidelio auf der Burg Gars

Beethovens einzige Oper – Fidelio – gehört neben Carmen zu meinen absoluten Lieblingsopern und diese stand heuer am Programm der Opernspiele in Gars am Kamp.

Die Babenberger Burg im Waldviertel bzw. das was nach 1000 Jahren von ihr übrig blieb, ist seit vielen Jahren Austragungsort und wunderschöne Kulisse von Opernaufführungen.

Blick ins Gelände der Burg - dort gibt  es auch ein Gläschen und eine Kleinigkeit zum Essen
Blick ins Gelände der Burg - dort gibt es auch ein Gläschen und eine Kleinigkeit zum Essen
Hier setzt man auf die Atmosphäre und das Flair rund um die Burg, nicht auf riesiges Feuerwerk und zusätzliches Pipapo. Auch die Sängerinnen und Sänger, sowie das Orchester haben hier einiges zu leisten, fehlt doch die bei anderen Aufführungsorten standardmäßige elektronische Verstärkung
Das
Das "Spiel" beginnt ...

Orchester und Dirigent befinden sich nicht in einem Orchestergraben, sondern (vn den SängerInnen aus) links von der Bühne, was sicher auch keine leichte Kommunikation mit dem Dirigenten mit sich bringt.

Blick zum Orchester auf der Burg Gars
Blick zum Orchester auf der Burg Gars

Und dennoch: ich fahre gerne nach Gars am Kamp und genieße einen – hoffentlich lauen – Sommerabend. Wobei ich auch schon bei strömenden Regen den musikalischen Darbietungen gefolgt bin. Auch bei wettermäßigen Ungemach wird hier Stärke von den Künstlern verlangt.

Blick auf die Kirche neben der Burg
Blick auf die Kirche neben der Burg

Gestern jedoch war einer dieser wunderschönen Sommerabende, ein leichter lauer Wind und die Erwartungshaltung war hoch: schließlich sollte das „Befreiungsstück" von Beethoven ja ausgezeichnet hier in die Burg passen.

Intendant Johannes Wildner begrüßt das Publikum
Intendant Johannes Wildner begrüßt das Publikum

Doch die Eröffnung überraschte: anstelle der Ouvertüre erklang das Gloria des Messe in C-Dur (wie ich der Pressemitteilung entnehme). Fidelio beginnt heuer in Gars mit der Feier der Goldenen Hochzeit von Florestan und Leonore und liefert die „richtige" Oper quasi als Rückblick dann nach. Die Idee ist ja ziemlich kreativ, aber ob ich sie wirklich mag, weiß ich noch immer nicht ganz – ich ringe noch mit mir – vielleicht auch deshalb, weil das Gloria doch eine ziemliche Länge aufweist und ich eine Zeitlang wirklich dachte, ich habe irgendwas im Programm übersehen….

Caroline Wenborne und Paul Gay (Foto © Claudia Prieler)
Caroline Wenborne und Paul Gay (Foto © Claudia Prieler)

 Danach wird es wieder vertraut und die Burg passt wirklich hervorragend zum Inhalt der Oper. Allein die Burgmauer, die vergitterten Fenster hinter denen man einen Blick auf die Gefangenen werfen kann, die Wachen, die oben auf der Mauer auf und ab gehen – toll.

Die Burgmauer als Bühnenbild - das gibt es nur in Gars am Kamp
Die Burgmauer als Bühnenbild - das gibt es nur in Gars am Kamp

Der musikalische Teil ist für mich heuer ein bisschen durchwachsen, vielleicht bin ich aber auch schon Mörbisch „geschädigt: während in Mörbisch SängerInnen mit Leichtigkeit stimmliche Dominanz durch die Verstärkung erreichen können und auch die leisen Passagen deutlich zum Publikum übertragen werden, kämpfen hier in Gars die SängerInnen doch ein wenig mit den Gegebenheiten. Auch die Kommunikation mit dem Orchester scheint manchmal vielleicht ein bisschen schwierig.

Johannes Wildner (Foto © Reinhard Podolsky)
Johannes Wildner (Foto © Reinhard Podolsky)

Dennoch vor allem die „Männer" haben mir bei unserer Vorführung ausgezeichnet gefallen:
allen voran Rocco Paul Gay, den ich gerne so schnell wie möglich wieder hören möchte. Spielerisch und stimmlich einfach ganz große Klasse – vielleicht kann ich ihn ja nächstes Jahr ja als Escamillo in Carmen erleben, das wäre Grund genug eine Karte zu kaufen.

Paul Gay als Rocco mit Bettina Jensen (Leonore) und Caroline Wenborne (Marzelline) - Foto © Claudia Prieler
Paul Gay als Rocco mit Bettina Jensen (Leonore) und Caroline Wenborne (Marzelline) - Foto © Claudia Prieler

Sehr gut auch Wilfred Zelinka als Don Pizarro, allein schon die Maske, aber auch das Stimmliche zeigt wie grausam und korrupt Menschen sein können.
Auch hervorragend Duje Stanišić als 1. Gefangener – ich würde mich wirklich freuen, ihn einmal in einer größeren Rolle zu erleben.

Wilfried Zelinka als Don Pizarro (Foto  © Claudia Prieler)
Wilfried Zelinka als Don Pizarro (Foto © Claudia Prieler)

Spielfreudig und stimmgewaltig ist auch Caroline Wenborne als Marzelline, die ausgezeichnet mit Ian Spinetti als Jaquino harmoniert. Auch er kann stimmlich dem Orchester Paroli bieten und empfiehlt sich für höhere Weihen.

Marzelline mit Rocco und Fidelio
Marzelline mit Rocco und Fidelio

Bettina Jensen ist eine berührende Leonore, die gerade bei den leisen Stellen viel Gefühl zeigt, aber hier wie auch bei den powervollen Situationen ein wenig vom Orchester „zugedeckt" wird. Leider.

Herbert Lippert als Florestan (Foto © Claudia Prieler)
Herbert Lippert als Florestan (Foto © Claudia Prieler)

Herbert Lippert hält stimmlich mit dem Orchester problemlos mit und spielt mir den Florestan, vor allem in der Zisterne (Florestan ist an der Burgmauer beim Orchester „angekettet" und kommt nach seiner Befreiung über eine in der Pause aufgebaute „Brücke" auf die Bühne) fast zu powervoll für einen Mann, der eigentlich kaum mehr etwas zu essen und zu trinken bekommen hat und nur mehr ein Schatten seiner selbst ist.

Die Gefängnisstäbe verwandelt der Chor in die Werte Europas.
Die Gefängnisstäbe verwandelt der Chor in die Werte Europas.

Die szenisch dargestellte Leonoren-Ouverture, während der der Chor aus den Stäben des Gefängnisses Buchstaben formt und damit Worte wie „Freiheit", „Menschlichkeit", Recht auf Liebe" und mehr darstellt, wies auf jene wichtige Botschaften hin, die zu Beethovens Zeiten wichtig waren und deren wir uns auch jetzt wieder unbedingt besinnen sollten.

Rocco mordet nicht! Paul Gay (Rocco) mit Herbert Lippert (Florestan) - Foto © Claudia Prieler
Rocco mordet nicht! Paul Gay (Rocco) mit Herbert Lippert (Florestan) - Foto © Claudia Prieler

Auch das Ende des Fidelios wieder ungewöhnlich: Orchester und Chor spielen und singen die „Ode an die Freude" aus Beethovens 9. Symphonie: die Europa-Hymne. Und dann passierte wieder etwas Ungewöhnliches und sehr Schönes: vor allem die jungen Besucher standen auf und begannen mitzusingen!

In der Pause leuchten die Türme der Burg
In der Pause leuchten die Türme der Burg

Ein wunderbares Ende eines schönen Opernabends: Publikum und Künstler vereint im Gesang zu Ehren Europas! Danke an Beethoven und Gars am Kamp: Der Kontinent ist doch noch nicht verloren :-)

Der Gefangenenchor mit Duje Stanišić (Foto © Claudia Prieler)
Der Gefangenenchor mit Duje Stanišić (Foto © Claudia Prieler)

Wer also einmal einen etwas anderen Fidelio in einer wunderbaren Kulisse sehen und hören möchte, kann dies noch bis 10.8.2019 tun. Die Karten kosten zwischen 31 und 79 Euro, wer vor Beginn der Vorstellung noch fein speisen möchte, kann ein VIP Package um 42 Euro dazu buchen. Ticket und VIP-Buchung am besten online unter https://operburggars.at/kartenverkauf/

Familienaktion 

Besonders hervorheben möchte ich noch die Familienaktion der Oper Gars, die am 6.8.2019 noch einmal stattfindet: Dabei kostet eine Operkarte für Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren nur 10 Euro und eine erwachsene Begleitperson erhält 10% auf den regulären Kartenpreis.

Berühmte Opernchöre 

​Wer nur den Gefangenenchor aus Fidelio hören möchte, dafür aber auch berühmte Chorpartien aus anderen Opern, der sollte Gars am 31.8.2019 besuchen. Unter dem Titel „Oh welche Lust" tritt dann der weltbekannte Arnold Schönberg Chor mit erlesenen SolistInnen unter der künstlerischen Leitung von Erwin Ortner auf der Burg Gars auf.

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Kobersdorf at his best!

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