Enricos Reisenotizen

Reisen, Reisen, Reisen, andere Länder und Menschen kennen lernen. Wir berichten über unsere ganz persönlichen Reiseerlebnisse und laden Sie ein mit uns neue Destinationen zu entdecken

Altösterreich – Kakanien – ein Großteil Mitteleuropas, ask-enricos bevorzugte Reiseregion, gehörte diesem Kulturraum an. Was gibt es in diesen Ländern, von Tschechien bis Kroatien, noch an kakanischen Spuren zu entdecken? Was lohnt sich, neu zu entdecken? In Altösterreich revisited begeben wir uns auf die Fährtensuche… Als Guides haben wir alte...

Altösterreich – Kakanien – ein Großteil Mitteleuropas, ask-enricos bevorzugte Reiseregion, gehörte diesem Kulturraum an. Was gibt es in diesen Ländern, von Tschechien bis Kroatien, noch an kakanischen Spuren zu entdecken? Was lohnt sich, neu zu entdecken? In Altösterreich revisited begeben wir uns auf die Fährtensuche… Als Guides haben wir alte Reiseführer aus der Monarchie gewählt, die uns manch Altes neu entdecken lassen. Wir beginnen unsere Reisen zwar im Gestern, enden aber im Heute und werfen so einen neuen, faszinierenden Blick auf unser gemeinsames Mitteleuropa.

„Es ist passiert, sagte man dort, wenn andre Leute anderswo glaubten, es sei wunder was geschehen; das war ein eigenartiges, nirgendwo sonst im Deutschen oder einer andren Sprache vorkommendes Wort, in dessen Hauch Tatsachen und Schicksalsschläge so leicht wurden wie Flaumfedern und Gedanken. Ja, es war, trotz vielem was dagegen spricht, Kakanien vielleicht doch ein Land für Genies; und wahrscheinlich ist es daran auch zugrunde gegangen.“ (Robert Musil. Der Mann ohne Eigenschaften)

 

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Von der österreichischen Steiermark kommend beginnt unser Ausflug in das untere Sanntal in Cilli, slowenisch Celje (Autobahnabfahrt Celje Center). Vorbei an der üblichen Vorstadtarchitektur mit Einkaufszentren und Autohäusern geht es in das kleine Zentrum der Stadt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass der deutsche Name „Zilli" und nicht „Tschilli" ausgesprochen wird, wie wir es schon öfters hörten.

Josef Wallner und Norbert Eisner unterwegs im Görzer Land …

liegt doch kein anderes Land? Auf Ihrer Karten-app am Smartphone werden sie auch keines finden. Und doch gibt es dieses Land. Es ist die ehemaligen Grafschaft Görz und Gradisca. Sie finden hier das Beste von Slowenien und Italien mit einem Schuss Altösterreich als Schlagobershauberl.

Dort, wo drei Staaten zusammentreffen, ein Dreiländereck bilden, gibt es üblicherweise Gedenksteine, Fahnen und eine jährliche Grenzlandwanderung. All das finden Sie auch im Dreiländereck von Österreich – Ungarn und Slowenien. Deswegen zieht es uns aber nicht in diesen Landstrich.

Wie aus einem Bad der Auersperg die vielleicht schönste Therme Sloweniens wurde. Eine Erfolgsstory Nach den beiden untersteirischen Thermen Tüffer (Laško) und Römerbad (Rimske Toplice) zieht es uns dieses Mal noch ein Stück weiter in den Süden und zwar in die Unterkrain (Dolenjska) nach Bad Töplitz, slowenisch Dolenjske Toplice (Unterkrainer Töplitz).

Die erste Geschichte: Trieste non è Italia?

Wien am Meer. Die Stadt des Kaffees und der Dichter. Ich mag sie nicht mehr hören, diese Klischees. Für beginnende Liebende ist Triest die Stadt der Winde, für Fortgeschrittene die Stadt der Hunde, für Experten die der Köpfe. Meist griesgrämig blicken sie in Stein gehauen von den Portalen der Palazzi. 

So nah und doch so fern

„Fahrst mit der Pressburger?" Warum konnte meine Großmutter nicht einfach fragen, ob ich mit dem Zug von Fischamend nach Wien fahre? Was sollte das mit der Pressburger? (Noch dazu sagte sie Preschburger, mit Betonung auf dem u.) Als Jugendlicher in den 80er Jahren konnte ich mit Pressburg, damals noch Preßburg geschrieben, wenig anfangen. War interessierte mich eine Stadt hinter dem Eisernen Vorhang, auch wenn sie kaum 30 Kilometer von meinem Heimatort entfernt lag?

 Heut hat er wieder mal Geburtstag, der Cecco Beppe oder alte Prohaska. Es hätt' ihn sehr gefreut zu sehen, dass junge Mitteleuropäer sein Reich heute weit positiver sehen als die vorangegangen Generationen und das nicht ganz zufällig seit Brexit und Co.

Keine Sorge, Slowenien sperrt im Sommer nicht seine Autobahnen. Aber jeder Genießer sollte es sich verbieten, am Weg an die Adria nicht in der Štajerska haltzumachen. „Besuchenswert ist das steirische Unterland fast überall…".  

Jammern Sie auf Ihrem Weg nach Kroatien nicht über die slowenische Vignette. Sie kaufen damit auch die Lizenz zum Genießen in einem der herrlichen untersteirischen oder krainischen Wirtshäuser. Mahlzeit oder Dober tek wie man auf Slowenisch sagt.

Die Untersteiermark (Foto © Norbert Eisner)

Kurz vor Spielfeld. Das längliche Schild, das den Namen Steiermark in vielen Sprachen nennt, dreht uns den Rücken zu. Ein breiter Querstrich über Steiermark, Štajerska, Styria usw. zeigt an, dass wir in Kürze die Steiermark verlassen. Ein kleiner Fauxpas, über den ich mich jedes Mal ein bisschen wundere. (Nicht wundern, sondern ärgern kann ich mich über die neuen Wegweiser auf der Pyhrnautobahn. Sie nennen die erste slowenische Stadt nur mehr in Slowenisch, Maribor. Auf den alten Wegweisern wird mit „Maribor/Marburg" noch die Zweisprachigkeit gepflogen, wie übrigens in Slowenien auch, wo alle österreichischen Städte, also zum Beispiel Graz, mit ihrem slowenischen und ihrem deutschen Namen genannt werden, wobei der slowenische an erster Stelle steht, Gradec/Graz eben. Will man bei uns politisch besonders korrekt sein? Wenn ja, hat man etwas falsch verstanden. Die Nennung in mehreren Sprachen nimmt niemanden etwas weg, im Gegenteil, sie bereichert.)

Das älteste Gasthaus Sloweniens bei der Kartause Seitz (Foto © Norbert Eisner)

Zurück zur schönen multilingualen Steiermark-Tafel: Die Steiermark endet doch nicht bei Spielfeld, sie geht weiter bis an die Save! Nur wird aus der österreichischen die slowenische Steiermark, Štajerska eben. Für mich ist sie der der schönste Teil der Steiermark, aber das ist eine andere Geschichte.

Da kommt die Suppe noch im Topf auf den Tisch (Foto © Norbert Eisner)

So wundert oder ärgert sich jeder über etwas anderes. Ich weiß, mein Ärger ist absolutes Minderheitenprogramm, im Gegensatz zu dem über die slowenische Vignette, die spätestens jetzt gekauft werden muss. (Die Slowenen machen uns das leicht, wir brauchen nicht einmal aus dem Auto aussteigen.) Wobei: Der Ärger hat sich über die Jahre schon in ein typisch österreichisches Gesudere verwandelt. Man schimpft, raunzt und motschkert in dem guten, weil vertrauten Gefühl, es ohnehin nicht ändern zu können. Liebe Istrien- und Dalmatien-Reisende: Schenken Sie sich auch das Gesudere! Betrachten Sie den Kauf der slowenischen Wochen- oder Monatsvignette als, wenn auch nicht kleinen, Obolus für eine Fahrt, die Sie zu einer kulinarischen Genussreise machen können. Die folgenden Adressen mögen Sie nach bestem Wissen und Gewissen dabei unterstützen.

Der Jahringhof noch vor der Restaurierung (Foto © Norbert Eisner)

Zwischen Spielfeld-Špilje und Marburg-Maribor

Weingut Dveri Pax
Polički vrh 1, 2221 Jarenina
Tel.: +386 2 644 00 82
Web: www.dveri-pax.com

Das untersteirische Weingut der Admonter Benediktiner sei exemplarisch für die vielen hervorragenden slowenischen Weingüter genannt. Am Jahringhof können Sie sich in wunderbarem Ambiente bei einem fruchtigen Weißen oder gehaltvollen Roten auf Ihren Urlaub einstimmen (und am Rückweg einen Karton Wein abholen oder schicken lassen).

Slap im Wippachtal (Foto © Josef Wallner)

Tipp: Die Untersteiermark liefert wie das Küstenland (Brda, Wippachtal, Karst, Istrien), das Übermurgebiet, die Unter- und die Weißkrain fantastische Weine. Bis die ask-enrico-Geschichte zu slowenischen Weinen erscheint, finden Sie ausgewählte biodynamische Weine unter https://www.orange-wine.net/, weitere empfehlenswerte slowenische Weingüter auf http://www.slowenien-weine.de/weinland/weingueter 

Touristischer Bauernhof Koren(mit Übernachtung)
Šober 23, 2354 Brestanica
Tel.: +386 2 265 606 91

Bei den Koren (Foto © Norbert Eisner)

Schöner Hof in Heiligenkreuz hoch ober Marburg, untersteirischer Familienbetrieb, Hausmannskost, sehr gemütlich. Ohne Navi mag es allerdings eine Herausforderung sein, den Koren zu finden, Küche gibt es nur am Wochenende. 

Restaurant Denk 
Zg.Kungota 11 A, 2201 Zg.Kungota
Tel.: + 386 2 65 63 551
Web: www.hisadenk.si

Gregor Vračko kocht köstlich, das wissen Slowenien-Reisende seit Langem. Vor rund einem Jahr wurde das Ambiente des Restaurants in Ober St. Kunigund-Zg. Kungota der Qualität der Küche angepasst. Mein Tipp: Schauen Sie sich das an und genießen Sie, genießen Sie, genießen Sie. 

Gasthaus Šiker (mit Übernachtung) 
Močna 7, 2231 Lenart
Tel.: +386 2 720 69 21
Web: www.siker.si 

Gutes untersteirisches Wirtshaus mit langer Tradition, zwischen Pössnitz-Pesnica und St. Leonhar-Lenart in Mutschen-Močna gelegen. Ein Klassiker ist die Charlotte. Sehr nette Appartments an einem kleinen See.

Im Jahringtal (Foto © Norbert Eisner)

Marburg-Maribor

Restaurant Mak
Osojnikova ulica 20, 2000 Maribor
Tel.: +386 2 620 0 58
Web: www.restavracija-mak.si

Das Marburger Spitzenrestaurant von David Vračko, Bruder von Gregor, dem Chef im Restaurant Denk.

Von Marburg-Maribor über Pettau-Ptuj nach Dalmatien

Pension Šilak
Dravska Ulica 13, 2250 Ptuj
Tel.: +386 2 787 74 47
Web: www.rooms-silak.com

Nette Pension in der Pettauer Draugasse.

In der Untersteiermark (Foto © Norbert Eisner)

Gasthaus Ribič
Dravska ulica 9, 2250 Ptuj
Tel.: +386 2 74 90 635
Web: www.gostilna-ribic.si

Zugegeben, kein Geheimtipp, aber jedes Mal einen Besuch wert, der Ribič (Fischer). Vor uns die Drau, hinter uns die Silhouette der ältesten steirischen Stadt, Pettau-Ptuj. 

Hotel Mitra
Prešernova 6, 2250 Ptuj
Tel.: +386 2 787 74 55
Web: www.hotel-mitra.si 

Ein Haus mit großer Tradition. Das Hotel stand bis 1945 im Eigentum der Familie Osterberger. Zu deren Besitz gehörten auch zahlreiche Weingärten in den besten Lagen der Kolos-Haloze, dem berühmten Weinland am anderen Ufer der Drau Ihren Wein exportierten die Osterberger bis nach Südamerika. Heute erinnert die gleichnamige Vinothek des Hotels an diese bekannte Pettauer Familie. Das Café mit eigener Rösterei im Hotel heißt Kipertz, nach dem hier im achtzehnten Jahrhundert ansässigen Kaffeesieder Josef Kipertz. Die Pettauer Kaffeeröstertradition wird heute von Columbo Caffe www.columbocaffe.si/ fortgeführt. 

Buschenschank Pungračič (mit Übernachtung)
Drenovec 7, 2283 Zavrč
Tel.: +386 0 2 761 06 41
Web: www.turizem-pungracic.si

Abendstimmung in der Kolos, im Hintergrund der Donatiberg (Foto © Norbert Eisner)

Nach Pettau endet auf dem Weg hinauf ins Matzelgebirge-Macelj die Autobahn und an einem Sommerwochenende können sich die paar Kilometer hinüber ins kroatische Zagorien-Zagorje schon ziehen. Warum nicht in der Kolos-Haloze übernachten? Die Kolos lieferte einst die besten Weine der Steiermark und heute wachsen auf den pittoresken Hügeln hinter der Drau die Trauben für so manch edlen Tropfen. Beim Pungračič können diese entweder in der wunderbaren alten Stube oder im stylishen neuen Verkostungsraum probiert werden, bevor man sich dann stilgemäß die Tuchent über den Kopf zieht.

Die Kolos im Herbst (Foto © Josef Wallner)

Von Marburg-Maribor über Laibach-Ljubljana nach Istrien

GBauernhof Štern (mit Übernachtung)
Planina 9, 2313 Fram
Tel.: +386 2 601 54 00
Web: www.kovacnik.com 

Am Wochenende gibt es untersteirische Bauernküche auf sehr hohem Niveau. Das lohnt den Abstecher ins schöne Frauheim-Fram. 

Gasthaus Zlati grič (mit Übernachtung und Golfplatz)
Škalce 80, 3210 Slovenske Konjice
Tel.: +386 3 758 03 50
Web: www.zlati-gric.si

Schöner kann ein Wirtshaus nicht liegen wie das am goldenen Hügel in Gonobitz-Sl. Konjice. Und das Beste ist: Die Küche steht der Lage um nichts nach. Tipp: Das idyllisch gelegene Weinschlössl ist zu mieten.

In der Untersteiermark (Foto © Norbert Eisner)

Gasthaus Francl
Zagrad 77, 3000 Celje
Tel.: +386 3 492 64 60
Web: www.gostilnafrancl.si 

Der Cillier Kellner Franzl gründete einst dieses Wirtshaus. Heute wird hier vielleicht die beste untersteirische Wirtshausküche geboten. Ein kurzes Stück hinter dem Wirtshaus bietet sich ein fantastischer Blick auf die Cillier Burg. Den Kaffee nach dem Essen sollte man in der frisch sanierten Altstadt von Cilli-Celje nehmen. Mehr zu Cilli in http://enricosreisenotizen.eu/chillen-in-cilli/

Pavus Grad
Tabor Laško 3270 Laško, Burg Tabor
Tel: +386 3 620 07 23
Web: www.pavus.si 

Ein Abstecher in untere Sanntal, der sich lohnt. Hoch über Tüffer- Laško lässt es sich wunderbar genießen.

In der Untersteiermark (Foto © Norbert Eisner)

Therme Römerbad: Rimske terme
3272 Rimske Toplice, Toplice 10
Tel: +386 3 574 20 00
Web: www.rimske-terme.si 

Noch ein kurzes Stück nach Tüffer gelegen. Für mich ist Römerbad die schönste Therme Sloweniens. Und das Beste ist: Auf der Durchreise kann man auf der Terrasse auch nur einen Kaffee trinken. Kann Rasten schöner sein? Mehr zu Römerbad: http://enricosreisenotizen.eu/roemerbad-rimske-toplice-neuer-glanz-im-alten-promibad/

Gasthaus Slovan-Filač
Vransko 54, 3305 Vransko
Tel.: +386 3 572 54 30
Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 

Kurz vor der alten steirisch-krainischen Landesgrenze vor dem Trojana-Trojanepass liegt das idyllische Dorf Franz-Vransko direkt an der Autobahn. Der Slovan ist ein einfaches Wirtshaus, in dem die Bauarbeiter schon um zehn Uhr vormittags ein Schnitzel essen. Und wo die essen, ist es bekanntlich gut und günstig.

Majerija im Wippachtal (Foto © Josef Wallner)

Gasthof Pri Narobetu
Mengeška 37, 1236 Trzin
Tel.: +386 1 564 20 89 

Eines der hundertjährigen slowenischen Gasthäuser. Stehenbleiben zahlt sich aus, auch wenn Tersain-Trzin nicht der prickelndste oberkrainische Ort ist. 

Laibach-Ljubljana
Viele gastronomische Tipps in http://enricosreisenotizen.eu/ein-like-fuer-laibach/
Gostilna Podfarovž
Ulica Ivana ščeka 2, 5271 Vipava
Tel.: +386 402 320 90
Web: www.podfarovz.si 

Zugegeben, dieser Wirt liegt nicht am direkten Weg nach Istrien. Aber den kleinen Abstecher nach Wippach-Vipava ist er wert.

Wippach (Foto © Norbert Eisner)

Restaurant Majerija
Slap 18, 5271 Vipava
Tel.: +386 5 368 50 10
Web: www.majerija.si

Und wenn Sie schon im Wippachtal sind, schauen Sie auch hier vorbei: So schön. So gut. Am Wochenende sollte man reservieren, denn die Laibacher, Görzer und Triestiner lieben das Lokal. 

Restaurant Pri
Lojzetu Dvorec Zemono, 5271 Vipava
Tel.: +386 5 368 70 07
Web: www.zemono.si

Mein letzter Tipp für das obere Wippachtal: Wer ausgezeichnetes Essen schätzt, kommt an diesem Lokal im ehemaligen Jagdschloss Semona der Lanthieri nicht vorbei. 

Gasthaus Malovec (mit Übernachtung)
Kraška cesta 30, 6215 Divača
Tel.: +386 5 763 33 33
Web: www.hotel-malovec.si

Zlati gric – der goldene Hügel von Skalitz im Winter (Foto © Norbert Eisner)

Domačija Pr´ Vncki (Bed & Breakfast)
Matavun 10, 6215 Divača
Tel.: +386 5 763 30 73 
Schönes, altes Haus 

Gostilna Mahorčič
Rodik 51, 6240 Kozina
Tel.: +386 5 68 00 400
Web: www.gostilnamahorcic.wordpress.com 

Gasthof Muha
6219 Lokev 138
Tel.: +386 5 767 00 55 

Gemütlich und gut. Und wenn man hier schon stehen bleibt, kann man gleich Lipizza-Lipica und die Grotten von St. Kanzian-Škocjan besuchen.

In der Kolos (Foto © Norbert Eisner)

Lektüre für Ihre Reise durch Slowenien

Josef Wallner (Text). Norbert Eisner (Bilder): Reisen in der Untersteiermark. Geschichte. Routen. Gastlichkeit", zoppelberg Verlag

Josef Wallner (Text). Norbert Eisner (Bilder): Unbekanntes Slowenien. Reisen auf Altösterreichs Spuren in Krain und Laibach, zoppelberg Verlag

Josef Wallner (Text). Norbert Eisner (Bilder): Geliebtes Görz. Von den Alpen zur Adria. Eine Reise durch das altösterreichische Küstenland, https://www.verlag-berger.at/der-verlag-berger/presse/geliebtes-goerz.html

Der Name Römerbad ist keine Erfindung cleverer Touristiker der Belle Époque. Denn dass die Römer hier schon badeten, belegen Votivsteine für heilbringende Nymphen, Münzen und muldenförmige Wasserbehälter. Im dreizehnten Jahrhundert taucht das Bad in einer Urkunde erstmals auf. 1497 ließ Kaiser Maximilian I. Neubauten errichten, im Jahr der ersten Wiener Türkenbelagerung (1529) zerstörten die Osmanen auch das bescheidene Römerbad und zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts wurde die Töplitz, wie das Bad damals genannt wurde, durch einen Grafen Wildenstein weiter aus­gebaut. So richtig bergauf ging es mit Römerbad, nach vielen Besitzerwechseln, aber erst ab 1840. Das hatte das Bad dem Triestiner Großhändler Gustav Adolf Uhlich zu verdanken. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Therme von den Uhlichs zu einem allseits bekannten Kurort ausgebaut, auch dank einer guten Marketingstrategie. Aus dem alten Römerbad Töplitz beim kleinen Ort St. Margarethen (Šmarjeta) wurde der Curort Römerbad, das steirische Gastein. Hört sich doch gleich besser an

Rimske Terme (Foto © Norbert Eisner)

Die Promidichte in Römerbad war beachtlich. Die deutsche Kaiserin Augusta, Karoline Murat, eine Schwester Napoleons, und Franz Grillparzer gebrauchten hier die Kur. Den hohen Gästen kann zur ihrer Wahl nur gratuliert werden. Unsere Reisebegleiter, ob in rotem, gelbem oder grünem Leinen gebunden, geizen bei der Beschreibung von Römerbad nicht mit Komplimenten. Beginnen wir mit dem Klima: „Das Klima ist mild und stärkend, die Luft rein, der Himmel heiter, anhaltender Regen selten, und Nachtfröste treten nur in der sehr vorgerückten Herbstzeit ein." Fahren wir mit den Quellen fort: Die von den Römern gebrauchten Quellen entspringen aus dem Dolomit am Fuß des Senoschegg (Senožete). Für die Kurgäste wurden später nur zwei Quellen gefasst, die alte Römerquelle und die Amalienquelle, benannt nach der Frau von Gustav Uhlich. Die eine ist 36 Grad, die andere 38 Grad warm. Und was sprudelt(e) aus der Erde? „Der Geschmack des Thermalwassers hat etwas Pikantes, Bitterliches und durchaus nicht das Ekelhafte und Widerliche erwärmten Wassers. Dem Gefühl nach ist es ungemein weich, seifenartig; echte Perlen laufen in demselben etwas gelblich an." Also Damen – aufgepasst!

Schon lange geschlossen – der Gasthof zur Post in Römerbad

Aber wir möchten ja nicht unsere Perlen baden, sondern etwas für die Gesundheit in Römerbad tun: „Sehr viel Analogie durch Temperatur und Kohlensäure-Gehalt hat dieses Wasser mit den Thermen von Gastein, da es auflösend, besänftigend und gelind-stärkend wirkt. Special wirkt es günstig bei Gicht, Lungenknoten, Stockungen im Lymph- und Drüsensystem, fehlerhafter Bildung des Blutes, chronischen Uebeln der Verdauungsorgane, Haut- und Scrophelkrankheiten, allgemeiner und örtlicher Schwäche, langsamer Reconvalescenz, Nervenleiden, Hysterie, Hypochondrie, Flechten, Rheumatismen, Rhachitis und Hämorrhoidalbeschwerden."  

Wir wagen nun gar nicht zu fragen, gegen welche Krankheit der Gebrauch einer Römerbader Kur nicht hilft und hoffen nur, dass das Wasser nicht zu auflösend wirkt, wir wollen schließlich noch weiter durch die Untersteiermark reisen.

Das Sophienschloss und die neue Therme (Foto © Norbert Eisner)

Wir nähern uns endlich der Therme (diese bitte nicht mit dem auf der linken Straßenseite gelegenen Aquapark verwechseln). „Der Reisende kommt zwischen dem Säuseln schlanker Pappeln, dem Murmeln der Springbrunnen, im labenden Dufte üppiger Blumenbeete zu den stattlichen Wohn- und Badegebäude empor." Wenn Sie die richtige Auffahrt (die zweite, Richtung Sofijn Dvor) nehmen, werden Sie dieser Beschreibung durchaus zustimmen können.(Nur mit den üppigen Blumenbeeten haperts ein wenig.) Die USP von Römerbad ist nicht das Wasser, sondern sein fantastischer Park. Viele der prominenten Gäste hinterließen hier ihre Spuren. Sie pflanzten über vierzig exotische Bäume als Dank für die erfolgreiche medizinische Behandlung. Es gab einen Amalien­hügel, die Gustavhöhe mit dem Parapluie, die Grillparzer Ruhe, den Babettensitz, das Graf Gleispach-Belvedere, später nach Kaiserin Charlotte von Mexiko benannt. Gegen den Wahnsinn, dem die angeheiratete Habsburgerin aus Belgien gegen Ende ihres mexikanischen Abenteuers verfiel, hätte auch das Römerbader Wasser nichts ausrichten können. Ein Blumen- und Wasserparterregarten, ein Terrassenhügel und das Pro­menadenplateau mit einem Pavillon für die Kur-Musik rundeten die Anlage ab. Die Sehenswürdigkeit des Parks war und ist (sonst ist viel verschwunden) die 30 Hektar große Waldwiese mit den drei Mammutbäumen. Rund um diese führte die Viktoria-Promenade, benannt nach der damaligen deutschen Kron­prinzessin Viktoria, Tochter der gleichnamigen englischen Königin und ungeliebte Mutter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. Die Promenade ist heute Teil des russischen Weges (Ruska steza), der im Ersten Weltkrieg von russischen Kriegsgefangenen angelegt werden musste. Heute erinnert an Römerbad ein Gedenkstein daran.

Gelungenes Design… (Foto © Norbert Eisner)

Die Uhlichs investierten auch viel in den Umbau der Therme. Der elegante Bau des Sophienschlosses (Sofijn dvor) begeisterte die Gäste: „Es übertrifft durch seine herrliche, freie Lage, sowie die reizende Aussicht nach allen Seiten hin, alle anderen Gebäude des Curortes." Sie können das heute noch nachprüfen (am besten vom Aussichtsturm des Sophienschlosses). Das restaurierte Sophienschloss ist Teil der Rimske Terme. Es wurde durch einen sehr gelungenen Neubau mit dem alten Badehaus verbunden. Man findet selten eine Hotelanlage, wo die bestehende Substanz mit zeitgemäßer Architektur so glücklich verbunden wurde. Und auch das Branding im römischen Stil ist nicht kitschig, sondern stimmig. Das Thermalbad im Innenbereich begeistert uns durch die Eleganz des grauen Steins und den Liegemöglichkeiten in Nischen. Hier gibt es keine grässlichen Plastikliegen. Das Außenbecken besticht durch seine gelungene Integration in die an Grünschattierungen so reiche Landschaft. Diese Therme hat Stil.

Das alte Badehaus wurde in die neue Anlage integriert (Foto © Norbert Eisner)

Rund um das Bad verlockt der alte Park mit seinen kanadischen Hemlocktannen, japanischen Hibalebensbäumen, Zypressen oder kalifornischen Zedern zur Spurensuche nach kakanischen Relikten. Gibt es das Belvedere noch? Wo ruhte sich Grillparzer aus? Leichter zu finden ist der russische Weg. Er wurde instandgesetzt und ist ein beliebter Spazierweg. In den Wald hinter der Therme führt eine mit Löwen geschmückte Brücke in den Mayerhofer-Park (heute Vladimirjev park) zur gleichnamigen Villa. Hermann Mayerhofer war viele Jahre der Badearzt von Römerbad. Das alte, quietschende Tor zum Park, der seine gewesene Pracht noch erahnen lässt, die Reste der Balustrade, die Baumriesen und der weiche Waldboden – ein bisschen fühlen wir uns wie in Rebecca, wenn die Protagonistin im Traum nach Manderley zurückkehrt.

Die berühmten Mammutbäume (Foto © Norbert Eisner)

Den Uhlichs war es nicht vergönnt, das Römerbad zu halten. Im Zweiten Weltkrieg richtete sich die deutsche Wehrmacht in der Therme ein und nach dem Krieg übernahm schon recht bald die jugoslawische Armee Römerbad – und blieb ein paar Jahrzehnte. Die Uhlichs mussten gehen. Die Berge rund um die Therme eignen sich bestens für nicht übermäßig herausfordernde Wanderungen. Beliebt ist der Aškerc-Weg, der ungefähr entlang des ehemaligen Römerwegs verläuft. Er ist nach dem untersteirischen Balladen- und Romanzendichter Anton Aškerc benannt und führt auch zu seinem Geburtshaus. Der Hof mit Wirtschaftsgebäude, Dörrkammer und kleinem Museum ist nett, die Lage herrlich – und sehr guten Käse gibt es auch zu verkosten, bei den Nachfahren des Dichters. Pflanzenfreunden sei eine Wanderung auf den Kopitnik empfohlen, wo sich die alpine und die mediterrane Pflanzenwelt begegnet. Am Weg von St. Margarethen auf den Berg liegt die Lourdes-Kirche. In ihren Altar wurden Steine aus der Höhle von Lourdes eingebaut. Das Wasser der Quelle neben der Kirche vollbringt wahrscheinlich keine Wunder, wie die Pilger einst glaubten. Zu verschmähen ist es aber dennoch nicht, immerhin füllt es die Brauerei von Tüffer als Tafelwasser Oda ab.

Das Sanntal rund um das Römerbad (Foto © Norbert Eisner)

Ein längerer Ausflug führt ins hochromantische Graschnitztal, vom namensgebenden Graschnitzbach (Gračnica) durchflossen. Die Kraft des Wassers wurde von vielen Mühlen genutzt, ein paar Mühlräder zeugen noch davon. Wir können uns kaum vorstellen, dass im engen Tal einst eine Glasfabrik ansässig war. Das Glas auch dem Graschnitztal war hoch begehrt. Bis Padua wurden die geschliffenen und geschnittenen mit Figuren und Landschaften illustrierten Gläser verkauft. Sehr mühsam war der Transport der Fenstertafeln. „Die Ausfuhr ist nach allen Seiten sehr beschwerlich und mit großen Unkosten verbunden, die Fabrikstransporte erfordern immer 12 bis 14 Pferde." Lang ist´s her. Noch weiter zurück liegen Aufstieg und Niedergang der Kartause Gairach (Jurklošter), die die meisten Besucher in das pittoreske Tal lockt. Wir blättern wir in einem der alten Bücher: „Gairach soll seinen Namen von den vielen Geiern haben." Na, da sind wir gespannt, erst recht, wenn wir weiter lesen: „Die gleißenden Kalkfelsen, die üppigen Laubwälder ringsum, alles erinnert an die Schluchten der Apenninen, und damit die Täuschung vollkommen werde, fehlt es dem stillen Thalgraben weder an großen Vipern, noch an zahlreichen Scorpionen. Der Bach rauscht trüb und mürrisch neben der engen aber trefflichen Straße fort. Herrische Felsen bestimmen seine Richtung, kleine Brücken springen als beherrschende Jochbogen über ihn. Endlich hinter der letzten Felsenenge erweitert sich der Ausblick, und man hat, quer das Thale durschneidend, Gairach vor sich. Das Herrschaftsgebäude, die Kirche daran, mit dem alten achteckigen Schiferthürmchen von rein gothischer Bauart, die tiefe Stille, das einsame Thal, Alles stimmt feierlich-melancholisch ernst."

Die Autoren bei der Arbeit in Römerbad (Foto © Norbert Eisner)

Letzteres stimmt. Das mit den Geiern, Schlangen und Skorpionen können wir nicht bestätigen. Die Ursprünge der Kartause gehen in das zwölfte Jahrhundert zurück. Sie durchlebte ein paar Höhen und viele Tiefen, zu letzteren zählte sicher die Plünderung durch die Türken. Andere Schwierigkeiten dürften von den Klosterbrüdern selbst verschuldet gewesen sein. Wegen „Verschwendung und Unordnung" ließen die Habsburger strenge Untersuchungen durchführen. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts übernahmen die Jesuiten die Kartause. Bekannterweise war es rund zwei Jahrhunderte später mit der Orden vorerst vorbei und die Kartause wurde geschlossen, was einen unserer Reisechronisten zur lapidaren Feststellung veranlasste: „Die Kartause scheint schon von allem Anfange den Keim der Auflösung in sich getragen zu haben.

Der Bau eines Schlosses schien mehr dem Zeitgeist zu entsprechen. Rund 140 Jahre später war es auch mit dem Schloss wieder vorbei. Partisanen steckten es im Zweiten Weltkrieg in Brand. Was erhalten blieb, Kirche und Wehrturm, lohnt aber den Besuch von Gairach. Die Kirche hat ein auffallend schönes Portal. Freunden tragischer Liebesgeschichten sei noch folgende Begebenheit erzählt. In der Kirche von Gairach könnte Veronika von Dessenitz, die steirische Agnes Bernauer, begraben sein. Ihre Geschichte beginnt auf der Burg Friedrichstein in der Krainer Gottschee. Diese wurde von Friedrich von Cilli rund um das Jahr 1420 erbaut. Dem gar nicht mehr so jungen Cillier diente Friedrichstein als Liebesnest. Seine Zuneigung gehörte Veronika von Desenic oder Dessenitz (Deseniška in Slowenisch), für deren Herkunft es verschiedene Vermutungen gibt. Friedrichs erste Frau Elisabeth aus dem kroatischen Geschlecht der Frangopanen war wenige Jahre zuvor gestorben. Mancher Zeitgenosse vermutete, dass sie durch die Hand Friedrichs den Tod fand. Der wollte seine neue Liebe Veronika heiraten und tat dies später auch. Das wiederum passte seinem Vater Herrmann nicht. Der Stand der Braut war ihm angeblich zu minder und um Heiratserlaubnis wurde er vom Sohn auch nicht gebeten. 

Der junge Friedrich wurde von seinem Verwandten, dem ungarischen König Sigismund, der ganz auf der Linie des Vaters lag, vorgeladen. Der König lieferte den Cillier dessen Vater aus, der ihn auf der Burg von Cilli festsetzte. Das Liebesnest Friedrichstein ließ Hermann von Cilli zerstören. (Friedrich ließ es später wieder aufbauen.)

Veronika floh und gelangte bis ins Pettauer Feld in der Untersteiermark. Dort wurde sie von Hermann erwischt. Er ließ die hübsche Frau nicht gleich umbringen. Der Rechtsweg sollte beschritten werden. Veronika wurde als Zauberin angeklagt. Sie hätte nicht nur Friedrich mit ihren Zauberkünsten dazu gebracht, ihn zu heiraten, sondern auch Schwiegervater Hermann mit Gift umbringen wollen. Allein das Gericht machte Graf Herrmann einen Strich durch die Rechnung: Veronika wurde mangels Beweisen frei gesprochen. Frei ging sie aber nicht. Der Altgraf ließ sie in die Burg Osterwitz (Ojstrica) im Sanntal bringen. Dort wollte man sie verhungern lassen. Schlussendlich entschied man sich für ein rasches Ende und ertränkte sie. 

Die tragische Geschichte, in der es mehr um Ungehorsam als um Liebe geht, inspirierte viele Schriftsteller. Sogar eine slowenische Oper gibt es zu dem Geschehen. Der Krainer Friedrich von Gagern und die Untersteirerin Anna Wambrechtsamer verarbeiteten die Geschichte in den Dreißigerjahren des letzten Jahrhunderts in ihren Büchern. Wambrechtsamer setzte sich für eine Verständigung zwischen den beiden Volksgruppen ihrer Heimat ein. Ihr Buch Heut Grafen von Cilli und nimmermehr erlebte in seiner slowenischen Übersetzung Danes grofje celjski in nikdar več viele Neuauflagen. Die Schriftstellerin hat zur Veronika-Geschichte auch die Werke zweier slowenischer Dramatiker ins Deutsche übersetzt.

Das ehemalige Schlösschen Weixelstein (Foto © Norbert Eisner)

Einen letzten Ausflug wollen wir von Römerbad aus noch unternehmen. Was schlägt uns der Reiseführer vor? „Beliebter Ausflug nach dem durch seltene Koniferen aus­gezeichneten Park des über der Save gelegenen Schlösschens Weixelstein [Novi Dvor]". Dieses Mal werden wir enttäuscht. Denn den Weg nach Weixelstein werden heute die Wenigsten freiwillig gehen. Es ist eine Jugenderziehungsanstalt. (Die Koniferen sind aber wirklich prächtig.

Adressen

Therme Römerbad: Rimske terme
3272 Rimske Toplice, Toplice 10
Tel: +386 3 574 20 00
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Literatur

Warum uns der Songcontest nach Slowenien lockte 

Von Josef Wallner (Text) und Norbert Eisner (Fotos) 
ESC-Woche in Wien. Die ganze Stadt ist in Partystimmung. In einer der vielen ORF-Shows sollen Prominente lustige Statements zu den teilnehmenden Ländern abgeben. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie, ob echt oder gespielt ist gleichgültig, gelingt das nur Birgit Sarata bravourös. Die anderen glänzen mit hinlänglich bekanntem österreichischen Kabarettistenschmäh (gähn) oder blankem Unwissen, vor allem wenn es, was für eine Überraschung, um unsere Nachbarn, nicht die Deutschen, Italiener und Schweizer, sondern die anderen, geht. Schon klar: Die Sendung soll so funktionieren, Nichtwissen, ein bissl ironisch gebracht, bringt Sympathie und Schulfernsehen braucht in dieser fantastischen Woche, so viele Wiener mit einem Lächeln im Gesicht, werde ich wahrscheinlich mein ganzes Leben nicht mehr sehen, wirklich niemand.

Die andere Seite der Karawanken … (Foto © Norbert Eisner)

Aber wundern darf man sich schon ein wenig, wenn ein Ö3-Moderator meint, zu Slowenien falle ihm nichts ein gar nix. Immerhin, seine Kollegin aus dem TV-Nachmittagsprogramm berichtet von einer Insel in einem See, die es dort gäbe, und die Bled hieße. Schnitt. Und was jetzt kam, liebe Leserinnen und Leser, wissen sie bestimmt, wetten? Richtig, ein paar Bled-Schmähs. Also Witze, deren langer Bart jeden Hipster neidig werden lässt. Aber sie bringen uns, Norbert Eisner und mich, auf die Idee, für ask-enrico wieder einmal hinter die Karawanken, nach Veldes, wie Bled auf Deutsch heißt, so umgehen wir gleich die Witzfalle, zu schauen.

Endlich am Ziel (Foto © Norbert Eisner)

Veldes liegt in Krain. Krain? Ja, das Land, aus dem die Würstel und diese spezielle Volksmusik kommen. Einst hieß es: „Vermöge seiner eigenartigen landschaftlichen Reize nimmt das Kronland Krain unter den österreichischen Provinzen eine hervorragende Stellung ein." Österreich in dieser Form gibt es nicht mehr und Krain, das slowenische Zentralland, kennen die Slowenen nur mehr in seinen Teilen Ober-, Unter- und Innerkrain – Gorenjska, Dolenjska und Notranjska. Dazu kommt noch die Weißkrain oder Bela Krajina. Sowieso müsste Krain eigentlich Grün heißen, eine grüne Oase in der Mitte Europas, ein Land wie aus dem Bilderbuch. (Nein, wir bekommen kein Honorar von der slowenischen Tourismuswerbung, aber mit ein bisschen selektiver Wahrnehmung, entdecken Sie links etwas Schiaches, dann schauen Sie eben nach rechts, werden sie unserer Krain-Begeisterung sicher etwas abgewinnen können.)

Fotomotiv Nr.1 am Wocheiner See (Foto © Norbert Eisner)

Die Oberkrain ist ein Gebirgsland, begrenzt von den Julischen Alpen (Juliske Alpe), den Karawanken (Karavanke) und den Steiner Alpen (Kamniške Alpe). Überragt wird die Oberkrain vom Triglav, dem Dreihaupt, Symbol Sloweniens, in dessen Höhen der sagenumwobene Gamsbock mit goldenen Hörnern, Zlatorog, herrscht. Das Triglav-Gebiet ist Sloweniens einziger Nationalpark. Stattliche Bauerndörfer, bezaubernde kleine Städte wie Stein (Kamnik), Radmannsdorf (Radovljica) und Bischoflack (Škofja Loka) und unzählige Heuhar(p)fen, das ist die Oberkrain. Sie ist der Teil Krains, der am frühesten für den Tourismus erschlossen worden ist.

k.k. Tourismuswerbung

Tourismuswerbung stets die „Perle Krains" gepriesen. Die frühen Tourismusmanager waren mit ihren Plänen für Veldes höchst erfolgreich, vielleicht mehr, als so Manchem lieb war, denn bald wurde konstatierte: „Veldes ist ein sehr beliebter Sommerfrische- und Badeort und in der Saison meist überfüllt." „Nicht nur von Laibach, sondern auch von Villach, ja selbst von Klagenfurt aus werden Vergnügungszüge dorthin veranstaltet, und es dürfte unter denjenigen Leuten, welche in den beiden Nachbarländern Kärnten und Krain überhaupt Ausflüge machen, kaum Jemand geben, der nicht an irgend einem schönen Sommer- oder Herbsttage einmal sich eine Fahrkarte nach Veldes gelöst hätte". Heute kommen die Touristenscharen nicht nur aus Kärnten und Krain, sondern aus der ganzen Welt.

Das erste Standardwerk zu Veldes

„O Thal der Zauber, voll Grösse, voll Anmuth", dichtete Anastasius Grün. Das Panorama von Veldes bezaubert seit Jahrhunderten die Reisenden. Aber was macht seinen besonderen Reiz aus? In einem der alten Reiseführer, unverzichtbare Begleiter auf unseren Reisen durch Kakanien finden wir eine plausible Erklärung: „Ich habe auf manchen Fahrten die meisten der Alpenseen Österreichs, der Schweiz und Oberitaliens kennen gelernt, aber nach all dem früher Geschauten machte doch der See von Veldes auf mich einen mächtigen Eindruck. Es ist nicht die Größe, die imponiert, denn der See misst kaum 147 ha., es ist auch nicht die Erhabenheit seiner Umgebung – darin könnte er mit dem Königssee und mit vielen anderen nicht wetteifern, auch nicht der Liebreiz seiner Ufer allein – hierin übertrifft ihn beispielsweise der Traunsee; es ist die eigenthümliche Mischung von allem diesen, Erhabenen und Freundlichen, von Natur und Kunst, die den Beschauer unwillkürlich fesselt…" Also, wie so oft, die Mischung macht's.

Gemächlich über den See gleiten (Foto © Norbert Eisner)

Die Schönheit von Veldes hat stets auch die Künstler inspiriert. Schließlich hat nach einem unserer Begleiter hier „die Natur die Rolle des Malers übernommen und in der That ein Meisterwerk geschaffen". France Prešeren, der slowenische Nationaldichter, widmet in seinem Epos „Die Taufe an der Saviza" Veldes die folgenden Zeilen: 

„Die Insel, ragend aus der Wellen Runde,
Jetzt fromm geweiht als Wallfahrtsort Marien,
Sieh, Riesengletscher steh`n im Hintergrunde
Von schönen Feldern, die nach vorne ziehen;
Da gibt Schloss Veldes dir zur Linken Kunde,
Rechts siehst du Hügel hinter Hügel fliehen,
Land Krain hat keinen schönern Ort zu weisen,
Wie hier als Bild des Edens ihn zu preisen."

Wie aus der Zeit gefallen: der Veldeser Bahnhof der Wocheiner Bahn (Foto © Norbert Eisner)

Um die Euphorie der frühen Veldes-Touristen nachzuempfinden, beginnen wir unseren Besuch beim Bahnhof der Wocheinerbahn, hoch über dem Ort gelegen. In Veldes kommt man heute noch gerne mit dem Zug an. Das Gebäude ist nach wie vor original kaiserlich-königlich, nur ein Bahnhofsvorstand mit Schnurrbart und schmucker Uniform fehlt. Dafür gibt es ein nettes kleines Museum, wie an mehreren Stationen dieser legendären Bahnlinie. Ganz in der Nähe des Bahnhofs lässt es sich im Hotel Triglav, das wieder in schönster altösterreichischer Sommerfrische-Architektur erstrahlt, mit Stil einkehren. (Schade, dass beim Renovieren auf den Bau einer halbwegs großen Terrasse verzichtet wurde – und das bei dem Panorma.)

Abendstimmung am Veldeser See (Foto © Norbert Eisner)

Mit Veldes, auch im deutschsprachigen Raum fast nur mehr unter seinem slowenischen Namen Bled bekannt, verbinden Touristen vier Sehenswürdigkeiten: See, Insel samt Kirche, Burg und Triglav. Blicken wir kurz auf letzteren, bei dessen Anblick die Reiseschriftsteller stets zur Höchstform aufliefen. Einer ihrer bekanntesten, Heinrich Noé, schwärmte: „Der Triglav, im Vordergrund der Veldeser See, ist ein Landschaftsbild, das in den Alpen kaum wieder vorkommt. Der Triglav, von hier aus betrachtet, gehört zum Veldeser See, sowie der Dachstein zum Gosau-See." Mit dem König der Julischen Alpen werden allerdings mehr Mythen verbunden als mit seinem nördlichen Kollegen. Vielleicht liegt es an seinen drei Häuptern. Auch im polnischen Stettin wurde vor der Christianisierung von den Slawen einst ein Dreihaupt (Triglav) verehrt, allerdings war das kein Berg, sondern ein Pferd mit drei goldenen Köpfen.

St. Martin und Burg Veldes (Foto © Norbert Eisner)

Unser nächster Weg in Veldes führt uns auf die Burg. Sie stand für Jahrhunderte im Besitz des Südtiroler Bistums Brixen. In der Türkenzeit loderten hier jene Leuchtfeuer, die die Bevölkerung vor den Osmanen warnten. Für böse Auseinandersetzungen brauchte es im alten Europa nicht stets einen Feind von außen, in den Zeiten von Reformation und Gegenreformation schaffte man das auch selbst. Für nachfolgende Generationen gar nicht mehr vorstellbar, waren damals große Teile des österreichischen Adels, auch in Krain, angeprotestantelt. Und die Veldeser Burg wurde anwechselnd von den Leuten des katholischen Bischofs und jenen der evangelischen Landesstände besetzt.

Gar nicht schlecht …

Mitte des 19. Jahrhunderts gaben die Brixner Veldes an den Gewerken Victor Ruard ab, ein Mann mit Geschäftssinn, der die touristische Verwertbarkeit des Anwesens rasch erkannte. Er „hat eine Reihe von Gläsern mit verschiedenen Farben angebracht, durch die man die Reize des Ausblickes bald in mildem Dunkelblau, bald in schimmerndem Goldgelb, bald in glühendem Rot genießen kann. Stehen wir aber an einem schönen Abend vor Sonnenuntergang da oben, dann bietet uns die Natur ein farbenreiches Schauspiel, vor dem alle künstlichen Mittel erblassen müssen." Den Zweiten Weltkrieg überstand die Burg gut, im Gegensatz zu so vielen anderen prächtigen Anwesen Krains. 1947 aber brannte es. Der jugoslawische Staat beeilte sich mit der Restaurierung, schließlich war Veldes eine Hauptdestination des südslawischen Tourismus.

Erregte Aufmerksamkeit – die Sonnenkur

Vor einigen Jahren wurde das Burgmuseum neu gestaltet. Die Ausstellung über Burg und Stadt ist gelungen. Konkurrieren muss das Museum mit den Fotomotiven, die sich draußen bieten. Die brachten schon unsere alten Reisechronisten ins Schwärmen: „Der grasbewachsene Vorhof mit seinen alten Nussbäumen und den Mauern, die wilder Wein und Epheu umranken, erinnert an das verzauberte Schloss, wie es das Märchen vom Dornröschen schildert." Bei dem Touristenstrom, der sich heute an Wochenenden durch das Schlosstor wälzt, hätte Dornröschen keinen Schlaf gefunden. Aber auf dem großen Areal verteilen sich dann die nicht zu überhörenden Italiener und die Masse an fotografierenden Japanern ganz gut. Die besten Fotomotive bieten sich ohnehin außerhalb der Burg, von den Felsen oberhalb des Weges, der hinunter auf die Bahnhofsstraße führt.

Herren Lichtbadestation

Viele Touristen treffen wir auch unten im Ort. Trotzdem ist Veldes, neudeutsch ausgedrückt, chillig. Rund um den See lässt es sich wunderbar spazieren, radeln, skateboarden oder unter dem Schatten knorriger Bäume dahindösen.

Was wäre Veldes ohne Pletten … (Foto © Norbert Eisner)

Auf einer Plette gleiten wir zur nächsten Sehenswürdigkeit von Veldes, der Insel mit der Wallfahrtskirche Maria im See (samt Wunschglocke im überraschenderweise frei stehenden Kirchturm). Der Ort wird jedes Jahr von Tausenden Wallfahrern besucht. Über die Jahrhunderte sind die Gaben der vielen Pilger zu einem Schatz angewachsen. Der interessierte zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts auch die napoleonischen Besatzer: „Die Bevölkerung der Gegend gerieth darüber in die größte Erbitterung. Während die Männer alle Barken auf die Seite schafften, versammelten sich die Weiber um die Beamten und Gendarmen, die mit der Wegnahme des Schatzes betraut waren. Eine energische Frau, die Badeinhaberin von Schalkendorf [Želeče] Ursula Terjan, fiel sogar dem Pferde des Forstmeisters in die Zügel, so dass die Trense brach. Überrascht und erbittert schoss der Angefallene seine Pistole ab, glücklicherweise ohne die Bäuerin zu verletzten. Auf das Schießen und das ununterbrochene Sturmläuten der Glocke auf der Insel kamen auch die Männer herbei und nöthigten die ‚bewaffnete Macht' zum Rückzuge. Den Bewohnern blieb ihr Kirchengut erhalten, dafür verpflichteten sie sich, eine Entschädigungssumme an die Franzosen zu bezahlen."

Endlich fast geschafft! Bei diesem Wetter! (Foto © Norbert Eisner)

Der Schatz wurde später in die Pfarrkirche gebracht. Die versuchte Entwendung des Schatzes ist nicht die einzige mit dem Seekirchlein verbundene Geschichte. Die Fantasie von Einheimischen und Gästen regt seit alter Zeit die uralte Wunschglocke an. Viele Gedichte, in Deutsch und Slowenisch, wurden ihr, die noch heute alle paar Minuten zum Läuten gebracht wird, gewidmet. Eine schöne Witwe mit Namen Polixena hatte der Kirche einst eine Glocke gestiftet. Bei der Fahrt über den See versank die Glocke allerdings samt der Bootsbesatzung. Zieht heute niemand am Glockenstrang, was eher selten vorkommt, soll der aufmerksame Besucher Glockenläuten aus der Tiefe des Veldeser Sees (Blejsko jezero) vernehmen können. Auch wer nicht ein so feines Gehör hat, wird die kleine Insel mit ihren alten Bäumen und den neunundneunzig Steinstufen, „es ist eine Treppe, wie sie in den (gedruckten) Träumen norddeutscher Romantiker an Schlössern des Landes Italien hin gebaut sind", lieben. Romantikern, nicht nur den norddeutschen, sei allerdings der Inselbesuch für den frühen Morgen oder wenn es schon dämmert geraten, denn zu anderer Tagszeit reicht selbst hohe Imaginationskraft nicht aus, um in romantische Stimmung zu geraten, eher braucht es hohe Konzentration, um einen der vielen Besucher nicht auf die Zehen zu steigen. Aber so ist das halt an einer touristischen Topdestination. Gehört es an einer solchen auch dazu, die Leute auszunehmen? Ein bisschen wahrscheinlich schon, wir sind ja alle nur Menschen. Aber wissen möchte man es halt nicht unbedingt. Darum höre ich meinen slowenischen Freunden gar nicht mehr zu, wenn sie erzählen, wie man in Veldes über österreichische Touristen und das mit ihnen verbundene Ausnehmpotenzial (auch) spricht.

Bitte lächeln (Foto © Norbert Eisner)

Die Gemeinde Veldes besteht aus mehreren alten Orten, die heute mehr oder weniger miteinander verwachsen sind. Es sind dies unter anderem das unter der Burg liegende eigentliche Veldes (Bled oder Grad, das heißt Burg), Schalkendorf (Želeče) und Seebach (Mlino), was auf Deutsch Mühle bedeutet. Von Veldes nach Seebach führt die Seeringstraße, jetzt Cesta Svobode (Freiheitsstraße) auf Slowenisch. Den Reiz der ehemaligen Dörfer macht aus, dass sich neben schönen alten Villen der ursprüngliche Dorfcharakter mit fast bis an den See reichenden Bauernhöfen und kleinen Bürgerhäusern erhalten hat. Das gilt auch für die ein wenig abseits liegenden Ortschaften wie Auritz (Zagorica).

In der Wochein (Foto © Norbert Eisner)

Über Auritz wanderte einer unserer Reiseschriftsteller in erwartungsvoller Vorfreude Veldes zu: „Das Dorf bereitet auf das Veldeser Idyll vor. Seine Bäume sind mit Früchten beladen, so, daß die Äste gestützt werden, überall grünt es von Gärten und Rasen, über denen der Schatten von Eichen und Nußbäumen liegt. In geringer Entfernung aber heben anspruchsvollere Dinge an. Pappelreihen verkünden adeligen Landsitz, ein Schloß, einen Badeort oder Aehnliches. Jetzt blaut der See durch die Pappeln. Es gleißen Springbrunnen. Wir gehen durch Hecken und Blumen-Anlagen, Trauerweiden neigen sich über schön lackirte Bäume, in Hotels klirren die Eßgeräthe, wir sind in Veldes."

Der alte Weiberzahn-Hausberg von Kupljenik (Foto © Norbert Eisner)

Das Kuren hat in Veldes lange Tradition. Erstaunlicherweise erfreuten die Gaben der Natur nicht alle. So schreibt der bekannteste Chronist des alten Krains, Johann Weikhart von Valvasor, „dass zu seiner Zeit ein geiziger Verwalter des Schlosses Veldes, den es verdross, dass er öfters bekannte Badebesucher zu Tische laden oder mit Forellen vom See versehen musste, absichtlich die Quelle ruinieren wollte. Er ließ das Seewasser durch einen Graben in das Warmbad hineinleiten. Zum Glück wurde die Quelle später wieder abgegraben."

Hier sind die Wiesen noch bunt (Foto © Norbert Eisner)

Richtig in Schwung kam der Veldeser Tourismus ein paar Jahrhunderte später, mit der Anbindung des Ortes an die Rudolfsbahn (Tarvis – Laibach) und später an die Wocheinerbahn, der zweiten Bahnverbindung neben der Südbahn aus dem österreichischen Zentralraum nach Triest. 1903 wurde Veldes zum schönsten Kurort der Monarchie gekürt. Veldes war jetzt eine Marke und es brauchte in der Werbung keine vergleichenden Attribute wie „krainisches Gräfenberg" mehr. (Gräfenberg, Jesenik, war ein bekannter Kurort in Österreichisch-Schlesien, heute Tschechien.) Die Gäste stiegen im Hotel Mallner, später in Park Hotel umbenannt, im Luisenbad und im Hotel Petran in Seebach (Mlino) ab. In letzterem nahm schon Metternich während des Laibacher Kongresses 1821 Aufenthalt. Damals hieß es noch „Zum Erzherzog Sigismund".

Hier logierte schon Metternich (Foto © Josef Wallner)

Eine Besonderheit des Veldeser Kurbetriebs waren die Sonnen- und Luftbäder des Herrn Doktor Rikli aus der Schweiz. Arnold Rikli besaß eine Rotfärberei im kärntnerischen Seeboden. Nachdem er sich eine Vergiftung zugezogen hatte, kam er auf Empfehlung seiner Freunde an den Veldeser See. Klima und Heilquellen förderten seine Genesung und Rikli wurde zum größten Fan von Veldes. Er baute die Naturheilanstalt Mallnerbrunn, an der er den Spruch anbringen ließ: „Wasser tut`s freilich, doch höher steht die Luft, am höchsten das Licht."

Im Urata-Vrata-Tal (Foto © Norbert Eisner)

Dahinter stand das Konzept der von Rikli in den 1860er Jahren entwickelten „atmosphärischen Kur". In deren Mittelpunkt stand der Gebrauch von Lichtluftbädern, Sonnenbädern und Wasser. Das Gros der Besucher von Veldes konnte dieser Kur allerdings nichts abgewinnen: „Wenn das Wasserbad, das mit Kneten und Abreiben unter verschiedenen Temperaturgraden appliciert wird, vorüber ist, marschieren die kräftigeren Patienten stundenlang in denkbar einfachster Ausrüstung mit bloßen Füßen, offener Brust und unbedecktem Haupte nach den Bergen. Dazu genießen sie möglichst reizlose vegetarianische Kost." Sehr vorausblickend, dieser Herr Rikli, nur würde her heute vermutlich auf vegane Kost setzen.

Lufthütte

Viel lieber stieg man da schon in das über zwanzig Grad warme Wasser des Luisenbades, einem Natron-Eisen-Säuerling. Eine zweite Quelle wies einen hohen Schwefelgehalt auf. Die Villa Luise verfügte über eine große Terrasse und eine schöne hölzerne Badeanstalt. Beim Betrachten alter Fotos vermeinten wir noch diese Geruchsmischung Sommerfrische aus Seewasser, morschem Holz und Gras riechen zu können.

Der Erfinder …

Die Luftkur wurde trotzdem zum Markenzeichen des Ortes. Im Buch „Österreich-Ungarn´s Bäder, Brunnen und Curorte" wird aus Veldes berichtet: „Mallnerbrunn ist die Gründungsstätte der atmosphärischen Cur und einstweilen Unicum nicht nur in Oesterreich, sondern auf dem ganzen Erdenrund. Diese Heilmethode wird einstens grosses Aufsehen erregen und allgemeine Nachahmung finden!"

Oberkrainer Hof (Foto © Norbert Eisner)

Die Riklische Anstalt Mallnerbrunn lag zwischen dem Luisenbad und dem Hotel Mallner. Letzteres war eines jener Hotels im Semmering-Stil, die man im alten Österreich von der Hohen Tatra bis nach Abbazia (Opatija) fand. Vielleicht empfanden die intellektuellen Bürger Österreich-Ungarns das als faden Einheitsbrei, als kleine österreichische Globalisierung. Mir gefallen diese Versatzstücke des mitteleuropäischen Reiches. Das Mallner oder Parkhotel wurde in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts durch einen Neubau ersetzt. Wehmut darüber gab es keine, weil das Hotel mit seinen Fachwerkselementen nicht in „slowenischem Stil" errichtet gewesen sei. Ich aber würde nicht wehmütig werden, wenn der momentane Kasten des Parkhotels, von dem grässlichen Einkaufszentrum mitten im Ort ganz zu schweigen, das in seinem Reiz in etwa der sich so fabelhaft ins Ortsbild Badgasteins einfügenden Parkgarage entspricht, verschwände. Dieses Hotel ruiniert die ganze Kulisse des Veldeser Sees, da nützt auch kein links oder rechts schauen.

Oberkrain pur

Auch die schöne Promenade und die Badehäuser vor dem Luisenbad sucht man vergeblich. Dieses heißt heute Grand Hotel Toplice. Überall dort, wo im slawischen Raum die Bezeichnung Toplice oder Teplice, eingedeutscht Töplitz und Teplitz, verwendet wird, gibt es warme Quellen. Das vor rund achtzig Jahre an Stelle des ersten Luisenbades erbaute Hotel liegt an der rechten Straßenseite am Weg in die Wochein (Bohinj). Seine attraktive Seite ist dem See zugewandt. (Und hier gibt's auch eine nette Terrasse.) Das Wellnesszentrum Studio Luisa mit dem Thermalschwimmbad erinnert an die alten Zeiten des Luisenbades, so wie viele alte Ansichten und Dokumente, die im Hotel ausgestellt sind, eine Fundgrube für Liebhaber Kakaniens.

Postkarte halt (Foto © Norbert Eisner)

Die Lufthütten des Doktor Rikli haben wir also vergeblich gesucht, mehr Glück hatten wir mit dem altösterreichischen Kurpark. Er liegt direkt am See, wunderbar, auch wenn er einst wohl noch weit prächtiger war. Heute wird als seine Sehenswürdigkeiten ein eher bescheidener Musikpavillon vermarktet. Das schöne Kurhaus wurde ein Opfer der Zeit. Wir kehren in der nahen Vila Prešeren ein, einer schönen weißen Sommervilla aus dem neunzehnten Jahrhundert. Zum Kaffee wird selbstverständlich die berühmte Veldeser Cremeschnitte, die blejska kremšnita, angeboten. Die hat keine kaiserlich-königliche Vergangenheit im engeren Sinn, da Ištvan Lukačević sie erst in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts kreiert hat. Der Konditormeister und sein Grundrezept stammten allerdings aus einer österreichisch-ungarischen Gegend, der Vojvodina. (Ehrlich gesagt schmeckt mir eine andere Cremeschnitte weit besser, es ist die von Samobor, einem reizenden Städtchen, das nahe an der kroatischen Hauptstadt Agram – Zagreb liegt.)

Die Stefanskirche in Kupljenik (Foto © Norbert Eisner)

Die Vila Prešeren ist Teil eines kleinen Veldeser Gastronomie-Imperiums, zu dem auch die berühmte Vila Bled gehört. Über ihren Vorgängerbau wurde einst poetisch geschrieben, er sei „ein glücklicher Gedanke geschickt in die herrliche Natur geworfen". Der von den Windisch-Graetz im neunzehnten Jahrhundert errichtete Bau wurde damals Schloss Seebach genannt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts stand es im Besitz von Otto Fürst zu Windisch-Graetz. Er war der erste Ehemann der Tochter von Kronprinz Rudolf, Elisabeth. Die Ehe der Kaiserenkelin mit dem Ulanenoffizier verlief ausgesprochen stürmisch und endete nach vielen Skandalen und einem Sorgerechtsstreit samt Polizeieinsatz vor dem Scheidungsrichter. Zu Beginn ihrer Ehe, die auf Initiative der sehr durchsetzungsfähigen Erzherzogin zustande kam, hing der Himmel natürlich voller Geigen. Davon profitierte auch Veldes. Denn das hohe Paar verbrachte hier einen Teil seiner Flitterwochen. Und überall dort, wo Prominente absteigen, folgen zuerst ein Rattenschwanz an Medienleuten und dann das Volk. Das war im alten Österreich nicht anders wie heute.

So schön … (Foto © Norbert Eisner)

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Schloss Seebach von der serbischen und nunmehrigen südslawischen Königsfamilie zum Sommersitz um- und ausgebaut. Das Schloss war ein Lieblingsaufenthalt der jungen südslawischen Königin Maria. Sie liebte Seebach, nun nach einer Schlacht des Ersten Weltkriegs Suvobor genannt, auch deshalb, weil sie mit dem hiesigen Personal Deutsch sprechen konnte. Die Königin stammte aus dem Haus Hohenzollern-Sigmaringen, das seit dem neunzehnten Jahrhundert in Rumänien regierte. Als sie ihr erstes Kind erwartete, musste sie allerdings die Oberkrain verlassen. Der erhoffte Thronfolger sollte in der Hauptstadt Belgrad das Licht der Welt erblicken. Ihr dritter Sohn Andreas durfte schon in Veldes geboren werden. Die junge Königsfamilie machte den Ort zu einem Treffpunkt des internationalen Adels.

Die Wocheiner Save (Foto © Norbert Eisner)

Damit war es zu Beginn der Vierzigerjahre vorbei. Jetzt kam SS-Chef Heinrich Himmler. Der einem Germanenwahn verfallene Verbrecher plante die Errichtung eines Wotan-Tempels auf der Marieninsel. Dazu ist es glücklicherweise nicht mehr gekommen.

Unter Beobachtung (Foto © Norbert Eisner)

Nach dem Krieg wurde in Veldes wieder gebaut. Den Neubau des 1938 vom jugoslawischen Prinzregenten Paul teilweise abgerissenen Schlosses ließ Tito von seinem Architekten Vinko Glanz vollenden. Das Anwesen wurde zu Titos Refugium in den Bergen. Hier empfing er Staatsgäste wie Indira Gandhi und den japanischen Kaiser Akihito. Auch Diktatoren wie Jean-Bédel Bokassa und Kim Il-Sung wurden von Tito hier willkommen geheißen. In den Zeiten des jugoslawischen Kommunisten spielte Energieeffizienz natürlich keine Rolle, später, als aus der Residenz die Vila Bled, ein Vier-Stern-Haus, geworden war, schon. Das Haus ist schlichtweg nicht „zum Derheizen", um es auf Österreichisch zu sagen. Eine Zeitlang war es geschlossen, letzten Sommer konnten wir wieder einen Nachmittagskaffee auf der fantastischen Terrasse genießen, nein, lassen wir es besser mit einem Trinken bewenden. Für reinen Genuss ist die Atmosphäre des Anwesens zu ambivalent. Man möchte hier einmal gründlich lüften. Nein, es stinkt nicht, aber diese vielen Tito-Devotionalien, sein Schreibtisch, die anderen Möbel, das ist nichts für mich, auch wenn der Bau nicht uninteressant ist, ganz abgesehen von der perfekten Lage.

Auf Titos Terrasse

Architektonisch um nichts weniger interessant als die Vila Bled sind die kleinen Villen rund um den See. Die meisten sind sehr gut in Schuss gehalten. Die eine oder andere ist heute allerdings nicht Sommerresidenz, sondern Supermarkt. In Veldes haben Architekturgrößen wie Jože Plečnik oder Max Fabiani gebaut. Es fehlte aber schon zu Zeiten der Monarchie nicht an kritischen Tönen zu der hiesigen Villenkolonie: „Hier ist die Wiener Villegiatur auf halb slawischem Boden." Die Villenbesitzer kamen aus Laibach und vielen anderen Teilen der Monarchie. 

Nahe der Vila Bled führt ein Weg zum Pavillon Belvedere, Titos Teehaus. Heute ist es ein beliebter Aussichtspunkt mit Sommercafé, wo auch gerne geheiratet wird. Das Gebäude und seine Einrichtung erinnern noch sehr an die Tito-Zeit. Die ursprünglichen Pläne gehen allerdings in die Zeit des ersten Jugoslawiens zurück, auf Jože Plečnik. Der Pavillon sollte Teil einer neuen Villa für die jugoslawische Königsfamilie werden. Der Blick zur Insel ist von nirgendwo schöner als von hier. Ein Stück links vom Pavillon liegt die größte Badebucht am See. Wer den Klang vieler heller Kinderstimmen und den unverwechselbaren Duft der diversen Sonnenschutzprodukte nicht unbedingt zur Erholung braucht, sollte lieber ein Ruderboot chartern als hier nach einem lauschigen Plätzchen Ausschau halten.

Was für ein Landschaftsmobiliar (Foto © Norbert Eisner)

Besonders schön sind die Vila Ana in Veldes und in Seebach die im Besitz eines (naheliegenderweise) erfolgreichen slowenischen Unternehmers stehende weiß getünchte Villa oberhalb der Straße, die selbst am Comer See gute Figur machte. In ihrer Nähe schaut die Vila Ajda, ein Kaffee, Restaurant und Hotel, auf den See. Letzten Sommer war unser Lieblingsplatz die Villa Istra, eine altösterreichische Villa mit zwei lauschigen Veranden. Bekocht hat uns dort Miha Dolinar, einer der besten jungen slowenischen Köche. Leider ist er mittlerweile nach London abgedampft und die Küche in der Villa Istra bleibt kalt. (Übernachten und einen Kaffee trinken kann man hier aber noch.)

Genussreise dank Iza Dolinar

Von der Terrasse lässt sich gut das Treiben von Einheimischen und Touristen auf dem See beobachten. Erstere erregten zu Zeiten der Monarchie die noblen Damen und sicher auch manchen Herrn, denn „die Bewohner von Veldes und Umgebung sind hochwüchsig und stark, ihre Gesichtsfarbe ist meist frisch, oft blühend." Vielleicht schätzten sie andere Eigenschaften der Dorfbewohner noch mehr? „Das Volk ist mit guten Geistanlagen begabt. Die Sprache ist vorherrschend die slowenische, aber es wird auch viel deutsch gesprochen. Manche sprechen wegen ihres Verkehrs mit Triest und Italien auch italienisch. Übrigens ist die slowenische Sprache unter allen slawischen Sprachen eine der wohlklingendsten."

Weit ruhiger der Wocheiner See (Foto © Norbert Eisner)

Die frühen Touristiker machten sich auch in Veldes ein Ereignis zunutze, das der Zufall erfreulicherweise in die Sommersaison fallen ließ – Kaisers Geburtstag: „Zu den Sehenswürdigkeiten, welche Veldes den Fremden gewährt, gehört in erster Linie auch die Seebeleuchtung. Welche alljährlich am 18. August, zu Kaisers Geburtstag, ein glänzendes Zeugnis der patriotischen Gesinnung bietet, als feenhaftes Schauspiel aber geradezu durch den magischen Widerschein von tausenden von Lichtern einzig und unerreicht darsteht." In Ischl und andernorts in der ehemaligen Monarchie wird dieses Datum jetzt wieder als folkloristisches, Gäste bringendes Fest begangen. In Veldes wird wegen der weniger guten Nachred´ der Habsburger in Slowenien wohl für immer davon Abstand genommen werden. Der Kaiser stieg auf seiner Krain-Reise anlässlich der sechshundertjährigen Zugehörigkeit Krains zu den habsburgischen Erbländern am 16. Juli 1883 im Hotel Mallner ab, woran bis zum Ende der Monarchie eine Gedenktafel erinnerte.

Durchs Burgfenster (Foto © Norbert Eisner)

Selbst dieser Besuch ging nicht ohne nationale Kalamitäten von statten. Gerhard J. Hickel schreibt dazu in seinem Buch Zur Kur im alten Österreich: „Bei der Begrüßung durch den Bürgermeister in slowenischer Sprache soll sich dieser nicht an die vom kaiserlichen Zeremonienmeister gemachten Vorgaben gehalten haben. Außer Protokoll wurden laut Chronik auch der Pfarrer und der Lehrer aktiv. Sie organisierten einen slowenischen Chor und gaben dem Herrscher ein Ständchen – sicherheitshalber verschwanden sie blitzartig nach dem letzten Ton."

Zu k.k. Zeiten ein beliebtes Motiv: Brücke der Wocheiner Bahn und Rothweinfall (Foto © Norbert Eisner)

Die Streitereien von Deutschsprachigen und Slowenen gingen in den folgenden Jahren weiter. Als im Jahr 1900 ein Veldes-Reiseführer in Deutsch, Slowenisch und Tschechisch publiziert werden sollte, kam es wegen darin nicht berücksichtigter Stützpunkte des Slowenischen Alpen-Vereins zu massiven Beschwerden der Slowenen. Diejenigen des Deutschen und Österreichischen Alpen-Vereins waren nämlich alle verzeichnet worden. 

All das ist glücklicherweise lange her. Heute sagt der Bürgermeister von Veldes, Janez Fajfar, in einem Interview mit dem österreichischen Magazin cercle-diplomatique zum Verhältnis zwischen Österreichern und Krainern: „Uns trennen zwar Berge, aber im Herzen sind wir doch irgendwie auch aus der wechselvollen Geschichte heraus eine Einheit."

Ein Hauch Melancholie (Foto © Norbert Eisner)

Wir lernen den Herrn Bürgermeister auch persönlich kennen. Eine gemeinsame Bekannte nennt ihn eine wandelnde Enzyklopädie. Sie hat Recht. Er erzählt uns Interessantes über seinen Amtssitz. Das heutige Rathaus galt einst als schönste Villa von Veldes. (Seine Lage ist tatsächlich bezaubernd, vor allem der Blick von der Terrasse hinüber zu Maria im See.) Die Villa wurde von der bekannten Triestiner Kaufmannsfamilie Rittmeyer erbaut. Darin erinnert an der parkseitigen Außenmauer noch eine Steintafel mit einem jüdischen Segensspruch. Viele Jahrzehnte später, die Rittmeyer hatten die Villa schon lange verlassen, wurde Veldes zum letzten Refugium österreichischer Juden. Hitlers Schergen saßen schon in Wien, hier in Veldes war bis 1941 noch Ruhe. Viele Juden aus der zur Ostmark degradierten österreichischen Republik verbrachten in Veldes einige sichere Jahre in der noch sehr von Altösterreich geprägten Atmosphäre einer Sommerfrische.

Zwar nicht der Zlatorog, aber auch fesch (Foto © Norbert Eisner)

Unter ihnen waren auch die Angehörigen des aus Prag stammenden Rechtsgelehrten Hans Kelsen. Als maßgeblicher Autor der österreichischen Bundesverfassung von 1920 ist er in Österreich auch Nicht-Juristen noch ein Begriff. In den Dreißigerjahren vertrieben die Nazis Kelsen von seinem deutschen Lehrstuhl. Über Genf kam er in die USA, wo er weiter lehrte und 1973 starb. Seine Mutter, Auguste Kelsen, überlebte den Naziterror in der Oberkrain. Sie wurde von slowenischen Freunden geschützt und starb 1950 in Veldes. Ihr Grab geriet in der kommunistischen Zeit in Vergessenheit. Janez Fajfar ließ das keine Ruhe. Er spürte die Grabstätte, trotz vernichtetem Totenbuch, auf und sorgte für ihre Restaurierung und die Anbringung einer Gedenktafel. Die Republik Österreich ehrte ihn dafür mit einer hohen Auszeichnung. Mit Janez Fajfar dem Vielsprachigen, dessen Familie vor vielen hundert Jahren aus Sexten in Südtirol in die Oberkrain kam, ließe es sich noch stundelang tratschen. Er macht die wechselvolle Geschichte von Veldes lebendig. Der Friedhof der kleinen Stadt ist nicht nur wegen des Kelsen-Grabes einen Besuch wert, seine schöne Anlage (oder welches Attribut wählt man für einen Friedhof?) hat mich überrascht.

In der Rothweinklamm

Auch in der Umgebung von Veldes gibt es viel, was es lohnt, besucht, erwandert oder erklommen zu werden. Beliebte Ziele sind die Rothweinklamm (Vintgar), die Triglavtäler, Kerma-, Vrata- und Kottal, sie werden mir unvergesslich bleiben, das Pokljukaplateau und die Wochein. „Keine Partie aber ist in den Touristen-Überlieferungen so unzertrennlich mit dem Besuch von Veldes verbunden, als ein Ausflug zum Ursprunge des südlichen Savearmes in die Wochein." So steht's zumindest in einem unserer alten Reiseführer. Und heute? Die Wochein (Bohinj) ist ein selten gewordenes Idyll. An ihrem von Uferbauten verschonten See lässt es sich ganze Tage wunderbar vertrödeln. Aber das ist eine andere (ask-enrico-)Geschichte.

Der Wocheiner See (Foto © Josef Wallner)

Dieses Mal gilt es nur noch einen Besuch zu absolvieren, nicht aus Pflicht, sondern mit viel Freude. Er gilt unseren Freunden Iza und Lojze Dolinar-Krainer in Kupljenik, wenige Kilometer nach Veldes am Beginn des Wocheinertals gelegen. Alte Obstbäume umstehen das Anwesen. Nach Oberkrainer Überlieferung hat Maria Theresia verfügt, dass jeder oberkrainische Bauer fünf Obstbäume pflanzen müsse und seither habe es in der Oberkrain keinen Hunger mehr gegeben. Das ist eine jener seltenen Geschichten, wo die meisten Krainer noch heute dem alten Österreich etwas Gutes abgewinnen können.

Frühling am Hof der Dolinars

Lojze und Iza Dolinar-Krainer sind ursprünglich keine Bauern gewesen. Irgendwann haben sie sich dazu entschlossen, eine Bio-Landwirtschaft zu führen. Er, Psychologieprofessor am internationalen Gymnasium in Krainburg (Kranj), kümmert sich um die Schafe und Ziegen, die Heu- und Holzarbeit. Sie führt resolut die Pension mit allem, was dazugehört, vom Hausgarten bis zur Küche. Der Bauernhof ist kein Streichelzoo, die Tiere liefern Käse und Fleisch, aber es erstaunte uns sehr, wie nah Mensch und Tier miteinander verbunden sein können und wie sie miteinander kommunizieren. 

Iza Krainer stammt aus einer bunten Familie. Ihre Vorfahren kommen aus Graz. Der Bau der Eisenbahn hat einen Ahnen nach Krain verschlagen, wo das steirische Blut noch einen italienischen Spritzer erhielt. Über all das lässt es sich auf der Terrasse gemütlich plaudern, während die Hunde des Dorfes ein Wettrennen veranstalten. Aber selbst die kläffen hier nicht. Beginnt die Sonne hinter den Bergen zu verschwinden, legt sich der Trubel in Veldes. Es kehrt jene Stimmung ein, die Besucher hier schon vor hundert Jahren empfunden haben: „Es wird Abend. Die über die Kalkschroffen überhängenden Wolken zittern jetzt kupferig widergespiegelt im See. Die sonst so bleichen Grate werden rot und die Spitze des Triglav feurig. Kirchenglocken hallen auf den See hinaus und die Flut wallt leise." Manches ändert sich zum Glück nie.

Ein Vorgeschmack auf die nächste Oberkrain-Reise: das schöne Städtchen Radmannsdorf (Foto © Norbert Eisner)

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Lesen

Josef Wallner (Text), Norbert Eisner (Bilder): Unbekanntes Slowenien. Reisen auf Altösterreichs Spuren in Krain und Laibach (zoppelberg Verlag 2012).
Josef Wallner (Text), Norbert Eisner (Bilder): Reisen in der Untersteiermark|Štajerska (zoppelberg Verlag 2011)
Josef Wallner, Norbert Eisner Geliebtes Görz. Von den Alpen zur Adria. Eine Reise durch das altösterreichische Küstenland. Verlag Berger, Horn 2013 https://www.verlag-berger.at/der-verlag-berger/presse/geliebtes-goerz.html

Ein Herbsttag im untersteirischen Gonobitz-Slov. Konjice

Gonobitz? Der Name sagt Ihnen nichts? Und doch bin ich mir sicher, dass viele von Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, an diesem untersteirischen Städtchen schon vorbeigefahren sind. Und zwar immer dann, wenn Portorož-Portorose, Piran oder Abbazia-Opatija auf Ihrem Reiseplan gestanden sind.

Die Autobahnausfahrt Slov. Konjice liegt knapp vor den beiden einzigen Tunnels zwischen Marburg-Maribor und Cill-Celje. Nicht die Tunnels sind interessant, sondern der Berg, den sie durchqueren. Es ist der Weitensteiner Zug – und der wäre nach 1918 fast zur Grenze zwischen österreichischer und slowenischer Steiermark geworden. In diesem Fall wäre Gonobitz heute der österreichische Grenzort zu Slowenien – und somit hierzulande weit präsenter als es Slovenske Konjice ist.

Gonobitz-Slov. Konjice (Foto © Josef Wallner)

Konj heißt auf Slowenisch Pferd. Und so verwundert es nicht, dass das Wappentier von Konjice ein weißes Pferd ist. Es handelt sich aber nicht um einen Lipizzaner, denn die sind eineinhalb Stunden von Gonobitz entfernt, in Lipizza-Lipica auf dem Karst zu Hause. Gonobitz war nur eine wichtige Station auf dem Weg von Wien nach Triest, an der die Pferde umgespannt wurden. Eine ziemlich profane Geschichte also. Mystischer ist da schon die Sage über den Bach, der die Gonobitzer Altstadt durchfließt. Sein Wasser soll der Schleim eines Lindwurms sein. Warum das so ist, überliefert Hans von der Sann in der Sage vom Gonobitzer Lindwurm…

Das Dranntal mit dem Wotsch (Foto © Josef Wallner)

„Südlich vom Markte Gonobitz, im steirischen Unterlande, erhebt sich der Gonobitzberg, welcher im Innern hohl sein soll. Vor langer Zeit nun füllten den Berg unterirdische Gewässer, in denen ein abscheuliches Untier, ein Lindwurm, sein Spiel trieb. Dieser brach zuweilen aus dem Berge hervor und richtete dann jedesmal unter den Menschen und dem Viehe große Verheerungen an. Um sich diesen gefährlichen Feind vom Leibe zu halten, beschlossen die Bewohner des Marktes, dem Lindwurm alljährlich sechs weißgekleidete, bekränzte Jungfrauen zu überlassen, außerdem sollte auch noch der Pfarrer zu Gonobitz täglich vor dem Hochaltare in der Pfarrkirche eine heilige Messe lesen. 

Eines Tages nun verschob der Pfarrherr die hl. Messe. Alsbald hörte man ein furchtbares Tosen und Krachen, welches aus dem Innern des Gonobitzberges zu kommen schien, und bald darauf entströmten diesem große Wassermengen, welche nicht nur den Markt, sondern das ganze obere Drautal unter Wasser setzten; Häuser fielen ein, Bäume wurden entwurzelt und fortgerissen, Menschen und Tiere standen in größter Lebensgefahr. Der Lindwurm war ausgebrochen, weil man das Gelöbnis nicht gehalten, und nun befahl der Pfarrer, ein Pferd herbeizuschaffen, um zur Kirche reiten zu können. Mit vieler Mühe wurde ein solches vor ihn gebracht, worauf er dann das Tier bestieg und in die Kirche ritt. Aber auch hier stand das Wasser schon so hoch, daß es ihm unmöglich schien, die hl. Messe stehend lesen zu können, weshalb er es auf dem Pferde sitzend tat. 

Nachdem der Priester den Gottesdienst beendet hatte, verliefen sich die Gewässer; aber auch der Lindwurm verschwand und wurde seither nicht mehr gesehen. Noch sieht man vom Markte aus einen Felsen, welcher durch eiserne Doppelhaken zusammengehalten sein und den Eingang zu dem einst vom Lindwurm bewohnten und mit unterirdischen Gewässern gefüllten Innern des Gonobitzberges bilden soll."

Wie gesagt, auch wenn den Drachen keiner mehr je zu Gesicht bekommen hat, da sein dürfte er noch und sein Sabber rinnt als Bacherl durch das hübsche Gonobitz.

Das Green mitten im Grünen (Foto © Josef Wallner)

Sie glauben nicht an Lindwürmer? Dann kann ich Ihnen eine andere Geschichte aus Gonobitz bieten, die mehr Wahrheitsgehalt aufweist, aus Sicht ihres Hauptprotagonisten müsste man sagen, leider: Hoch oberhalb von Gonobitz, ober dem Friedhofe und der St.-Anna-Kapelle mit ihren alten Grabdenkmälern, erheben sich die Ruinen der Gonobitzer Burg mit ihrem markanten weißen Turm. Ihr prominentester Besitzer war Erasmus Graf von Tattenbauch. Im Winter des Jahres 1671 wurde er in Graz hingerichtet. Der untersteirische Historiker Rudolf Gustav Puff hat seine letzte Stunde geschildert: „Am 1. Dezember 1671 blieben die Stadt¬tore in Graz um eine Stunde länger geschlossen, die ganze Garnison zu Fuß und zu Pferde nebst der Stadtguardia marschierte auf. Das Schafott war im Hofe des Rathauses aufgeschlagen. Tattenbach betrat es ruhig und ergeben, früh um 8 Uhr am Arme des Jesuitenpaters Seitz. Der schöne, eitle, noch nicht siebenunddreißig Jahre alte Mann war blaß, gebeugt, ergraut und runzelig geworden. Mit Dank vernahm er die Gnade, daß ihm das Abhauen der rechten Hand erlassen sei. Knieend, nicht sitzend, wie es ihm erlaubt worden, empfing er die drei Todesstreiche. Als sein Kopf fiel, wurden alle Glocken der Stadt geläutet." Bei einer Verschwörung, in diesem Fall eine ungarisch-kroatische mit untersteirischer Beteiligung, verstanden die Habsburger keinen Spaß. Mit dem Tod des Grafen begann auch der Niedergang der Gonobitzer Burg, die eine der größten und vornehmsten der Steiermark war.

Das Dranntal mit dem Wotsch (Foto © Josef Wallner)

An die dunklen Stunden des Verschwörers erinnert in Gonobitz nichts mehr, genauso wenig wie an die Belagerung durch die Ungarn, die Türkenstürme und die verheerenden Brände. Gonobitz ist schlichtweg eine reizende untersteirische Weinstadt, was mit der Auszeichnung als schönster slowenischer Ausflugsort auch schwarz auf weiß belegt ist. Der Vorteil eines Besuches von Gonobitz ist, dass es – mit zwei Ausnahmen – nichts gibt, was Sie unbedingt sehen müssen. Lassen Sie sich einfach durch die paar Gasserl des Städtchens treiben. Vielleicht interessiert Sie die Ortsvinothek, vielleicht das ehemalige Windisch-Graetz-Schloss Trebitsch-Trebnik mit dem Naturkosmetik-Shop, das Feuerwehrmuseum, die alte Mühle oder doch die St. Georgkirche, die bei meinen Besuchen, was bei untersteirischen Kirchen selten vorkommt, sogar offen war.

Untersteiermark pur.... (Foto © Josef Wallner)

Sind Sie an der gemeinsamen Geschichte von deutsch- und slowenischsprachigen Steirern interessiert? Dann entdecken Sie in Gonobitz vielleicht noch so Manches, das an die Zeit des Herzogtums Steiermark erinnert, als Gonobitz laut dem Reisehandbuch Steiermark von 1914 als kleine deutsche Sprachinsel in der slowenischen Steiermark galt: „Gonobitz. Stattlicher Markt, deutsche Sprachinsel liegt zwischen den südlichen Ausläufern des Bacher und dem Gonobitzer Berge an der Drann. Gasthöfe: Goldener Hirsch, Kasinoverein Sonne, Schwarzer Adler, Stadt Wien. Waldreiche Umgebung mit schönen Spaziergängen, Jagd und Fischerei, Tennis. Die Industrie ist wenig entwickelt. Umso bedeutender ist der Weinbau der Umgebung, besonders in den Gemeinden Skalitz [Škalce], Lipoglau [Lipoglav], Heiligen-Geist [Sv. Duh] und Verholle [Vrhole], wo der berühmte rote Vinarjer in hervorragender Güte gedeiht…"

Völkerverbindende Speisekarte (Foto © Josef Wallner)

Das Gasthaus Stadt Wien habe ich nicht mehr gefunden, Weinberge aber umso mehr. Einer davon, der goldene Hügel oder Zlati grič, ist die erste Attraktion, die Sie in Gonobitz nicht versäumen dürfen. Er liegt in Skalitz-Škalce genau gegenüber der Gonobitzer Altstadt. Was für eine Lage: das anmutige Weinschlössl der Herren von Gonobitz auf dem Kamm des goldenen Hügels, in Blauweiß gehalten, umgeben von Tausenden Weinstöcken. So oft war ich schon dort und doch berührt mich dieser Anblick jedes Mal aufs Neue. Und das Beste ist: Sie können das Weinschlössl mieten. Es gehört zum Unternehmen Zlati grič. Dieses ist ein kleines untersteirisches Imperium mit dem Weingut (70 Hektar), dem Golfplatz und dem Gasthaus auf dem goldenen Hügel, eines meiner Lieblingswirtshäuser in der Untersteiermark. Für mich ist es Tradition dort bei einem Glas Sivi Pinot, dem Grauburgunder, meine Reisen in den Süden ausklingen zu lassen. Der Blick schweift über Gonobitz mit seinem spitzen Kirchturm, dahinter der weiße Turm der Burg, aus dem dunklen Grün des Gonobitzer Berges (Gora) aufragend; hinter mir die südlichen Abhänge des Bachern, in viel helleres Grün als die dunkle Gora getaucht, denn der Wein zieht sich weit den Gebirgsstock hinauf. Durchbrochen wird das grüne Bild vom Grau und Weiß der vielen Kapellen und Kirchhtürme, die das so typische untersteirische Landschaftsbild komplettieren.

Am goldenen Hügel von Skalitz (Foto © Josef Wallner)

Weiter oben am Bachern ändert sich die Szenerie. Der Süden weicht dem Norden, das Weinland geht in Wiesen und die Wälder des Pohorje über, jenes breiten Granitstocks, der die nördliche Untersteiermark von den südlichen Landesteilen trennt. Der Bachern ist kein spektakulärer Gebirgszug mit schroffen Gipfeln und wilden Zacken, sondern ein behäbiger Klotz, der sich von Unterdrauburg-Dravograd bis Marburg-Maribor und von dort hinunter nach Gonobitz zieht. Der Tourismus hat Teile des Bachern längst in Beschlag genommen, vor allem auch den Gonobitzer Schwagberg, slowenisch Rogla, auf dem viele Slowenen das erste Mal auf Schiern standen. Für mich ist der Schwagberg Ausgangspunkt für Wanderungen am Plateau des Bachern, vor allem das Moor und die St. Lorenzener Seen haben es mir angetan. Bin ich nicht gerade noch am goldenen Hügel in der Sonne gesessen? Und jetzt, wenig später, fröstelt es mich, wenn ich auf einem schmalen Holzpfad durch eine mit Latschen bewachsene Moorlandschaft tripple, die ich ungschaut ein paar Tausend Kilometer weiter nördlich verorten würde.

Moorlandschaft am Bachern (Foto © Josef Wallner)

Möchten Sie die Moorlandschaft in aller Ruhe genießen, sollten Sie den Schwagberg und seine Umgebung unter der Woche besuchen. Am Wochenende bietet sich stattdessen ein Besuch von Seitz-Žiče an, der ältesten Kartause im alten Österreich. Warum wurde in diesem abgelegenen Winkel der Steiermark dieses große Kloster errichtet? Eine steirische Sagensammlung klärt auf: „Markgraf Ottokar V. von Steier jagte einst in der Umgebung von Gonobitz. Eine weiße Hirschkuh lockte den Fürsten von seinem Gefolge ab und immer tiefer in die unwegsamen Wälder. Plötzlich verschwand das seltene Wild. Der Markgraf suchte einen Ausweg, aber er war schon zu sehr ermüdet und verfiel in einen tiefen Schlummer. Im Traume erschien ihm der hl. Johannes der Täufer im weißen Kleide und ermahnte ihn, hier an dieser Stelle im Walde ein Kloster zu gründen, dessen Mönche weiße Gewänder trügen. Auf die Frage, wo er solche Brüder finden könne, verwies ihn der Heilige an die Bruderschaft der großen Kartause im Delphinate bei Grenoble. Bald darauf wurde der Markgraf durch den Lärm seiner ihn suchenden Jagdgenossen aus dem Schlafe aufgeweckt, und ein von den Hunden verfolgter Hase (slowenisch zajec) suchte bei Ottokar Schutz, indem er sich in dessen Schoß flüchtete. Als darauf … hier in dem ungefähr zwei Stunden südwestlich von Gonobitz gelegenen stillen Waldtale von dem frommen Markgrafen ein Karthäuserkloster gegründet wurde …"

Kartause Seitz (Foto © Josef Wallner)

In der Zeit der Reformation ging es mit der Kartause bergab, die Rekatholisierung des Landes brachte die Mönche zurück, bis Josef II. das Kloster aufhob. Schließlich brachte man im 19. Jahrhundert die Überreste Ottokars von Steiermark aus der verfallenen gotischen Kirche in das Stift Rein. Im neuen Slowenien wurden Teile der Kartause restauriert. Seitz wurde zu einem beliebten Ausflugsziel. Die Ausstellung in einem der wieder hergestellten Trakte ist interessant und recht gut gemacht. Das Besondere an Seitz ist aber das eigentümliche Zusammenwirken von Natur und Architektur.  „Die Gotik des Waldes wetteifert mit der von Menschen erdachten…"  Diesem Befund aus 1914 lässt sich nichts hinzufügen.

Die Gotik des Waldes wetteifert mit der von Menschen erdachten (Foto © Josef Wallner)

In den Ruinen des Klosters „hat die Welt ein Ende" schrieb vor vielen Jahrzehnten ein untersteirischer Schriftsteller. Am Ende ist die Welt erfreulicherweise noch nicht und so können Sie sich neben dem Kloster im ältesten Gasthaus Sloweniens, dem Gastuž, stärken und auf der netten Holzterrasse die Atmosphäre des St. Johannestals genießen. Die Kartäuser hatten sich wahrhaft einen guten Platz ausgesucht. Am Weg zurück nach Gonobitz sollten Sie einen Blick auf die romanisch-gotische Kirche in Maria Spitalitsch (Špitalič) werfen.

Links

http://www.zlati-gric.si/
Weingut, Gasthaus, Apartment, Golfplatz 

http://www.penzion-kracun.si/en/food/gostilna-gastuz/
ältestes Gasthaus der Untersteiermark, einige Kilometer davon entfernt lässt es sich in der Pension Kračun (mit Wellnessbereich) sehr angenehm übernachten. Zum Angebot gehört auch eine Hochzeitsagentur, die Ihre Trauung z.B. in der Kartause arrangiert.

Euch hat der Artikel gefallen? Mehr davon findet ihr in den Büchern von Josef Wallner:

Reisen in der Untersteiermark|Štajerska
Unbekanntes Slowenien. Reisen auf Altösterreichs Spuren in Krain und Laibach.

Eine Herbstwanderung auf den Donatiberg

Unser Land hat wahrlich genug an Bergen und Hügeln zu bieten, von sanft bis schroff und von rund bis spitz. Warum sollten Sie trotzdem ein Stück über unsere südliche Landesgrenze fahren und einen nicht einmal 900 Meter hohen Berg besteigen? Weil Sie von den Gipfeln des Donatibergs vielleicht halb Mitteleuropa überblicken und ein wenig über den Dingen stehen können, was in Zeiten wie diesen Hirn und Seele nur gut tun kann.

Auf zu Rudis Hütte (Foto © Norbert Eisner)

Und wieder einmal passieren wir die österreichisch-slowenisch steirische Grenze bei Spielfeld. Durch das schmale Zirknitz- und das breite Pössnitztal mit dem langgezogenen Viadukt der Südbahn geht's an Marburg-Maribor vorbei. Die Hauptstadt der slowenischen Steiermark wird im Norden eingerahmt von den Ausläufern der Windischen Büheln, überzogen mit golden schimmernden Weinstöcken, die sich Kalvarien- und Pyramidenberg hinaufziehen. Ein Herbstbild, wie es prächtiger nicht sein könnte. „Ach ja! Wären wir wo anders, in Frankreich oder Italien, in Ägypten oder Amerika, unsere südsteirischen Herbste Tage wären längst eine Weltberühmtheit und Tausende von Fremden würden sich an der fast mit jedem Tage sich verändernden Pracht ihrer Farben und an ihrer sonnigen Milde erfreuen." So schwärmte eine südsteirische Schriftstellerin schon anno 1916. Wobei, notabene, mit südsteirisch die damalige Untersteiermark, die heutige slowenische Steiermark, gemeint war. Unsere Südsteiermark zählt historisch zur Mittelsteiermark. Die beste Zeit für einen Besuch der Untersteiermark ist somit der Herbst, der, um wieder eine literarische Anleihe zu nehmen, „nirgends so schön ist, wie im steirischen Unterland, dessen geheimen Offenbarungen man lauschen muß beim Zirpen der Grillen, bei den sanften Liedern des Klopotez. Goldgelb glänzt der Wein in den Gläsern, appetitlicher Duft entsteigt den dampfenden Kastanien…" Gut, dass sich daran nichts geändert hat.

Der Donati von Rohitsch – Sauerbrunn gesehen (Foto © Norbert Eisner)

Der steirische Wein verdankte einst seinen Ruf übrigens nicht den heute so bekannten Lagen, sondern jenen in der Untersteiermark. Die besten Weinlagen des alten Herzogtums Steiermark-Štajerska gilt es nun wieder zu entdecken. Sie reichen in den Windischen Büheln-Slovenske gorice von der österreichischen Grenze bis hinunter nach Luttenberg-Ljutomer und Jerusalem-Jeruzalem und flankieren in der Kolos-Haloze das Drautal südlich von Pettau-Ptuj bis an die kroatische Grenze. Auf der steirischen Seite des Save- und Sottlatals haben die Böden rund um Wisell-Bizeljsko und die Abhänge des Schremitschbergs-Sremič hohes Potenzial, ebenso wie jene des Bachern-Pohorje von Windisch-Feistritz-Slov. Bistrica bis Gonobitz-Slov. Konjice. 

Kurz nach Marburg verlassen wir die slowenische A1 und auf der A4 geht's in Richtung Pettau-Ptuj. Von nun an können wir schon das Ziel unseres Sonntagsausflugs ins Visier nehmen. Es ist der breite Rücken des Donatibergs, der Donačka gora. Ehrlich gesagt, spektakulär wirkt der Berg von hier aus betrachtet noch nicht. Aber wir bleiben gespannt. Schließlich gibt es in unseren alten Reiseführern, die wie stets auf unseren Mitteleuropareisen die Begleiter sind, wahre Elogien auf den Donati. Er sei der „Glanzpunkt in der Landschaft" und die „Rigi der Kurgäste Rohitsch-Sauerbrunns". (Der berühmte Berg weiblichen Geschlechts am Vierwaldstätter See stand bei den frühen Touristikern als Synonym für alpine Herrlichkeit hoch im Kurs.) Für uns schaut er vorerst dem Schöckel gleich. Westlich vom Donati erhebt sich der Wotsch-Boč, einem ebenso beliebten Wanderziel wie der Donatiberg, der mit einer botanischen Rarität aufwartet: Hier ist der einzige Ort in Mitteleuropa, an dem die lila blühende Osterblume wächst. Man findet sie unterhalb der Wotsch-Hütte (es gibt eine Hinweistafel).

Das prächtige Kurhaus von Rohitsch Sauerbrunn (Foto © Josef Wallner)

Über das Draufeld geht es Pettau-Ptuj zu. Die älteste steirische Stadt hat, auch wenn's abgedroschen klingt, italienisches Flair und lohnt, verbunden mit einer Tour in die untersteirischen Weinberge oder das kroatische Zagorien-Zagorje, in jedem Fall einen Wochenendtrip. Bei der Ausfahrt Hajdina (deutsch Haidin) verlassen wir die Autobahn in Richtung Ptujska gora (Maria Neustift). Die Landschaft des Draufeldes als spektakulär zu bezeichnen, wäre kühn. Sie erinnert eher an die Gegend rund um Fürstenfeld. Zu entdecken gibt es trotzdem etwas, denn in Haidin befindet sich eine der ersten Mithras-Kultstätten aus dem zweiten Jahrhundert n.Chr. Die Ausgrabungen zeigen von der gewissen Bedeutung, die Poetovio, das römische Pettau, hatte. Immerhin wurde in der damals 40.000 Einwohner zählenden Stadt Vespasian zum Kaiser ausgerufen. Aber das gehört zu Pettau und das ist wieder eine andere ask-enrico-Geschichte. 

Geschichtsträchtig ist auch der Boden von Kidričevo, benannt nach Boris Kidrič. Dieser war, 1912 in Wien als Sohn eines Literaturkritikers geboren, einer der wichtigsten Partisanenführer. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er erster Präsident der slowenischen Regionalregierung. Seine Denkmäler stehen heute noch in Laibach und Marburg, trotz so mancher daran geäußerter Kritik. (Das heutige Slowenien trägt noch immer schwer an den Kämpfen, blutig oder ideologisch, in der Kriegs- und Nachkriegszeit.) Den deutschsprachigen Untersteirern war der Partisanenführer jedenfalls schlecht gesonnen. Im Juni 1945 forderte er: „Aus den nördlichen Gebieten müssen die Reste des Deutschtums verschwinden. Es ist unzulässig, daß diese Reste noch auf slowenischer und jugoslawischer Erde spazieren gehen. Diese Leute, die mithalfen unser Volk zu versklaven, diese Leute dürfen nicht mehr hier bleiben."

Donati im Nebel (Foto © Norbert Eisner)

Früher hieß Kidričevo nach einem hiesigen Dorf Sterntal-Strnišče. Hier hielt in der weiten Ebene einst das k.u.k. Militär seine Schießübungen ab und noch immer existiert ein österreichisch-ungarischer Militärfriedhof. Im Ersten Weltkrieg wurden in den Baracken Kriegsgefangene interniert, später Flüchtlinge aus dem Küstenland, die von der nahen Isonzofront evakuiert worden waren. Der Name des Ortes stammt nicht von einem Stern, sondern von Stör, was so viel wie Schafsbock bedeutet. In Sterntal befand sich eines der Lager, in das Tausende Deutschsprachige 1945 verschleppt worden waren. Zuvor war hier allerdings von den Nazis ein „Sonderdienstpflichtigenlager" für „nichteindeutschungsfähige" Slowenen errichtet worden. Was sich nach Kriegsende in Sterntal abspielte, war eines jener Verbrechen, die das alte Mitteleuropa 1945 endgültig zerstörten: „Als wir nach Sterntal kamen, war alles voll allerliebster kleiner Kinder, dann wurde es stiller und stiller, und die Kinder, die früher lustig auf der Straße umhergesprungen waren, konnten nicht mehr laufen, nicht mehr sitzen, nicht mehr gehen. Sie kamen uns vor wie Blumen, die man nicht mehr gießt und die alle ihre Blätter und Blüten hängen lassen. Schließlich wurden die armen Kinder umhergetragen und hatten ihr kurzes, frisches, blühendes Leben bald ausgehaucht…", schrieb Helena Gräfin Fünfkirchen, nachdem sie dem Lager, nach der vom Internationalen Roten Kreuz erzwungenen Schließung, entkommen war. 

Bei der Fahrt durch die Ebene, Maria Theresia wollte hier wie am niederösterreichischen Steinfeld einen Kieferwald pflanzen, sieht man schon von weitem den barocken Turm von Maria Neustift in die Höhe ragen. Der Versuchung einen Abstecher zu dieser Kirche, die landläufig als schönste der Untersteiermark gilt, zu unternehmen, widerstehen wir nicht. Viele Geschichten ranken sich um die Kirche von Ptujska gora, so soll Maria die Kirche in eine dunkle Wolke gehüllt haben, um sie vor einem Angriff der Türken zu schützen. Nun, die Türken ließen sich davon offensichtlich nicht abhalten, wie an so manch verstümmelter Statue zu erkennen ist. (Hexen- und Türkengeschichten sind wahrscheinlich die beliebtesten Stories in der alten Untersteiermark gewesen.)

Es war einmal … (Foto © Norbert Eisner)

Heute besuchen rund sechzigtausend Menschen jährlich Maria Neustift, das in der Monarchie als zweitwichtigster Wallfahrtsort der Steiermark nach Mariazell galt. Prunkstück der Kirche ist die Schutzmantelmadonna, die seit den Zeiten der Gegenreformation als Hochaltar dient. Zuvor war sie über dem Kirchenportal angebracht. Unter ihrem Mantel finden sich zweiundachtzig Figuren und Porträts historischer Persönlichkeiten und von Mitgliedern des Minoritenordens, der bis zum heutigen Tag die Pfarre betreut. Neben der Schutzmantelmadonna sticht in der Südapsis eine grandiose Steimetzarbeit ins Auge, der Baldachinaltar Friedrich II. von Cilli. Auch die übrige Ausstattung bietet Kunstliebhabern interessante gotische und barocke Malereien, Schnitzereien und Steinmetzarbeiten. Die Steinmetze haben sich mit ihren „Unterschriften" auf allen ihren Stücken verewigt. Über tausend dieser Steinmetzzeichen werden gezählt. Rund um die Kirche bietet sich ein typisch altösterreichisches Bild. Pfarrhof, Kirchenwirt (heute eher ein Café) und die Heiligen Florian und Johann Nepomuk, die die schöne Barocktreppe zur Kirche hinauf flankieren. 

Von Maria Neustift geht es nach Monsberg-Majšperk mit dem Schloss Hammer-Hamre im Ortsteil Breg. Das Schlössl war einmal eine Hammerschmiede im Besitz der Pettauer Minoriten, später wurde es barockisiert. Über dem Ort thronte einst die Burg Monsberg, auf der Paolo Santonino, der Reiseschriftsteller des 15. Jahrhunderts, zu Gast war. Eigentlich wäre uns jetzt mehr nach einem der lukullischen Genüsse zumute, wie sie Santonino auf seiner Reise von Italien nach Mitteleuropa genossen hat, als auf einen Berg zu steigen. Aber zu spät, wir sind in Stoperzen-Stoperce angelangt, dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Schon fast am Ende des Ortes weist uns das Schild Donačka gora im Ortsteil Kupčinji vrh den richtigen Weg zum Parkplatz. Einer Versuchung widerstehen wir dieses Mal: auf dem Bauernhof Golob einzukehren und uns dort mit untersteirischen Köstlichkeiten den Bauch vollzuschlagen.

Fast am Ziel (Foto © Josef Wallner)

Apropos untersteirisch. Jetzt, am Fuß des Donati, stellt er sich wieder ein, dieser untersteirische Zauber, der das Land zwischen Windischen Büheln und Save für uns so anziehend macht. Was macht ihn aus? Die Üppigkeit seiner Früchte, die vielen Schattierungen von Grün in seinen Wäldern, die Streuobstwiesen, die alte bäuerliche Architektur, oft heruntergekommen, oft verschandelt, aber trotzdem stimmig, das weniger ordentliche, aber vielleicht natürlichere Bild, welches das Land bietet? Wahrscheinlich ist es alles das zusammen und noch etwas Anderes, schwer Fassbares, das hier in der Luft liegt. In eben dieser befindet sich, geht es nach unseren slowenischen Freunden, ein gewisser Anteil an Alkohol, deshalb liege in der Untersteiermark der Promille-Grenzwert für Autofahrer über 0,5. Man muss nicht immer die Probe aufs Exempel machen, denken wir uns, obwohl die Bäuerin, zu deren Grund der Parkplatz für die Besteiger des Donati gehört, gleich nachdem wir eingeparkt hatten, mit einer Schnapsflasche gekommen war. Wir sollten uns doch stärken, vor dem Aufstieg… 

Auf Empfehlung unserer mit uns wandernden slowenischen Freunde wählten wir eine recht gemütliche Tour. (Andere Tourenvorschläge finden sich – auch auf Deutsch – zur Genüge im Internet, einige sind am Ende des Artikels verlinkt.) Die Gehzeit beträgt kaum mehr als drei Stunden, aber selbstverständlich planen wir mehr Zeit ein, schließlich gibt's auch eine Hütte am Donati. Diese erreichen wir schon nach einer halben Stunde Aufstieg durch einen schattigen Graben. Sie heißt Rudijev dom, also Rudis Haus, und steht auf einer schönen Wiese unterhalb der Donati-Steilhänge. Die richtige Stärkung verschieben wir auf später, nachdem wir den Gipfel erklommen haben, und begnügen uns jetzt mit einem Laško und einem Špricar. Jetzt, wo wir den drei Spitzen des Donati schon nah sind, dreht sich das Gespräch natürlich um diesen eigenartigen Berg. Für die Slowenen ist er einer ihrer Berge, auf dem die Hexen hausen. Wir blättern in unseren alten Reiseführern und lesen, was die österreichischen Reiseschriftsteller vor hundert und mehr Jahren über den Donatiberg schrieben: „Da an des Berges Spitze stets ein kühles Lüftchen weht, wird man gut tun, sich dagegen mit einem passenden Kleidungsstück zu versehen. Proviant mitzunehmen, dürfte kaum schaden." Okay, das haben wir schon einmal verabsäumt, aber wir stärken uns ja auf der Hütte.

Kleiner Berg, ganz groß (Foto © Josef Wallner)

Wir lesen weiter: „Der Berg ist auch geologisch und botanisch interessant; hier begegnen sich alpine und Mittelmeer-Flora. Da man am Fuße viele Römerfunde machte, u.a. Reste einer Straße gegen die Donatikirche zu, vermutete man früher, daß am Gipfel ein Tempel des unbesiegbaren Sonnengottes Mithras gestanden war; als dessen Nach¬folger eine Kirche des hl. Donatus gebaut worden sei; doch ist oben weder für das eine noch für das andere Bauwerk Platz. Im 15. und 16. Jahrhundert war oben eine Kreidfeuerstation gegen die Türken". Heute geht man davon aus, dass eine erste Kirche 1740 vom Blitz zerstört wurde. Ein Nachfolgebau wurde ebenfalls Opfer eines Gewitters. Angeblich hat der Blitz die Glocke den Berg hinuntergeschleudert, an jene Stelle, wo heute die Donati-Kirche steht. In der befindet sich auch die Donatusstatue aus der zerstörten Kirche. (Bei der kleinen Donatikirche kommen wir nicht vorbei. Man passiert sie, wenn man den Berg von St. Georgen-Jurij, über Schiltern-Žetale zu erreichen, besteigt.) 

„Merkwürdig verschieden ist der Anblick, den der Berg dem Beschauer von Sauerbrunn [Rogaška Slatina], von Rohitsch [Rogatec], von Pragerhof [Pragersko], von Pettau [Ptuj] und von Sauritsch [Zavrč] aus bietet: bald ist es ein Horn, bald ein langgestreckter Zug, dann wieder ein Pyramidenstumpf oder ein schöner Kegel." Wie wahr, und das ist eine der USP, auf die zweite kommen wir noch zu sprechen, dieses Berges. Man glaubt es kaum, dass ein- und derselbe Berg so verschieden aussehen kann.

Uros im gelben Shirt und seine Helfer (Foto © Norbert Eisner)

So, auf geht's, auf die Gipfel des Donati! Er hat deren drei. Unser erstes Ziel ist die östliche Spitze. Zuerst läuft der Weg auf weichem Waldboden nur langsam ansteigend dahin. Wir können uns kaum sattsehen und diesen Baumriesen, allesamt Buchen. Ist das der berühmte Urwald des Donatibergs, in dem seit 150 Jahren nicht mehr geschlägert wird? Nein, sagen unsere Begleiter, durch den kommen wir erst bei unserem Abstieg. Der Weg beginnt nun stark zu steigen. Irgendwie muss man schließlich auf diese paar Hundert Höhenmeter kommen, die den Sattel von den fast 900 Meter hohen Gipfeln trennen. 

An sich wär das trotzdem ein Sonntagsspaziergang, wenn nicht knapp unterhalb des östlichen Gipfels der Felsen so schroff wäre, dass wir uns ein kurzes Stück an einem Drahtzeil hochziehen müssen, und wir nicht Uroš Vidovic getroffen hätten. Der quirlige Vierziger, ehemals Geografieprofessor am Pettauer Gymnasium, ist Sloweniens Alpenvereinsvertreter bei der Europäischen Union, ein sehr guter Job, wie er uns verschmitzt lächelnd versichert. In gutnachbarschaftlicher Zusammenarbeit vertritt er des Öfteren auch den österreichischen Alpenverein in Brüssel. An den Wochenenden hat er in seiner untersteirischen Heimat aber noch anderes, Handfestes, zu tun. Gemeinsam mit seinem Vater setzt er in mühsamer Kleinarbeit die alten Wege auf den Donatiberg wieder instand. Dafür ist eine Menge an Werkzeug notwendig. Hacken, Schaufeln, Krampen und vieles mehr. All das muss auf den Berg. Uroš packt die Gelegenheit beim Schopf und teilt uns, ganz Lehrer – und noch dazu ist eine ehemalige seiner Schülerinnen, unsere Freundin Lidija, in unserer Wandergruppe – zum Tragen all dieser nützlichen Dinge ein. Und so kommen wir noch richtig ins Schwitzen.

Gedenktafel für Dr. Frölich (Foto © Josef Wallner)

Der bekannteste Pfad auf den Berg ist der Frölichweg, auch er wurde von Vater und Sohn Vidovic schon bestens saniert. Diesen in schmalen Schlangenwindungen verlaufenden Steig auf den Berg ließ der Kurarzt aus Rohitsch-Sauerbrunn-Rogaška Slatina E. H. Frölich anlegen. Er ließ im Jahr 1853 auch eine Eremitage am Gipfel des Berges bauen, die aber bald verfiel. Im Jahre 1884 wurde deshalb von der Sektion Rohitsch-Sauerbrunn des Österreichischen Touristenklubs eine Hütte errichtet, die auch schon lange wieder verschwunden ist. In Anerkennung seiner Verdienste wurde Frölich eine Gedenktafel unter dem Gipfel gewidmet, die aber, wie in einem Reiseführer aus k.u.k Zeiten vorwurfsvoll angemerkt wird, „in frevelhafte Weise zertrümmert und entfernt wurde." Heute hält eine Gedenktafel in slowenischer Sprache, angebracht an einer der mächtigen Buchen, das Andenken an den umtriebigen Kurarzt hoch. Wir werden ihr beim Abstieg über den Frölichweg die nötige Referenz erweisen, jetzt gilt es einmal, die Gipfel zu erklimmen. Zuerst wird, wie schon gesagt, der östliche bezwungen, er ist wilder und gefällt uns daher besser, dann sein westliches Gegenüber. Es trägt das Wahrzeichen des Berges, ein großes Steinkreuz mit der Aufschrift „Up Edini", „einzige Hoffnung". Es wurde 1943 errichtet, später von den Kommunisten gesprengt und 1992 wieder aufgestellt. Die am Boden liegen gelassenen Trümmer des ersten Kreuzes dienen zur Mahnung. 

Von den Gipfeln, gleich ob vom östlichen, mittleren oder westlichen, sollten wir nun das genießen, was unser Hauptmotiv für diese Sonntagstour gewesen war: eine der weitesten Aussichten Mitteleuropas. Nun, es war ein wenig diesig, nebelig gar, im Westen wolkenverhangen. Kurz und gut, mit der Sicht stand es nicht zum Besten. Waren wir enttäuscht? Höchstens ein bisschen, denn der Aufstieg in lustiger Runde, das interessante Gespräch mit Uroš, der wundervolle Urwald und nicht zuletzt die Vorfreude auf die slowenische Bauernküche im Rudijev dom, entschädigten uns weidlich für den fehlenden Fernblick.

Der Zauberwald (Foto © Josef Wallner)

Aber was haben wir eigentlich verpasst? Wir lesen wieder in einem der alten Reiseführer nach: (Zugegebenermaßen, Sie brauchen nun ein wenig Muße und Konzentration, können aber gerne schnell nach unten scrollen.) „Am Berge angekommen, fühlt man sich tief gefesselt, mächtig überwunden, von so viel zauberischer Naturpracht. Stille steht die schönste Naturlandkarte von sechs Kronländern unserer großen Heimat vor dem Auge ausgebreitet…" Mancher Reiseführer legt hier sogar noch das eine oder andere Kron- (bzw. Reichs-)land drauf: Der Donati biete „Aussicht über Steiermark, Kärnten, Krain, Kroatien, Bosnien, Ungarn, [Ober- und Nieder-]Oesterreich und Salzburg." Jedenfalls tauchen vor unserem Auge Gebirge und Täler auf, deren Namen den meisten Österreichern nicht mehr geläufig sind, obwohl sie nur wenig von unserer Grenze entfernt liegen: „Wenden wir uns zunächst dem Westen zu, wo vor allem der mächtige Bachergebirgszug [Pohorje] auffällt. Neben den vielen Ansiedelungen zählt man längs des ganzen Bergstockes bei 50 Kirchen, viele Schlösser, Ruinen und tiefer unten zahllose Rebenpflanzungen, von welchen rühmlichst hervorzuheben sind: die Ruster, Pickerer, Radiseller und Rittersberger Weingärten. Gegen die Ebene zu bemerkt man: Schloß Windenau [Betnava], die Frauheimer Kirche, auch Gut und Ruine gleichen Namens [Fram], die weit sich hinziehenden Weingärten bei Windisch-Feistritz [Slovenska Bistrica] und an deren unterem Saume das Städtchen Windisch-Feistritz mit der in altitalienischem Stile erbauten Burg. 

Von hier westlich erscheinen die Vinarier bei Gonobitz [Slov. Konjice], die Berge: Aulica, Kozjak, Rabensberg [Otemna], das Weitensteiner Tal [Vitanjska dolina], das Schalltal [Šaleška dolina], in dessen Hintergrunde uns der 1695 Meter hohe Ursulaberg [Urslja Gora] bei Windischgraz [Slovenj Gradec] entgegensieht. Aus der Umgebung des Kurortes Neuhaus [Dobrna] zeigt sich uns die Schlangenburg [Kačji grad]. Knapp hinter dem Ursulaberge türmt sich der hohe Petzenberg in Kärnten auf. Bei sehr günstigem Wetter, meist nur in heiteren Wintertagen, sieht hinter dem Petzen der Ankogel hervor. Malerisch, wie von keinem anderen Punkte, erscheinen die herrlichen Sanntaler Alpen [Savinjske Alpe]. Zuweilen ist auch die höchste Spitze der Julischen Alpen, der Terglou (Triglav) neben den Sanntaler Alpen links zu erspähen.

Der Zauberberg (Foto © Norbert Eisner)

Vor den Sanntaler Alpen [Savinjske Alpe] liegt das von der wundertätigen Sann [Savinja] durch-flossene Sanntal [Savinja Dolina], geschmückt mit einer großen Zahl von Kirchen, Gehöften, Schlössern, kultiviertem Land und Waldgruppen. Dasselbe begrenzt gegen Nord der Drau-Savezug, gegen Süd die Cillier Berge. Hinter dem Sanntale erhebt sich links die Sklza planina und rechts die etwas entfernteren Praßberger Alpen [Golte] Auf dem 731 Meter hohen Ölberge [Gora Oljka], rechts im Sanntale, ragt eine imposant gelegene, zweitürmige Wallfahrtskirche in die Lüfte; unter ihr das Schloß Schöneck [Šenek], darauf die Ruinen von Sanegg [Žovnek], des Stammschlosses der mächtigen Grafen von Cilli. Mitten im Tale liegt St. Peter [Šempeter], rechts das Schloß Neukloster [Novi klošter] und hinter diesem die ehemalige Malteser-Kommende Heilenstein [Polzela]. Unter St. Peter, gegen Cilli [Celje], bemerkt man Sachsenfeld [Žalec], an der Straße weiter herab das Schloß Neu-Cilli [Nova Celje], rechts von diesem Salloch [Zalog]. Noch näher herangerückt befinden sich einige Kirchen, sie gehören zu Cilli, welches man vom nicht sehen kann, wohl aber die ober der Stadt gelegene Ruine Ober-Cilli [Celjski Grad]. 

Von diesen Ruinen herwärts ragt uns das zerfallene Reichenegg [Rifnik] im Anderburgtale, der Wallfahrtsort St. Marein [Šmarje] mit der Rochuskirche und Schloß Erlachstein [Jelše], die Ritter-feste Süssenberg [Sladka Gora] und Kostreinitz [Kostrivnica], die Kirchen Rodein [Rodne], Drei¬faltig-keit [Sv. Trojica], der Janinaberg, Triestinerkogel [Tržaški hrib], der Bergrücken des Wotsch [Boč] und Plesivec, die Pfarrkirche St. Florian am Wotsch [Sv. Florijan ob Boču] und, ganz nahe an den Donati¬berg gerückt, Maria Loretto [Sv. Marija pri Šmarju].

Der Zauberberg (Foto © Josef Wallner)

Können Sie noch schauen? Gut, dann weiter:

Südlich reihen sich an die Cillier Berge die Tüfferer und Trifailer Berge an; in deren Nähe erhebt sich der Kumberg [Kum] bei Steinbrück [Zidani most], etwas tiefer erscheinen einige Anhöhen von Gottschee [Kočevje]. Herwärts werden die Montpreiser, Drachenburger, Wiseller und Klanjecer Berge sichtbarer, welche sich schon an die Agramer Berge anschließen. In der Richtung gegen den Kumberg liegt der stark eingesattelte Kozje bei Römerbad [Rimske Toplice]. Vor den Montpreiser und Drachenburger Bergen liegen: Süssenheim [Žusmo] mit zwei Kirchen, Babenberg [Babna Gora] mit zwei Kirchen und die Rudencaberge; mehr herwärts Windisch-Landsberg [Podčetrtek], St. Urban, St. Emma, St. Peter in Kroatien mit S. Ivan und Kis Tabor. Vor den Wiseller Bergen bemerkt man den Königsberg [Kunšperk], St. Peter bei Königsberg [Bistrica ob Sotli] mit dem ‚heiligen Berg' [Sv. Gora], den Veternik bei Drachenburg [Kozje], Groß-Tabor, Vinagora, die Pregradaer Berge, Maria taborska und in unmittelbarer Nähe Rohitsch [Rogatec] mit dessen Ruine und Schloß Stermol [Strmec]. Gegen die Klanjecer Berge liegt: der Kaiserberg [Kraljev vrh] in der Nähe des Königsbergs [Sv. Gora], aber schon in Kroatien, vor uns die Pfarrkirche St. Rochus, Lupinjak und Kostelj. Bei Rann [Brežice] über der Save wird das Schloß Mokric [Mokrice] in Unterkrain [Dolenjska] sichtbar. Ganz hinten begrenzt das Uskokengebirge [Gorjanci/Žumberak] den Süden. Verfolgt man die Landschaft gegen Ost, kommen südöstlich die Agramer Berge in den Gesichtskreis, vor welchen sich das mit Kirchen und Edelhöfen gezierte Zagorien [Zagorje] zeigt. Bei Agram [Zagreb] tritt der Bärenberg [Medvednica] mit dem Oroslavjetale hervor, kraljevi vrh und Maria bistra erscheinen in demselben. Östlich von der Burg Kaiserberg [Cesargradu] sieht man St. Magdalena [Kapela] bei Krapina-Töplitz [Krapinske Toplice], hinten das Hügelland von Zagorien, mehr herwärts, einen Teil des Pregradaer Tales [Pregradska dolina].

Der Zauberwald (Foto © Josef Wallner)

Einmal geht's noch:

Östlich von uns erscheinen die Krapinaer Berge, das Ivancicagebirge, der Hl. Dreikönigsberg [Komin], Warasdin [Varaždin] mit einigen kleinen Kirchen, das Kaiser Constantinbad bei Warasdin [Varaždinske Toplice], Csakaturn [Čakovec], der Plattensee [Balaton], Polstrau [Središče], Friedau [Ormož], die Luttenberger Berge mit Jerusalem, die Warasdiner Ebene, Meretintzen [Muretinci], Ankenstein [Borl], das Macelgebirge [Macelj] und die nahen Nivicaberge. Gegen Nordost erscheinen die Csakaturner Berge, hinter welchen die Kanizsaner Berge liegen. Vor dem Murtale bemerkt man die Radkersburger Höhen mit dem Kapellenberge [Kapelski vrh], näher das Schloß Negau [Negova], die Kirchen hl. Dreikönig [Sveti Trije Kralji], Dreifaltigkeit [Sv. Trojica], St. Antoni, St. Andrä [Sveti Andraž], St. Thomas [Sveti Tomaž], Polonschak, St. Urban, das Schloß Dornau [Dornava], neben dem die Stadt Pettau [Ptuj] liegt.

Am Ziel (Foto © Norbert Eisner)

Zwischen Pettau und dem Donatiberge sind: St. Lorenzen [Lovrenc], Maria Neustift [Ptujska Gora], Lichtenegg [Podlehnik], Dreifaltigkeit und Johannesberg [Janški vrh] mit einer Kirche. Mehr gegen Nord erscheinen die Gleichenberger Kogel mit dem Schlosse Gleichenberg, die Kirchen Hoch-straden, Schloß Guttenhag [Hrastovec] und Riegersburg, St. Barbara, St. Martin. Weiter gegen Nord der Kulmberg bei Weiz mit dem anschließenden Rabenwald. Die äußerste Grenze bildet der Hochschwab, der Schneeberg und das gegen Ungarn ziehende Wechselgebirge. Vor diesen türmen sich auf: die Brucker- und Fischbacher Alpen, der Schöckel und Plabutsch bei Graz. Unter Graz erscheint der Wildonerberg mit den Sausaler Höhen, der Wöllingberg mit Maria-Schnee [Maria Snežna], Windisch-Büheln [Slov. Gorice], Hl. Kreuz [Sv. Križ], St. Urban und die Stadt Marburg [Maribor]. Gegen Ost von Marburg wird man des Schlapfenberges [Mellingberg/Meljski hrib] an-sichtig, an den sich Frauenberg [Gorca] und St. Peter [Šempeter] anreihen. An den Bacher [Pohorje] gelehnt ist das Schloß Hausambacher [Pohorski dvor], die Pfarrkirche Schleinitz [Slivnica] und Schloß Kranichsfeld [Rače]; schon etwas westlich hin Unter¬pulsgau [Spodnja Polskava] und Pragerhof [Pragersko]. Zwischen diese und den Donatiberg schiebt sich die Kolos [Haloze] und ganz in der Nähe unseres Beobachtungspunktes liegt die Pfarrkirche Stopertzen [Stoperce], am Fuße des Donatiberges selbst und streng gegen Norden gelegen, das Kirchlein Nadole [Nadolle]." 

So, Sie haben es geschafft. Gratuliere. Haben Sie alle Berge, Hügel, Seen, Kirchen und Schlösser entdeckt? Nein? Seien Sie nicht enttäuscht. Unsere slowenischen Freunde haben schon vor dem Aufstieg leise, vielleicht etwas mitleidig gelächelt, als wir ihnen von der zu erwartenden Aussicht vorschwärmten. Die alten Reiseschriftsteller dürften über sehr, sehr gute Augen verfügt haben oder die Luft war annodazumal viel klarer. Wer weiß. Jedenfalls geschwindelt, geschwindelt haben sie sicher nicht… 

Und so steigen wir vollkommen befriedigt über den Frölich-Weg durch den herrlichen Buchenwald zur Hütte ab. Dort erwarten uns Sterz, Apfelstrudel und der bei einer slowenischen Wanderung unvermeidliche Schnaps. Nach dem letzten Stück unserer Wanderung sind wir schon wieder hungrig und so geht's noch nach Rohitsch-Sauerbrunn-Rogaška Slatina, einst das steirische Karlsbad genannt. Im alten säulengeschmückten Kurhaus, am Giebel der ehemals landeseigenen Kuranstalt prangt noch immer der steirische Panter, gibt's eine herrliche Gibanica. Wär es nicht schon so spät, sollten wir, um unseren Kalorienhaushalt wieder in die Balance zu bringen, nochmals auf den Donatiberg oder zumindest den nahen Triestiner Kogel-Tržaški hrib marschieren, aber so ziehen wir es vor, durch den unverkennbar altösterreichischen Ort zu spazieren und die eine oder andere kakanische Reminiszenz zu entdecken. Aber das ist schon wieder eine andere ask-enrico-Geschichte.

Rohitsch Sauerbrunn, die Reste vergangener Pracht (Foto © Josef Wallner)

Andere Tourenvorschläge:

Euch hat der Artikel gefallen? Mehr davon findet ihr in den Büchern von Josef Wallner:

Reisen in der Untersteiermark|Štajerska
Unbekanntes Slowenien. Reisen auf Altösterreichs Spuren in Krain und Laibach.

Eindrücke aus dem Land jenseits des Waldes von Josef Wallner, Fotografien von Norbert Eisner 

Die Versuchung ist groß: Eine Geschichte über Siebenbürgen einzuleiten mit der Verwunderung der Freunde über das Reiseziel („das ist doch in Rumänien?") oder mit der Behauptung, dass Siebenbürgen bis heute herzlich wenig mit Rumänien oder zumindest seinen Klischees zu tun habe.

Ach Siebenbürgen! (Foto © Norbert Eisner)

Ich widerstehe beiden Versuchungen, zumindest in der Einleitung, und Dracula sowieso. Warum wählten Norbert Eisner, der Fotograf, und ich dann Siebenbürgen als Reiseziel für Ostern 2015? Am attraktiven Wetter ist es sicher nicht gelegen, denn Siebenbürgen ist ein Hochland – mehr muss ich wohl nicht sagen. Nein, der Name machte mich neugierig, schon vor langer Zeit. Siebenbürgen – das klingt doch nach Märchenland, mit Burgen, dunklen Wäldern, sanften Hügeln und Städten mit wehrhaften Mauern und schiefen Häusern, aus deren mächtigen Kaminen der Rauch lustig gegen Himmel steigt, oder? Und wissen Sie: Genau so ist es in Siebenbürgen, aber nicht nur, denn Märchen gibt's halt doch nur im Märchen. 

Von Ungarn über Österreich nach Siebenbürgen und retour: Wir spinnen, entspinnen und verheddern uns (ein wenig) in den Fäden der Geschichte 

Unsere Reise nach Siebenbürgen, dem ungarischen Erdély und rumänischen Transilvania oder Ardeal, beginnt in Ungarn. Und das ist kein Widerspruch, denn Siebenbürgen war ein ganzes Jahrtausend lang mit dem ungarischen Reich, Staat oder wie immer die verwaltungs- und herrschaftlichen Konstrukte alter Zeiten nennen mag, verbunden; manchmal enger, manchmal lockerer.

Am Dorf (Foto © Norbert Eisner)

Warum ist Siebenbürgen dann heute rumänisch? Viele Ungarn würde antworten, dass fragten sie sich auch, für sie sei Erdély das ungarische Südtirol. Andere werden diese Polemik überhaupt nicht verstehen. Schließlich seien doch drei Viertel der Siebenbürger Rumänen. Ein Fünftel sind Ungarn; dazu kommen paar Deutschsprachige, nur mehr rund 36.000 (einschließlich jener im Banat) von weit über sieben Millionen Siebenbürgern. Die Vorfahren der deutschsprachigen Siebenbürger wurden im Mittelalter von den ungarischen Königen aus verschiedenen Regionen des deutschen Sprachraums ins Land geholt. Um 1900 lebten noch über eine halbe Million Deutschsprachige in Siebenbürgen (bei über vier Millionen Einwohnern). Sie gründeten die siebenbürgischen Städte und kultivierten weite Teile des Landes. In Siebenbürgen leben auch viele Roma und wenige Ukrainer, Serben, Kroaten und Slowaken. Noch um 1930 war dieses selbst für das alte Mitteleuropa recht bunte Bild noch weit gescheckter. Der nationalistische Irrsinn, der Rassenwahn und seine Folgen ließen Juden und Armenier aus Siebenbürgen fast gänzlich verschwinden und die Zahl der Ungarn und vor allem jene der Deutschsprachigen stark zurückgehen. Angehörige der deutschen Volksgruppe Rumäniens waren, wie viele Deutsche in den Ländern Mittel- und Osteuropas, auch selbst nicht vor der Ansteckung mit Nazi-Gedankengut gefeit. Später ließen die Kommunisten sich die Deutschsprachigen von der BRD abkaufen, für über 200.000 Menschen wurde Kopfgeld bezahlt.

Am großen Ring in Hermannstadt, links das Brukenthalpalais (Foto © Norbert Eisner)

Die letzte große Auswanderungswelle der Deutschen, treffenderweise Exodus genannt, gab es nach 1989. Sie zerstörte die jahrhundertealte Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen wohl endgültig. Ganze Sachsendörfer zogen Richtung Deutschland. Auf den ersten Blick lässt das staunen: Was die Verschleppung zur Zwangsarbeit nach Russland nach dem Zweiten Weltkrieg, die kommunistischen Enteignungen und Repressalien (in Rumänien gab es allerdings keine Vertreibung) und die Freikäufe nicht geschafft hatten, gelang mit der beginnenden Demokratisierung: der Abzug fast einer ganzen autochthonen Volksgruppe. Wer näher hinschaut, versteht es: Die Chance auf ein besseres und vor allem planbares, sicheres Leben in einem Land, in dem man nicht Angehöriger einer Minderheit ist – wer würde sie nicht ergreifen?

Auferstehungsprozession in Kronstadt (Foto © Norbert Eisner)

Macht es einen Unterschied, ob ein Land auf Grund eines freien Entschlusses, auch wenn er aufgrund widriger Lebensumstände zustande gekommen ist wie bei den Siebenbürger Sachsen, verlassen wird oder ob man gehen muss? Ich weiß es nicht. Was bei beiden Gruppen, den Vertriebenen und den freiwillig Gegangenen, auffällt: Viele Menschen scheinen lange Zeit in der Verklärung der alten Heimat ein probates Mittel gefunden zu haben, mit deren Verlust fertig zu werden. Oft hatte man das Gefühl, dass die Gegangenen und die Vertriebenen, zumindest bis es wieder einfacher war, in den Osten zu reisen, in ihrer Erinnerung stecken geblieben waren. In Brünn, Aussig, im Banat oder in Schlesien hätten sie wahrscheinlich nie so traditionsgebunden gelebt und gefühlt wie später in München oder Augsburg, wo es auch keine Möglichkeit gab, die Traditionen weiterzuentwickeln. Das gilt auch für die Klagen der Siebenbürger Sachsen, gleich ob sie in Rumänien geblieben oder gegangen sind, über den Verlust der legendären Gemeinschaft in den Sachsendörfern. Nur, hätte sich die wohl genauso gewandelt, wären alle geblieben. (Und bedenkt man den sozialen Druck, den so eine Dorfgemeinschaft auf die nicht ganz Angepassten erzeugen kann, ist das zumindest nicht nur negativ zu bewerten.)

Ausdruck des Bürgerstolzes: Das Rathaus von Großwardein (Foto © Norbert Eisner)

Eine leidige Folge der nationalistischen Zeit ist, dass wir es uns zur Gewohnheit gemacht haben, einen Staat mit einer Ethnie gleichzusetzen – und uns vielleicht deshalb mit Migranten- und Flüchtlingsströmen noch schwerer tun. (Eine Herausforderung war Zuwanderung wohl immer.) Nicht nur die heutige Zuwanderung ist für viele von uns ungewohnt, sondern auch, dass in einer Region seit Jahrhunderten, gar noch länger, Menschen unterschiedlicher Herkunft und/oder Religion (was das Ganze in Siebenbürgen noch vertrackter macht) leben. Komplizierter wird's noch, wenn die Einwohner eines Staates über Jahrhunderte verschiedenen kulturellen Einflüssen ausgesetzt waren. Siebenbürgen war, und ist es wahrscheinlich noch, Mitteleuropa, im Gegensatz zum Rumänien hinter den Karpaten. Ich bitte Sie, werte Leserschaft, letzten Satz völlig wertfrei zu verstehen. Transsilvanien war schlichtweg anderen Einflüssen ausgesetzt als Moldau oder die Walachei. Das Ungarische, Deutsche, später Deutsch-Evangelische, und Habsburgische dominierten, auch wenn das Doppeladlerisch-Katholische in weiten Gegenden Siebenbürgens weniger als im Rest Altösterreichs zu spüren ist. Die Siebenbürger Sachsen, wie die meisten deutschsprachigen Siebenbürger genannt wurden und werden, gleich woher sie stammten, waren eben Protestanten…

Bröckelnde Jugendstilpracht in Salzburg (Foto © Norbert Eisner)

Die Rumänen mussten sich ihren Platz in der siebenbürgischen Gesellschaft im Lauf der Jahrhunderte erst hart erkämpfen. Sachsen, Ungarn und Szekler, eine ethnische Gruppe, die einen eigenen ungarischen Dialekt spricht, teilten das Land als die in der Entwicklung schon weiter vorangeschrittenen Volksgruppen politisch und wirtschaftlich untereinander auf. Sie waren dabei durchaus selbstbewusst und erstritten sich für die Sicherung und Kultivierung des Landes viele Privilegien und vor allem Selbstverwaltung und Freiheit. Aber wie das halt so ist, die Rechte, die man selbst erkämpft hat, will man anderen Gruppen dann nicht so gerne gewähren. In der Doppelmonarchie spielten die Ungarn, wenn auch weniger erfolgreich als anderswo, ihr nationalistisches Spiel. Trotzdem waren die siebenbürgischen Rumänen, wenn auch die Verbindungen mit dem jungen rumänischen Königreich jenseits der Südkarpaten enger wurden, mitteleuropäisch geprägt.

Der Stundenturm in Schässburg (Foto © Norbert Eisner)

Das alte Österreich-Ungarn war von seinen Volksgruppen her ein ziemlich bunter Haufen, in Glaubensfragen aber überwog das Gelbweiß der Katholiken. Nicht so in Siebenbürgen. Dort war stets auch die Orthodoxie präsent. Als im 17. Jahrhundert das Land für lange Zeit habsburgisch wurde, ergab sich ein Problem: Nicht-Katholiken hatten nicht die gleichen Rechte wie Katholiken. Die Lösung: Man erkennt den Papst an und wird griechisch-katholisch. Und so war Siebenbürgen lange Zeit von den Griechisch-Katholischen geprägt – und den Protestanten. Die Vielfalt an protestantischen Kirchen lässt staunen. Calvinisten, Lutheraner, Evangelisch-Lutherische, Evangelische Kirche AB und Unitarier – sie alle sind in Siebenbürgen vertreten. Vor allem die deutschsprachigen Siebenbürger wurden protestantisch und durften es selbst unter Habsburgs Zepter bleiben. Nachschub erhielten sie, als Maria Theresia störrische, weil nicht wieder katholisch werden wollende Untertanen aus den alpinen Erbländern gen Siebenbürgen verfrachten ließ. Römisch-Katholisch sind in Siebenbürgen vor allem Ungarn und Szekler, sofern sie nicht der unitaristischen Kirche angehören. Alles klar? Dann ist dem Kapitel der komplizierten Religionsverhältnisse in Siebenbürgen nur noch anzufügen, dass in den Nachwende-Jahren mehrere Freikirchen wie die Baptisten in Siebenbürgen recht erfolgreich waren.

Die Bar von Kronstadt … (Foto © Norbert Eisner)

Gleich, welchem Glauben sie angehören, Ungarn, Szekler und Deutschsprachige verbindet eine starke regionale Identität. Das gilt durchaus auch für die Rumänen. Sie betonen gerne, wie anders als sie in Mentalität und Lebensführung seien als ihre Landsleute jenseits der Karpaten. Andererseits gibt es bei den Rumänen auch eine stark ausgeprägte nationalrumänische Identität, was dem Reisenden schon an den überdimensionierten rumänischen Trikoloren, die von den kleinsten Hütten wehen, sehr eindringlich vor Augen geführt wird. Die Konflikte zwischen den Volksgruppen, vor allem zwischen (den auch untereinander zerstrittenen) Ungarn und Rumänen, sind mit der Wende auch nicht verschwunden. Die Deutschsprachigen haben bei den Rumänen ein gutes Image, für ethische Konflikte sind sie schon zu wenige und die ihnen zugeschriebenen Eigenschaften wie Pflichtbewusstsein, Ehrlichkeit und Fleiß werden von den Rumänen geschätzt, und zwar, wie sich kürzlich gezeigt hat, in einem solchen Ausmaß, dass Deutschsprachige bis zum Amt des rumänischen Staatspräsidenten aufsteigen können.

Die letzten Spuren … (Foto © Norbert Eisner)

Nach außen hin, für uns Touristen, werden diese nicht gerade unkomplizierten Verhältnisse wenig sichtbar – mit einer Ausnahme: dem Bau vieler orthodoxer Kirchen. Für welche Gläubige werden sie errichtet? Nach wie vor geht es um die sichtbare Hoheit über das Land. Wo orthodoxe Kirchen stehen, ist eben Rumänien. (Zu einem echten siebenbürgischen Dorf gehören mindestens drei Kirchen – eine katholische, eine evangelische und eine griechisch-katholische, wie uns ein befreundeter ungarischer Siebenbürger aus Klausenburg lächelnd erklärte.) Konfliktreich gestaltet sich auch das Verhältnis vieler Siebenbürger zur wachsenden Volksgruppe der Roma, deren Hütten oft am Rande der Dörfer errichtet wurden. Konflikte mit den Deutschsprachigen gibt es, wie erwähnt, so gut wie keine mehr. Jetzt kann man die deutsche Geschichte dieses Landstrichs in Ruhe für den Tourismus nützen. Die Kaffeehäuser und Hotels in Schässburg und Hermannstadt tragen deutsche Namen wie „Hotel am Ring", „Gasthof zur alten Post" oder „Café Wien", die Gassen sind zweisprachig ausgeschildert (zwei- oder dreisprachige Ortschilder sind in Siebenbürgen keine Seltenheit), selbst die Hermannstädter Kanaldeckel zieren der rumänische und der deutsche Ortsname. Einheimische, die siebenbürgisches Deutsch gesprochen hätten, aber wir allerdings fast keine mehr getroffen.

Eine Zeitreise … (Foto © Norbert Eisner)

Für die wenigen Verbliebenen gibt es noch deutschsprachige Zeitungen, Buchhandlungen und Radiosender (zumindest kennen wir einen im Banat). Die traditionsreichen Schulen mit deutscher Unterrichtssprache in Hermannstadt, Kronstadt, Schässburg und anderen Orten wie Rosenau sind beliebt. Allerdings ist für die überwältigende Mehrheit der Schüler Deutsch eine Fremdsprache, sie stammen aus rumänischen Familien. Auch die Lehrkräfte mit Deutsch als Muttersprache sind fast vollständig verschwunden. Das Siebenbürgisch-Sächsische, von den Siebenbürgern Siweberjesch Såksesch genannt, ist – laut Wikipedia – eine moselfränkisch geprägte Reliktmundart und dem Luxemburgischen sehr ähnlich. Das ländliche Siebenbürgisch würden wir wahrscheinlich schwer verstehen, das Hermannstädter und Kronstädter Sächsisch schon eher, in beiden Stadtdialekten wurden sogar Erzählungen und Gedichte geschrieben. Durch die deutsche Auswanderung hat sich das in siebenbürgischen Schulen gelehrte und gesprochene Deutsch verändert. Selbstverständlich war das siebenbürgische Deutsch auch von rumänischen und madjarischen Lehnwörtern sowie von vielen Austriazismen durchzogen. Jetzt wird in Rumänien bundesdeutsches Deutsch gelehrt.

Es wird prächtig – Großwardein (Foto © Norbert Eisner)

Deutsche Lehnwörter und Austriazismen haben sich in allen auf dem Gebiet der alten Monarchie gesprochenen Sprachen erhalten, so wie auch das Österreichische bekannterweise ungezählte slawische, jiddische und romanische Einsprengseln hat. In den Gebieten der ehemaligen Monarchie findet sich Österreichisches meiner Beobachtung nach vor allem noch in zwei, für unser Leben nicht unwesentlichen Bereichen, der (handwerklichen) Arbeit und dem Essen, ob´s der grenadirmars auf einer Kronstädter Speisekarte, die šale Kaffee in Pressburg oder der špricar in einer Marburger pušenšank ist.

Fellner und Helmer in Klausenburg (Foto © Norbert Eisner)

Apropos österreichisches und deutsches Deutsch: Die Dominanz der deutschen Medien verändert das in Österreich gesprochene Deutsch gründlich und nachhaltig. Das Österreichische wird sterben, das betrifft nicht nur die (als Exempel schon etwas angefaulten) Paradeiser, sondern Sprachfärbung und Satzbau. (Sind Sie noch gegangen oder gingen Sie bereits?) In den einst mit Österreich verbundenen Ländern Mittel- und Osteuropas hat dieser Prozess schon lang vorher eingesetzt. Zuerst hat der Kommunismus für eine Verdrängung des österreichischen Deutsch aus den Ländern Mittel- und Osteuropas gesorgt. Nach der Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren unterrichteten Lehrer aus Ostdeutschland die tschechische Jugend im Deutschen. Und so wurde aus dem Kasten der Schrank und dem Sessel der Stuhl. Nach der Wende ging dieser Prozess weiter, wirtschaftlich behaupteten wir uns höchst erfolgreich auf den neuen alten Märkten, kulturell, oder umfassender aber unbestimmter gesagt, emotional, wäre meinem Eindruck nach noch Luft nach oben gewesen. (An dieser Stelle sei ein Gruß an meine slowenischen Freunde gestattet. Sie waren schon etwas verwundert, als im Sommer 2014 das Österreich Institut in Laibach seine Pforten schloss.)

Frühling am Szechenyi Platz (Foto © Norbert Eisner)

Sprache verändert sich eben – und das ist nicht aufzuhalten, was bis auf einige Wermutstropfen (siehe oben) ja erfreulich ist. Aber: Wie geht man mit einer Sprache um, die von den Bewohnern eines Landes im Alltag kaum mehr gesprochen wird? Die bewusste Aufrechterhaltung eines auch deutschen Bildes in vielen siebenbürgischen Städten hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Wie museal soll der Alltag in einer Stadt sein? Wie macht man den Anteil einer fast nicht mehr existenten Volksgruppe an der Entwicklung einer Stadt sichtbar? Wird hier die Welt von gestern konserviert? Es ist traurig, eine so lange mit einer Region verbunden gewesene Kultur aus dieser verschwinden zu sehen, aber sie zu einem großen Teil künstlich zu konservieren? Schulen mit deutscher Unterrichtssprache mögen nicht nur aus Gründen der Tradition, sondern auch aus arbeitsmarktpolitischen Überlegungen ihre Berechtigung haben, aber anderes lässt vermuten, dass es mehr aus touristischen Motiven, denn aus Bedarf der Bürger gepflegt wird.

Grabmal in der Hermannstaedter Kathedrale (Foto © Norbert Eisner)

Vielleicht braucht aber nicht nur der Tourismus, sondern auch die Siebenbürger aller Nationalitäten das Sichtbarmachen der ehemaligen Vielfalt – als (neuerdings) geschätztes wesentliches Element ihres Landesbewusstseins. Diese starke regionale Identität – vielen fällt es schwer, sie zu verstehen. Wir sind doch alle Europäer, Weltbürger gar, das andere hat doch einen provinziellen, gar nationalistischen Mief, oder? Kann sein, muss aber nicht. Vielleicht denken wir zu sehr an die uns wohl vertrauten Regionalismen, an polternde Landeshauptleute vor trachtigem Publikum. Wie aber ist es, wenn Menschen zwar die gleiche Hochsprache sprechen, aber ziemlich anders ticken, selbst in unserer globalisierten Welt? Wer von Ihnen schon gemeinsam in einem Projekt mit norddeutschen Partnern gearbeitet hat, weiß wahrscheinlich, was ich meine. (Auch das möge bitte wieder vollkommen wertfrei verstanden werden.) Manchmal noch weit ausgeprägter ist das unterschiedliche Ticken zwischen den transsilvanischen und den anderen Rumänen.

Gut versichert … Schässburg (Foto © Norbert Eisner)

Dass das für die anderen siebenbürgischen Volksgruppen noch mehr gilt, liegt auf der Hand – ebenso, dass dieses Phänomen in vielen Regionen des alten Österreichs zu beobachten ist. Sprechen Sie einmal mit einem Triestiner, wie sehr oder besser gesagt wie wenig er sich dem italienischen Staat verbunden fühlt und welche Reminiszenzen er für Kakanien hegt. Sie werden erstaunt sein. Die Mischung aus Nostalgie, wirtschaftlichem Interesse und tatsächlichem Leidensdruck aufgrund unterschiedlicher Mentalität treibt interessante, aber auch seltsame Blüten. Sie durchwegs als Spinnereien abzutun, haben sie sich nicht verdient. Vielmehr sollten wir auf dem Wohlwollen in den Regionen Gemeinsames aufbauen – im Rahmen der Europäischen Union. Aber dazu fehlen uns in Österreich, trotz vieler Projekte, leider das Herzensinteresse und ein tieferer Bezug zu unserer eigenen Geschichte. Eine schöne Landschaft und erfolgreiche Schifahrer reichen.

Gymnasium in Mühlbach (Foto © Norbert Eisner)

So haben wir auch die Deutschsprachigen in den ehemaligen Ländern der Donaumonarchie vergessen, im Gegensatz zu unseren bundesdeutschen Nachbarn. Warum? Das Argument, dass wir weniger Geld zur Verfügung haben, überzeugt nicht. Es interessiert uns ganz einfach nicht, obwohl uns die Menschen und die Regionen, in denen sie leben, doch weit mehr angehen könnten als die Deutschen.

Haus der Fleischerzunft in Hermannstadt (Foto © Norbert Eisner)

Der Ursachen sind viele – und sie liegen auf beiden Seiten, auf der österreichischen und der der Deutschsprachigen in den ehemals österreichisch-ungarischen Gebieten. Letztere, sie bezeichnen sich heute fast durchgängig als Deutsche, was sich für uns aufgrund der anderen Besetzung des Begriffs vielleicht seltsam anhört, orientierten sich bereits in der Monarchie mehr nach dem Deutschen Reich als dem multinationalen Österreich-Ungarn. Das gilt besonders für die Deutschen, die mit anderen Volksgruppen in einem Kronland Österreichs oder einer ungarischen Region zusammenlebten, so auch für die Siebenbürger Sachsen. Noch dazu waren diese evangelisch, in anderen Gebieten, wie der Untersteiermark, liefen die Deutschsprachigen erst im 19. Jahrhundert in Scharen zu den Protestanten über.

Haus Luxemburg am Kleinen Ring in Hermannstadt – eine sehr nette Unterkunft (Foto © Norbert Eisner)

In den übernational denkenden österreichischen Kreisen wurden vor allem die Böhmen-Deutschen, jetzt noch immer mit der von den Nazis bevorzugten Bezeichnung Sudetendeutsche punziert, aufgrund ihrer nicht gerade konstruktiven Politik in der Spätzeit der Monarchie als Totengräber des alten Österreichs gesehen. Umso verwunderlicher war es für viele, dass diese, aus welchen Gründen auch immer, mehrheitlich sehr deutschnational orientierten Menschen im Zuge der Vertreibung 1945 plötzlich ihr altösterreichisches Herz entdeckten. (In Österreich versuchte man sich mit Händen und Füßen, vor allem, aber nicht nur aufgrund der prekären Versorgung mit Lebensmitteln, gegen einen Zuzug dieser Deutschsprachigen zu wehren.)

In der Hermannstädter evangelischen Kathedrale (Foto © Norbert Eisner)

Warum sollte man sich im neuen Österreich daher für diese Deutschen interessieren? Diejenigen, die vertrieben wurden, konnte man politisch (viele Nazis) und wirtschaftlich (kein Platz an den Futtertrögen) nicht brauchen, diejenigen, die bleiben durften, also die Siebenbürger Deutschsprachigen, interessierten die Österreicher noch weniger (man hatte hierzulande auch wirklich andere Sorgen) und außerdem: Das Interesse an der Entwicklung der anderen Ländern der ehemaligen Monarchie und ihren Menschen schwand generell sehr rasch. Zum einen, weil die so engen Bande durch den Kommunismus radikal gekappt worden waren, was sich erschreckend schnell in einem ziemlichen Unwissen über die Regionen Mitteleuropas bemerkbar gemacht hat, zum anderen, weil unser Land in seinem neuen Selbstbild die Fäden zu seiner Vergangenheit nur sehr selektiv wieder aufnahm. Warum das?

In der Schässburger Unterstadt (Foto © Norbert Eisner)

Es war 1945 und in den folgenden Jahren schlichtweg notwendig, ein neues Österreichverständnis zu entwickeln. Dazu zählte auch die Abgrenzung von allem „Deutschen", ein kleiner Aspekt davon betraf auch die Deutschsprachigen im ehemaligen Österreich-Ungarn. Die Leute hatten schlichtweg alles satt, was mit Deutsch zu tun hatte. Was mit dem Deutschnationalismus in der Monarchie begann, der allerdings neben den diversen slawischen Nationalismen und dem ungarischen existierte, und sich in der Ersten Republik bei vielen, auch, aber nicht nur, aus wirtschaftlichen Gründen, zu einer wahren Sehnsucht nach Zugehörigkeit zum Deutschen Reich steigerte, kulminierte in Teilen der Bevölkerung in der unfassbaren deutschnationalen Begeisterung rund um den Anschluss, ein wahrer Hexensabbat wie Carl Zuckmayer es nannte. Eine gewisse kulturelle Unverträglichkeit, das Besetzen von Posten durch Deutsche aus dem Altreich und vor allem der Verlauf des Zweiten Weltkriegs ließen die Österreicher immer weniger als deutsch und immer mehr österreichisch empfinden.

Jugendstil in der kleinen Banater Stadt Lugosch (Foto © Norbert Eisner)

Nur, was war dieses Österreichische? Eine neue Deutung musste gefunden werden! Ihre Grenzen wurden recht eng gezogen, der räumlichen Größe der Alpenrepublik angepasst. Das freundliche, kleine Land mit friedfertigen Menschen, bald beide neutral, selbstverständlich, schönen Bergen und einer großen Vergangenheit war endgültig geboren. (Schwanger war man damit schon in der Ersten Republik.) Aus der Geschichte pickte man sich eben das heraus, was ins neue Biedermeier passte, also vor allem die Kunst und ein paar babenbergische und habsburgische Versatzstücke, gespickt mit Legenden, wie jenen von der rot-weiß-roten Fahne, dem Gefangenhalten von Richard Löwenherz und der Türkenabwehr – samt Kaffeeimport. (Letztere ist bis heute eine der wenigen historischen Erzählungen, die Österreich mit seinen südöstlichen Nachbarn teilt.)

Kakanische Kaffeehaustradition auch in Hermannstadt (Foto © Norbert Eisner)

In Hinblick auf die damalige Weltlage und die delikate Rolle Österreichs – das Land ein Opfer des Nationalsozialismus, viele Menschen aber nicht nur Mitläufer, sondern Nazi-Verbrecher, darunter viele der schlimmsten – war das wahrscheinlich eine sehr gute und richtige Strategie. Es ging schlichtweg darum, Österreich und seinen Menschen eine solide Grundlage fürs Überleben, und zwar halbwegs friedlich miteinander, zu schaffen. Die Aufarbeitung musste, so bitter und ungerecht wir das heute auch empfinden mögen, warten. Der Rückzug aufs Kleine, Älplerisch-Biedere mit dem fast exotisch anmutenden Wasserkopf Wien und dessen gern behaupteter und in Manchem bewiesener Internationalität im Künstlerischen gelang prächtig. Die Provinz eroberte Wien und Österreich und verteidigte ihren Sieg bis The wind of change ab 1989 Stadt und Land nachhaltig durchlüftete.

Karlsburg (Foto © Norbert Eisner)

Eine Beschäftigung mit den Ländern und Menschen der ehemaligen Monarchie, außer in einem sehr engen nostalgischen Kontext à la „Wie Böhmen noch bei Estreich war" (und bitte nicht „als") entsprach nicht dem historisch leider nicht gerade versierten Zeitgeist. Ausnahmen wie die Busekschen Initiativen bestätigten nur das Gesamtbild. Fiel auch nur in einem Halbsatz etwas Gutes über Altösterreich (oder verwendete man gar eine deutsche Ortsbezeichnung), musste es in mindestens drei Schachtelsätzen widerlegt oder zumindest so abgeschwächt werden, dass es nur mehr als Lächerlichkeit stehen blieb. Und schlussendlich wurde dieser Cocktail aus Ignoranz, Unwissenheit und Minderwertigkeitskomplex noch mit einer gehörigen Portion Arroganz gewürzt – wir sind doch weit besser als „wie die Ungarar, Tschechoslowaken, Jugos, Polaken oder gar Rumäna", oder?

Karlsburger Dom (Foto © Norbert Eisner)

Geschätzte Leserschaft, Sie haben es geschafft! Der (wieder einmal) lang geratene historische Ausflug hat sein Ende gefunden. Aber Sie sollten erfahren, wie der Mann tickt, mit wem Sie Ihre virtuelle Reise nach Siebenbürgen unternehmen. Kurz gefasst: Wir haben die meisten unserer Fäden zu den Ländern der Monarchie, und damit zu unseren Nachbarn, verloren, gleich ob sie deutsch- oder anderssprachig sind. Meine (textlichen) und Norbert Eisners (bildlichen) Impressionen von einer Reise nach Siebenbürgen versuchen, den einen oder anderen der gerissenen Fäden neu zu knüpfen.

Von Wien nach Szegedin

Siebenbürgen ist das Ziel und es braucht nur sieben, acht Stunden um von Wien dort hinzukommen – läge am Weg nicht so viel Verlockendes wie zum Beispiel Szegedin, ungarisch Szeged. Warum kommt Ihnen dieser Name nur so bekannt vor? „Komm mit nach Szegedin, solange noch die Rosen blühn…" Nein, das war`s nicht. Franz Antl und sein Szegediner Gulasch – das war`s! Und auch wieder nicht. Die kakanische Speise hat zwar mit Ungarn zu tun, aber nicht mit der Stadt Szegedin, sondern – ja, das ist die Frage, denn der Legenden sind viele. In Siebenbürgen glauben alle Volksgruppen, dass die Speise aus Schweinsfleisch und Kraut auf die Szekler zurückgeht. Deshalb heißt das Gericht dort Szekler Gulasch, Székelygulyás (ungarisch) oder Gulaş secuiesc (rumänisch). Viele Ungarn sind davon überzeugt, dass das Szegediner nach ihrem Dichter Jószef Székely benannt ist. Eine Legende, die auf einen anderen berühmten Ungarn zurückgeht, Károly Gundel (der mit den Palatschinken…).

Szegedin, überraschend beeindruckend (Foto © Norbert Eisner)

Und wie kam Székely zu der Ehre, Namenspatron, wenn nicht gar Erfinder dieses schmackhaften Gerichts zu sein? Es war in Pest (Ofen, ungarisch Buda, und Pest waren damals noch zwei Städte), irgendwann in den 1840er Jahren, in irgendeinem Wirtshaus und es war schon spät, so spät, dass aus der Küche hieß, „nichts geht mehr". Jószef Székely hatte aber noch Appetit, nein richtigen Hunger, was bei Schriftstellern und Journalisten zu vorgerückter Stunde durchaus vorkommen soll. Mit bestimmter Stimme, die auf eine nicht unbeträchtliche Größe des Lochs im Dichtermagen schließen ließ, meinte er zum Kellner: Es müsse doch zumindest etwas Kraut da sein und Gulasch zum Aufwärmen. Dass der neuen Kreation noch ein Löffel Rahm beigegeben wurde, muss bei einem ungarischen Gericht wohl nicht besonders betont werden. Das Szegediner war geboren, bekanntgemacht vom angeblich anwesenden heiß verehrten Sándor Petöfi, Nationaldichter der Magyaren. Eine schöne Geschichte, stimmen dürfte sie wahrscheinlich nicht, aber wen störts?

Szegedin… (Foto © Norbert Eisner)

Das erste, was wir auf unserer Reise lernten war somit: In Szegedin isst niemand Szegediner. Schon eher können Sie in der Stadt mit einer Lobeshymne auf die Pick-Salami punkten, denn die stammt sicher von hier. Aber was ist das alles im Vergleich mit dem Szegediner Paprika? Tauchen Sie ein in die Welt der roten Genüsse und probieren Sie statt dem Nicht-Szegediner Gulasch lieber die lokale Fischsuppe.

Szegedin (Foto © Norbert Eisner)

​In Wien war es grau, ein wenig Grün nur in den Spitzln von Baum und Strauch, in Szegedin war Frühling. Was für ein Licht! Höchst subjektiv, mögen Sie meinen, so ein bissl Frühling kann einen schon täuschen. Mitnichten. Szegedin ist tatsächlich die sonnenreichste Stadt Ungarns. Eine herrliche k.u.k. Stadt mitten im Alföld, der Tiefebene, genauer gesagt der Großen Ungarischen Tiefebene. Puszta also? Na ja, nicht mehr ganz. Puszta heißt Ödnis, Nagy Alföld ist aber in vielen Teilen schon längst zu einem intensiv genutzten Ackerland geworden. (Keine Sorge, in den geschützten Gebieten lässt sich noch genügend Puszta erleben.) Donau und Theiß sind die Flüsse der großen Tiefebene. Szegedin liegt an der Theiß, dort, wo der siebenbürgische Mieresch in diesen mächtigen, träg sich gegen das Banat wälzenden Fluss mündet. Die Stadt und ihr Fluss: 1879 machte eines der gefürchteten Theiß-Hochwässer dem alten Szegedin ein Ende. Wahrscheinlich war das für die Menschen noch schlimmer als das Feuer der Türken ein paar hundert Jahre vorher.

Szegediner-Theater (Foto © Norbert Eisner)

Nicht ganz so lange zurück lag die versuchte ungarische Loslösung vom damals wieder einmal höchst unbeliebten österreichischen Schwager. Szegedin avancierte kurzzeitig gar zur magyarischen Hauptstadt. Wie in jeder ungarischen Stadt, die auf sich hält, gibt es in Szegedin an die Jahre 1848/49 viele Erinnerungen. Als das Wasser kam, war die Beziehung zu Österreich und vor allem zum gemeinsamen Herrscherhaus weit besser. Der ungarische König Ferencz Joszef, also „unser" Franz Josef, eilte nach Szegedin und da es um Ungarn ging, brach die „gute Vorsehung des Landes", die Königin, ihren Reiturlaub in Irland ab und kehrte nach Österreich-Ungarn zurück. Elisabeth, Erzsébet, hat heute noch ihr Denkmal in Szegedin – auch das teilt Szegedin mit jeder ungarischen Stadt, die – Achtung Wiederholung – auf sich hält.

Szegedin: verschwenderische Pracht (Foto © Norbert Eisner)

Eine Wiederholung, zumindest für einen waschechten Kakanier, sind auch die Bezeichnungen für die Straßen. Ja, es gibt auch hier Ringstraßen, ungarisch körut. Viele Abschnitte der Szegediner Ringstraße sind nach Städten benannt, die der Stadt nach dem Hochwasser geholfen haben, von London über Paris bis nach Wien und Budapest.

Die Votivkirche von Szegedin (Foto © Norbert Eisner)

​Das erste Mal auf unserer Reise machten wir Bekanntschaft mit dem ungarischen Jugendstil und Eklektizismus. (Die Ödon Lechner-Kirche in Pressburg, das vor unserer Wiener Haustür liegt, lassen wir einmal außer Acht und Budapest ist eine andere Kategorie.) Was für eine Pracht, was für ein Selbstbewusstsein – und wie viel Chauvinismus! (Nicht von ungefähr waren Ödön Lechner und Otto Wagner nicht gerade die besten Freunde.) Vom Széchenyi-Platz mit dem Rathaus und den prächtigen Grünanlagen über die Kárász-Straße und den Klauzál-Platz mit dem berühmten Café Virág bis zum Domplatz mit der fast schon abnorme Maße annehmenden Votivkirche – Szegedin ist wahrhaftig ein Schaustück. Besser als all das gefällt mir aber die Stefaniegasse, die nach der Frau von Kronprinz Rudolf benannte Stefánia. In meinem Österreich-Ungarn-Baedeker wird sie als Flaniermeile der Stadt genannt, der Corso der feinen Welt am Theißufer. Das nach dem Schriftsteller Ferenc Móra benannte ethnografische Museum, der ehemalige Kulturpalast, erschlägt einen fast in seinem neoklassizistischen Prunk, weit vertrauter ist die Silhouette des Theaters, Fellner und Helmer in Hochform, noch dazu in Schönbrunnergelb. Nicht weit vom Theater, an einem Anger, steht ein Palais, das beinahe die Ausmaße eines Theaters hat. Einst war es ein Hotel für die feine Gesellschaft. Heute hat sich in den ehemaligen Nobelsälen eine recht lässige Brasserie namens „Hungi Vigadó és Sörkert" etabliert. Wir sollten auf unserer Reise noch in vielen solcher Prunkräume sitzen, manche erhalten, manche zu Tode renoviert, manche zur Unkenntlichkeit modernisiert, aber in keinem war die Atmosphäre des Fin de Siècle so selbstverständlich da wie hier, vielleicht weil so Vieles eben nur mehr in Bruchstücken vorhanden ist, der Stuck, die Spiegel, die Möblage. In eine andere Welt tauchen wir auch im Volksgarten ein, in Neu-Szegedin am anderen Theißufer gelegen. Vertrauen Sie mir: Er ist mit Sicherheit einer der schönsten Stadtparks auf dem Gebiet der ehemaligen Monarchie.

Im Banat

Der Abschied von Szegedin fällt schwer, aber Siebenbürgen ruft. Soll es nur, noch müssen wir durchs Banat und das lässt sich nicht nur so einfach durchqueren. Das Banat beginnt hinter Szegedin, mittlerweile eigentlich in Szegedin, denn die Stadt ist gewachsen. Es ist vom Mieresch (Marosch), der Theiß, der Donau und den Südkarpaten begrenzt. So unverrückbar wie die geografischen Grenzen sind die politischen, wie so oft in Mitteleuropa, nicht. Das nach dem Zurückdrängen der Türken von den Habsburgern geschaffene Temeschwarer Banat, ein Grenzland also und immerhin so groß wie Belgien, ist heute auf Ungarn, Serbien und Rumänien aufgeteilt.

Schässburger Impressionen (Foto © Norbert Eisner)

Durchs flache Land, der Heide, geht es unserer ersten Station im Banat zu, Arad, das eigentlich nur halb zum Banat gehört, der andere Teil gehört zum Kreischgebiet, benannt nach dem gleichnamigen Fluss, der auf Ungarisch Körös und auf Rumänisch Criș heißt. Irgendwo in diesem weiten Land verläuft die Grenze zwischen Ungarn und Rumänien. Nachdem letzteres noch nicht Schengen-Mitglied ist, dürfen wir hier noch das in Mitteleuropa sonst fast gänzlich verschwundene Ritual eines Grenzübertritts mit Stau und allem, was sonst dazu gehört, erleben. Nur die rumänischen Grenzbeamten waren ausgesprochen freundlich und verabschiedeten uns mit einem Tschüs.

Kronstädter Impressionen (Foto © Norbert Eisner)

Szegedin bleibt mir hell, gelb und blau in Erinnerung, Arad bestenfalls in Hellgrau, eher überwiegen noch die dunklen Grautöne. Wahrscheinlich ist das ungerecht und es lag am Wetter, das vom Frühling auf nasskalten Spätwinter umgestellt hatte. Vielleicht lag es aber doch auch ein wenig an der Stadt, nicht, weil viele Straßenzüge der Innenstadt noch ziemlich ramponiert sind, da sind wir von unseren Reisen weit Schlimmeres gewohnt, sondern weil Arad eher wenig an Geschichte aufzuweisen hat. (Ein Ungar würde das ganz anders sehen, aber dazu später.) Das älteste erhaltene und nicht veränderte Bauwerk stammt erst aus 1729 und ist nicht einmal ein Haus, sondern nur eine Johannes v. Nepomuk-Statue. Arad war zu dieser Zeit und noch lang nach der Vertreibung der Türken keine wichtige und daher auch keine große Stadt. (Das sollte sich erst im 19. Jahrhundert mit dem enormen Aufschwung, den Ungarn nahm, ändern.)

Kronstädter Impressionen (Foto © Norbert Eisner)

Wichtig war und ist Arad für das ungarische Nationalempfinden, was wiederum viel mit Österreich zu tun hat. Revolution! 1848 verabschiedete sich Mitteleuropa vom Feudalzeitalter und begann in die Moderne aufzubrechen. Bürgerliche Grundrechte und Freiheit für die Wirtschaft, auch wenn sie vorerst nicht dauerhaft erkämpft werden konnten, die Weichen dafür waren auch im österreichischen Kaiserstaat gestellt, allerdings würde der so bunte kakanische Zug kaum siebzig Jahre später entgleisen, auch wegen eines Gewächses, das ebenfalls ab 1848 rasch zu wachsen begann, dem Nationalismus. Die Forderung nach politischer Mitsprache und nationaler Emanzipation, der ungarische Adel sprach im frühen 19. Jahrhundert zu einem guten Teil nicht einmal ungarisch und auch in Budapest bediente man sich der deutschen Umgangssprache, waren auch die Ingredienzien für die ungarische Revolution, wobei die Fronten in diesem komplexen Mitteleuropa nicht so klar sein konnten. Es hieß nicht hier Ungarn, da deutsche Österreicher. So flammte im Oktober 1848 die Revolution in Wien nochmals auf, weil viele Wiener das Abgehen von Regimentern zum Kampf gegen Ungarn verhindern wollten, andererseits standen die der ungarischen Krone zugehörigen Slowaken, Serben und Rumänen mit dem kroatischen Ban (Stellvertreter des Monarchen in Kroatien) Josip Jelačić gegen die ungarische Führung und ihre Unabhängigkeitsbestrebungen von Österreich. Der ungarische Unabhängigkeitskrieg zog sich weit ins Jahr 1849. Franz Josef, der junge Kaiser, konnte ihn nur mit russischer Hilfe gewinnen. Eine besonders bittere Episode spielte sich in Arad ab. Im Herbst 1849 wurden hier 13 Anführer und Militärs der Ungarn hingerichtet. Diesen „Märtyrern von Arad" wurde zuvor noch freies Geleit zugesichert. In Ungarn ist der 6. Oktober bis heute nationaler Gedenktag. Es waren allerdings nicht nur Ungarn, die in Arad getötet wurden, fast die Hälfte war deutscher bzw. deutsch-österreichischer Herkunft. Die österreichischen Militärs stießen angeblich mit Bier auf die Hinrichtung an. Deshalb wurde in Ungarn ab diesem Tag 150 Jahre lang nicht mit Bier angestoßen. Alle mir bekannten Ungarn hielten sich daran. Am Hinrichtungsort erinnert ein Obelisk an die 13 Hingerichteten.

Szekler Hauptstadt Neumarkt (Foto © Norbert Eisner)

Wenige Jahrzehnte nach den Revolutionswirren ging es mit Arad steil aufwärts. Österreich und Ungarn vertrugen sich wieder besser und Arad wurde zu einer rasch wachsenden modernen ungarischen Stadt, deren Bewohner allerdings nicht einmal zur Hälfte ungarischer Nationalität waren. Ein Viertel war deutsch, ein Fünftel rumänisch, der Rest serbisch. (Heute sind 85 % der Arader Rumänen, zehn Prozent Ungarn.) Selbstverständlich erhielt die Stadt mit ihren neuen Gebäuden ein vollkommen ungarisches Gepräge. Das Rathaus mit seinem Turm, ähnlich dem so vieler anderer ungarischer Städte, das Komitatshaus, das Theater, das Haus zum goldenen ABC, die Trajan-Brücke, eine herrliche Jugendstil-Brücke im Stil der Budapester Franz Josefs-Brücke (heute Freiheitsbrücke), gefertigt in der berühmten Banater Eisenwerk von Reschitz(a), und der Kulturpalast als Teil des großen Arader Museumskomplexes – all das ist durchaus beeindruckend, aber der Funke springt nicht über, zu pompös, zu kalt sind die Boulevards. Netter sind die kleinen Straßen der Altstadt, zum Teil sind sie Fußgängerzone. Und auch in Arad gilt: Die Anzahl an sezessionistischen Gebäuden lässt staunen. Kulinarisch bleibt mir aus Arad nicht viel zu berichten, zu kurz war der Aufenthalt, aber ich machte hier Bekanntschaft mit einer Leibspeis der Rumänen, eine Art Brezel, die bei jedem Bäcker in großen Mengen über die Gasse verkauft wird. Nach diesem Gebäck bin ich den nächsten Tagen süchtig geworden.

köstlich… (Foto © Norbert Eisner)

Süchtig könnte man auch auf die nächste Stadt werden, Temeswar. Freundlich und bunt ist sie, die Hauptstadt des Banats. Allein auf Deutsch hat sie drei Namen: Temeswar, Temeschwar oder Temeschburg. Auf Ungarisch heißt sie Temesvár, auf Serbisch Temišvar und auf Rumänisch Timișoara. Sie liegt inmitten eines fruchtbaren Landes voll fetter, schwarzer Erde. Die Stadt hat über 300.000 Einwohner, die überwältigende Mehrheit sind Rumänen, nur mehr wenige Deutschsprachige, Ungarn und Serben leben in ihr. (Noch um 1930 waren die Deutschsprachigen die größte Bevölkerungsgruppe, Temeschwar hatte damals aber nur 100.000 Einwohner.) Die Stadt ist mir seit meiner Kindheit ein Begriff, wenn auch lange Zeit ein sehr abstrakter. Im Gymnasium durfte ich in Raimunds Bauer als Millionär den Magier Ajaxerle spielen. Wenn auch aus einer Schauspielkarriere nichts geworden ist, so kann ich mich noch erinnern, dass dem guten Ajaxerle aus Schwaben bei einem Geisterdiner in Temeswar von seinem Kollegen Bustorius aus Warasdin eine Flasche Wein an den Kopf geworfen worden war. Und so blieb mir der Name Temeswar aus meiner Auftrittsszene im Gedächtnis. Ich bin sicher, weder meine Schulkollegen noch ich wussten damals, wo Temeswar liegt. Der Eiserne Vorhang war Anfang der Achtzigerjahre noch dicht. 1989 hob er sich und Temeswar kam in der Dramaturgie der rumänischen Revolution große Bedeutung zu, ja die Revolution nahm im Dezember 89 in der Stadt am Begakanal sogar ihren Ausgang. Ein paar Monate später wurde mit der „Proklamation von Timișoara" die Grundlage für ein demokratisches rumänisches Staatswesen gelegt.

Abendstimmung in Temeswar (Foto © Norbert Eisner)

Die Entwicklung Temeswars war wie die der anderen Städte im Südosten Europas für lange Zeit von den Auseinandersetzungen Europas mit den Osmanen geprägt. Anfang des 18. Jahrhunderts war die Türkenzeit in Temeswar endgültig zu Ende, die Stadt wurde zu einer österreichischen Festung gemacht und blieb bis zum Ende der Monarchie der lebendige Mittelpunkt des Banats, der in den Jahren Österreich-Ungarns rasanten Aufschwung nahm. So war Temeswar eine der ersten europäischen Städte mit elektrischem Licht. Nach dem Ersten Weltkrieg stritten Rumänien und der südslawische Staat, das spätere Jugoslawien, um die Stadt, bekannterweise hat sich Rumänien durchgesetzt.

Die römisch-katholische Kathedrale in Temeswar (Foto © Norbert Eisner)

​Lebendig und bunt ist Temeswar auch heute noch, wenn aus dem Nationalitätengemisch auch ein ziemlicher Einheitsbrei geworden ist. Die Vielfalt von einst zeigt sich noch in den vielen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen. Die schönste ist die römisch-katholische Kathedrale am Domplatz, der heutigen Piața Unirii. Der Platz, er wird derzeit restauriert, ist für mich einer der stimmigsten in Mitteleuropas. Er ist das Zentrum der ehemaligen Festung und in seiner gesamten Komposition ein Kleinod, vor allem am Abend, wenn die Sonne die Kathedrale in jene kräftigen Farben taucht, die es nur östlich der Leitha gibt. Wunderschön ist das Palais des serbisch-orthodoxen Bischofs am Platz, auf dem auch die deutschsprachige Buchhandlung der Stadt zu finden ist.

Temeswar… (Foto © Norbert Eisner)

Die Temeswarer hören es gerne, wenn ihre Stadt Klein-Wien genannt wird (und der rumänische Tourismus wirbt mit diesem Slogan). Tatsächlich, man fühlt sich wohl und zuhause hier. Anscheinend bot die Atmosphäre Temeswars reichlich Anregung, um Menschen zu inspirieren. Ioan Holender, Robert Dornhelm und Francesco Illy sind hier geboren und Nikolaus Lenau, der bekannteste altösterreichische Dichter aus dem Banat stammt nicht weit von hier. Sein Geburtsort wurde 1926 in Lenauheim umbenannt und diesen Namen trägt das Dorf auch auf Rumänisch bis heute. Auch Erwin Ringel kam in Temeswar zu Welt, seine Mutter zog ihre Heimatstadt dem niederösterreichischen Hollabrunn als Geburtsort vor. Ein anderer gebürtiger Temeswarer Donauschwabe ist Tarzandarsteller Johnny Weissmuller.

Temeswar (Foto © Norbert Eisner)

An die jüdische Tradition der Stadt erinnert die große Synagoge, sie dient heute als Konzertsaal. Erhalten hat sich das deutschsprachige Theater. Es ist wie das ungarische sogar Staatstheater. Die deutschsprachige Tradition der Stadt wird auch am Nikolaus-Lenau-Lyzeum, dem deutschsprachigen Gymnasium, gepflegt. Die meisten Schülerinnen und Schüler sind rumänischer Muttersprache, die Unterrichtssprache ist Deutsch. Aus diesem Umstand hat sich am Temeswarer Gymnasium etwas ganz Besonderes entwickelt, das Lenau-Deutsch, mittlerweile Gegenstand diverser Forschungen. Die Schule zählt zwei Nobelpreisträger zu ihren Absolventen. Herta Müller, sie stammt auch einem Banater Dorf, erhielt 2009 den Literaturnobelpreis und Stefan Hell 2014 den für Chemie.

Serbisch-orthodoxer Bischofssitz in Temeswar (Foto © Norbert Eisner)

Das Kontrastprogramm zum stimmungsvollen Domplatz bietet die Piața Victoriei (Siegesplatz). Geschäftig, lauter – hier, zwischen der riesigen rumänisch-orthodoxen Kathedrale aus der Zwischenkriegszeit und dem Nationaltheater – schlägt der Puls der Stadt. (Der Fellner und Helmer-Bau des Franz Josef-Stadttheaters erhielt nach einem Brand in den Zwanzigerjahren eine ungewöhnliche Fassade – neobyzantinisch.) Wie in so vielen ehemals österreichisch-ungarischen Städten Rumäniens darf auch am zentralen Platz Temeswars ein Standbild der kapitolinischen Wölfin als Symbol für ein romanisches Land, nicht fehlen, ein Geschenk der Stadt Rom übrigens. Eingerahmt ist der Platz von vielen Palais. Sie tragen die Namen Dauerbach, Löffler, Merbl, Neuhaus, Weiss und Széchényi. Nicht zu übersehen ist der Lloyd-Palast, was für eine eklektizistische Pracht aus Barock und Jugendstil! Im Erdgeschoß gab es einst das Café Wien (natürlich, ist man versucht zu sagen). Hier beliebte Egon Erwin Kisch zu sitzen. Heute trifft sich in den stylischen Cafés am Platz die Temeswarer Jugend, modebewusst, kommunikativ, selbstsicher – das romanische Element hebt die trübe Stimmung an diesem saukalten Aprilabend und die Jungen strafen (zumindest auf den ersten Blick) die negativen Nachrichten über Temeswar, über Abwanderung und Verfall, Lügen.

Tratsch unter Kollegen (Foto © Norbert Eisner)

Die Innere Stadt (Cetate auf Rumänisch und Belváros auf Ungarisch) ist von einem Gürtel an Grünanlagen umgeben. Die anschließenden Bezirke tragen bis heute Österreichern vertraute Namen wie Josefstadt (Iosefin, Józsefváros) und Elisabethstadt (Elisabetin, Erzsébetváros). Das nächste Mal – und es wird ein nächstes Mal geben, denn mit Temeswar bin ich noch lang nicht fertig – werden diese Bezirke erforscht. Jetzt lockt aber die letzte Station im Banat, Lugosch. Ein letzter Blick in Temeswar wird dem Gebäude der rumänischen Nationalbank geschenkt, einst Zweigstelle der Österreichisch-Ungarischen Bank – und wieder haben wir ein Stück kakanischer Globalisierung entdeckt. Das Gebäude hat frappante Ähnlichkeit mit der Banca d'Italia di Gorizia (Görz), ehemals Zweigstelle der Österreichisch-Ungarischen Bank im Kronland Görz-Gradisca.

Lugosch im Banat (Foto © Norbert Eisner)

Lugosch, rumänisch Lugoj, ungarisch Lugos, kroatisch Lugoš, serbisch-kyrillisch Лугош ist eine typische Stadt des Banats, schon allein deswegen, weil sie ursprünglich aus zwei Städten bestand, dem deutschsprachigen und dem rumänischen Lugosch, beide getrennt durch den Fluss Temesch und verbunden durch eine schöne Eisenbrücke aus 1902, die wie jene in Arad aus Reschitz stammt. Auch Lugosch ist heute zum überwiegenden Teil rumänisch, Deutschsprachige und Ungarn machen gemeinsam noch rund zehn Prozent der Bevölkerung aus. Die Jugendstil-Bauten sind nicht so prächtig wie in Temeswar oder Arad, auch gibt es hier noch viel mehr zu renovieren. Trotzdem oder gerade deshalb ist Lugosch anheimelnd, hat Ecken und Nischen, in die man sich mit einem kleinen Schwarzen zurückziehen und vielleicht ein bisschen sinnieren kann, über einen großen Sohn der Stadt und seine Pläne: Aurel Popovici. Der Politiker und Publizist gehörte zum Kreis Franz Ferdinands legte mit seinen „Die Vereinigten Staaten von Groß-Österreich" ein Werk vor, das vielleicht eine in Manchem brauchbare Grundlage zur Neuordnung der Monarchie gewesen wäre. Diese kleine, seit jeher sehr kunstbeflissene Stadt mit ihren Kirchen, der Synagoge und dem schlanken Turm, dem einzigen Rest der Nikolauskirche, macht mir den Abschied aus dem Banat schwer. Wie wenig ist dieses weite, ein wenig melancholische Land bei uns bekannt und wie viel gäbe es an dieser altösterreichischen Grenze zu entdecken. Eine Reise ins Banat wird jedenfalls fix in den Kalender eingetragen.

Endlich Siebenbürgen

Am Horizont tauchen die Karpaten auf und die Neugier wächst, Siebenbürgen rückt immer näher, aber es braucht Geduld. Stückerlweise gibt es eine Autobahn, die dann wieder abrupt in Nichts endet. Die Straße schlängelt sich den Berg entlang, die Wälder werden dichter, die Vegetation, es ist Anfang April, spärlicher, wir überqueren die Grenze zwischen Temeschwarer und Eisenmarkter Kreis und sind in Siebenbürgen. Und tatsächlich, hier sind sie, die dunklen Wäldern, die sanften Hügel und die schiefen Häuser, aus deren mächtigen Kaminen der Rauch lustig gegen Himmel steigt. Und die ersten Schafherden! Dieses Bild ist nun tatsächlich aus der Zeit gefallen, wie eine plastisch gewordene Illustration aus dem berühmten Kronprinzenwerk sieht es aus, hunderte Schafe mit ihrem Hirten, mit Stab und in Pelz gekleidet und ein Hund, der seine Herde aufgeregt in Zaum hält. Das ist Siebenbürgen, ebenso wie die vielen Ruinen irgendwelcher Fabriken, die armseligen Häuser, die in Keuschen hausenden Roma am Rand verlassener Dörfer; und wie der Bauer, der sein Feld mit einem alter Klepper mühsam pflügt.

Kirchen und Schafe sind die Hauptprotagonisten Siebenbürgens (Foto © Norbert Eisner)

Schäfer in Pelz, Pferdefuhrwerke, mit Ochs oder Pferd pflügende Bauern – was für romantische Impressionen! Sind sie es tatsächlich? Ein Dilemma tut sich auf. Ich bin angetan, begeistert, berührt von diesen Bildern. Dass ich das noch sehen kann, mitten in Europa. Wenige Sekunden später tauchen andere Gedanken auf. Ist es nicht fast ein wenig obszön, das romantisch zu nennen, voyeuristisch gar, diese Szenen zu beobachten, zu fotografieren. Wollte ich auch nur eine Stunde so leben? Andererseits: Wieviel Luxus braucht Zufriedenheit? Ich brauche jedenfalls mehr, als viele in Siebenbürgen haben. Faszinierend ist sie aber, diese Zeitreise. Als Mensch möchte ich in Siebenbürgen nicht leben, wär ich ein Schaf oder ein Hendl, könnt ich mir nichts Besseres wünschen, als in diesem weiten Land zu grasen oder rund um eines der schönen Bauernhäuser meine Körndl zu pecken. Diemrich, rumänisch Deva. Die Stadt am Mieresch (Marosch), rumänisch Mureș, ungarisch Maros lassen wir links liegen. Wir vermuten, es warten noch lohnendere Ziele. Vielleicht ist das ungerecht, aber Siebenbürgen ist so groß! Städte und Gegenden auszuwählen, fällt nicht leicht. Von Diemrich wäre ein Abstecher zur Hunyadiburg in Eisenmarkt, Hunedoara, sicher lohnenswert. Schon von Weitem macht sie einen majestätischen Eindruck, dem Geschlecht der Hunyadi uns seinem wichtigsten Vertreter, Matthias Corvinus, sehr angemessen.

Mühlbach – Ein bisschen wie im Burgenland (Foto © Norbert Eisner)

In einem Reiseblog las ich, dass die Landschaft Westsiebenbürgens bis hinein nach Hermannstadt sehr österreichisch anmutet, ein Eindruck, der auch uns beschleicht. Irgendwie kennt man das. Frappierend wird's in Mühlbach, rumänisch Sebeș. Etlichen Freunde zeigte ich Bilder von der kleinen Stadt und jeder kommentierte es gleich: „Da schaut´s aus wie im Burgenland." Nur, dass nicht alles so geschniegelt ist. Dafür ist nicht alles zugepflastert, die Häuser haben Vorgärten voll blühender Blumen, ein Graben trennt die Straße vom Trottoir, Obstbäume statt fader Thujen ersetzen die Zäune.

Ein guter Platz: Mühlbacher Kirchhof (Foto © Norbert Eisner)

Mühlbach! Vor hundert Jahren hätte sich keiner der hier wohnenden Siebenbürger Sachsen wahrscheinlich vorstellen können, dass in dieser so traditionsreichen Stadt des Königsbodens einmal kaum mehr Deutschsprachige leben würden. Ihre lange Präsenz kann und will die Stadt bis heute nicht verleugnen. Am deutschen evangelischen Gymnasium, recht frisch getüncht, steht in großen Lettern geschrieben „Bildung ist Freiheit". Die Schule ist ein beliebtes Fotomotiv bei den deutschsprachigen Touristen, weit mehr Besucher zieht aber die evangelische Kirche an. Das erste Mal umfängt mich hier eine Stimmung, wie ich sie in Siebenbürger Kirchen noch oft erleben durfte. Die Reduktion auf das Wesentliche, keine katholische barocke Pracht, die wir Österreicher fast unweigerlich erwarten, sondern protestantische Schlichtheit, die aber im Unterschied zu vielen evangelischen Kirchen in Österreich nicht karg oder tot wirkt. Wahrscheinlich liegt es an den alten, kunsthistorisch so reichen Bauten. Protestantische Kirchen gibt es in Siebenbürgen eben doch schon etwas länger als hierzulande, die Gemeinden sind aber in den letzten Jahrzehnten sehr klein geworden, der Mühlbacher Pfarrer betreut noch rund 180 Gläubige.

Die evangelische Kirche von Mühlbach (Foto © Norbert Eisner)

Die Beschreibung der Highlights der Mühlbacher Kirche finden Sie in jedem Siebenbürger Reiseführer, an dieser Stelle kann daher darauf verzichtet werden. Nehmen Sie sich Zeit für das Gotteshaus und genießen sie die Stille im alten Kirchhof mit seinen knorrigen Bäumen. Mehr als ein karges Pilgermahl bietet der „Gasthof zum goldenen Löwen", eines der berühmtesten Gasthäuser Siebenbürgens. Gäste werden hier seit weit mehr als drei Jahrhunderten bewirtet. Wir haben ein typisches Hirtengericht gegessen, typisch deshalb, weil die Zutaten billig sind und der Magen trotzdem angefüllt wird. Es bestand aus Käse und Polenta und schmeckte köstlich. Unser nächstes Reiseziel hätten wir beinahe nicht gefunden. Den Ort Alba Iulia schon, aber nicht seine Attraktion, die ehemalige Festung Karlsburg. An der rumänischen Bezeichnung ist noch der ursprüngliche deutsche Name der Siedlung – Weißenburg (vom ungarischen Fehérvár) – erkennbar. Die Stadt erinnert mich ein wenig ein süditalienische Orte, nicht deren schöne Stadtzentren, sondern die Vororte. Drei Mal umkreisten wir die Innenstadt ohne die Festung zu finden.

Festung Karlsburg (Foto © Norbert Eisner)

Das im Kreis fahren hat sich ausgezahlt, war der erste Gedanke, nachdem wir die Festung gefunden hatten. Was für Dimensionen! 1714 wurde unter der Regierungszeit von Karl VI., daher der Name Karlsburg, mit dem Bau der siebeneckigen Festung, der letzten großen des alten Österreichs, begonnen. Die reiche Geschichte von Weißenburg-Karlsburg erschöpft sich nicht in der Festung, Daker und Römer hinterließen in der Gegend ihre Spuren und später wurde Weißenburg Sitz eines Erzbischofs. Während der Türkenherrschaft entwickelte sich die Stadt zu einem wichtigen Zentrum des siebenbürgischen Fürstentums. Weit mehr als für Österreicher und Ungarn hat diese Stadt für Rumänien Bedeutung. Rumänische Volksvertreter sprachen sie hier am 1. Dezember 1918 für die Vereinigung von Siebenbürgen und anderer Gebiete Altungarns mit dem rumänischen Staat aus. Das war die Grundlage für die Schaffung des heutigen Rumäniens, das doppelt so groß ist als der bis zum Ersten Weltkrieg bestehende rumänische Staat. Das rumänische Königspaar wurde 1922 in Karlsburg gekrönt. Heute erinnert daran die riesige orthodoxe Kathedrale am Festungsgelände, die das elegante Schiff des römisch-katholischen Doms, Grabstätte siebenbürgischer und ungarischer Herrscher und architektonisches Kleinod, ein wenig an den Rand drängt. Diese Kirche sollten Sie besuchen und rund um die Festung spazieren. Die Anlage wurde vorbildhaft restauriert, ihr Besuch zählt zu den Höhepunkten unserer Siebenbürgen Reise, allein schon wegen der wunderschönen Blicke in das weite siebenbürgische Land.

Der große Ring in Hermannstadt (Foto © Norbert Eisner)

Bekannter und populärer als Karlsburg ist das nächste Ziel, Hermannstadt, rumänisch Sibiu, ungarisch Nagyszeben. Die bunten Häuser, die gebogenen Gasse mit ihren alten Bäumen, die schönen Tore – nach Hermannstadt zu fahren ist eine Zeitreise, aber erfreulicherweise nicht pure Nostalgie. 2007 war Hermannstadt europäische Kulturhauptstadt. Die siebenbürgische Metropole hat die sich damit bietenden Chancen in Stadterneuerung, kulturellem und touristischem Angebot augenscheinlich weit mehr genützt als das untersteirische Marburg, an dem das Kulturhauptstadtjahr 2012 fast spurlos vorübergegangen ist.

Am kleinen Ring in Hermannstadt (Foto © Norbert Eisner)

War Marburg einst die Metropole der Deutschsprachigen der slowenischen Steiermark, so kam in Siebenbürgen dieser Rang Hermannstadt zu. Im Gegensatz zur Untersteiermark ist das in Hermannstadt auch noch sichtbar, es leben hier allerdings auch noch immer ein paar autochthone Deutschsprachige mehr als in Marburg. Das (touristische) Hermannstädter Leben spielt sich auf den beiden Ringplätzen, dem großen und dem kleinen, und in den paar Gassen der Oberstadt ab. Das alte gotische Rathaus, das Filekhaus, das Hallerhaus, das herrliche barocke Brukenthalpalais, die fünf Stadttürme, die Lügenbrücke, die Arkaden der alten Zunfthäuser, die romantischen Gasserl hinunter in die Unterstadt, man kommt aus dem Staunen und Schwärmen nicht heraus.

Die orthodoxe Kirche von Hermannstadt (Foto © Norbert Eisner)

Die evangelische Kathedrale … man wird fast ein wenig ehrfürchtig. Liegt es an diesem gotischen Raum oder am Karfreitag? Draußen blies uns ein eiskalter Sturm die Hauben vom Kopf und drinnen, vollkommene Stille, hoffentlich kann ich die Erinnerung an diese Stimmung lange bewahren. Von allen Reichtümern dieser Kirche haben mich die in den Wänden eingelassenen Grabmäler des siebenbürgischen Adels am meisten beeindruckt. Sehenswert ist auch die Kathedrale der Orthodoxen. Im Unterschied zu vielen anderen orthodoxen Kirchen des Landes wurde sie schon während der österreichisch-ungarischen Zeit erbaut. Die Kuppel und die reichen Fresken erinnern manche gar in die Hagia Sofia.

Die Türme von Hermannstadt (Foto © Norbert Eisner)

Liebhaber der Malerei kommen an einem anderen Gebäude der Stadt nicht vorbei, es ist das schon erwähnte Brukenthal-Palais. Sein Erbauer und Namensgeber war Samuel von Brukenthal, Maria Theresias Siebenbürgischer Gouverneur, ein (weiterer) wahrer Glücksgriff der Monarchin. Die Brukenthalsche Kunstsammlung umfasst über tausend Gemälde verschiedener Epochen und eine Bibliothek mit 280.000 Bänden. Zwischen Hermannstadt und Kronstadt liegt in Freck, rumänisch Avrig) das Brukenthal'sche Sommerschloss mit einem schönen Barockkarten, dem einzigen auf dem Gebiet Rumäniens.

Eine Stadt zum Chillen – dieses Hermannstadt (Foto © Norbert Eisner)

In Hermannstadt hätte ich es noch länger aushalten, vor allem nachdem ich die Unterstadt entdeckt hatte. Dort ist nicht alles so herausgeputzt wie oben, dafür gibt's ein paar nette Cafés und witzige Geschäfte mit allerhand Kramuri. In der Oberstadt sei ein Besuch der Schiller-Buchhandlung empfohlen. Was es über Siebenbürgen (auf Deutsch) zu erlesen gibt, findet sich hier.

Salzburg in Siebenbürgen (Foto © Norbert Eisner)

Weiter geht's nach Salzburg. Nein, unsere Siebenbürgen-Reise ist noch nicht zu Ende. Es gibt auch im Land jenseits des Waldes einen Ort dieses Namens. Was er mit dem Kleinod der Alpen gemeinsam hat, liegt auf der Hand – das Salz. Im siebenbürgischen Salzburg, rumänisch Ocna, badet man sogar darin und das seit über 150 Jahren. Die letzte Salzmine wurde hingegen schon vor langer Zeit geschlossen. Leider kann der Kurort mit einem Wellnessort, wie wir ihn kennen, bei Weitem nicht mithalten, das beeindruckende Jugendstilbad lohnen den Abstecher nach Salzburg aber in jedem Fall, neben einem Salzbad, versteht sich.

Die schwarze Kirche – Das Wahrzeichen Kronstadts (Foto © Norbert Eisner)

Über eine neue Autobahn und eine gar nicht so schlechte Staatsstraße erreichen wir Kronstadt. Beim Surften im Internet bin ich über die Bezeichnung „rumänisches Kitzbühel" für diese größte siebenbürgische Stadt gestoßen. Was die Temperaturen angeht, trägt Braşov diesen Titel zu Recht. Als wir Anfang April in der Stadt ankamen, lag diese unter einer gar nicht so dünnen Schneedecke, die Karpaten in dichte Wolken gehüllt. Die letzten Schifahrer des Tages fixierten ihre Bretter gerade auf den Dächern ihrer Autos. Und das soll ein Frühlingsurlaub sein? Der kam noch, schon ab dem nächsten Morgen. Der Schnee war weg und die Sonne tauchte den halbrunden Marktplatz Kronstadts in ein freundliches Licht.

Kakanische Erinnerungen in Kronstadt (Foto © Norbert Eisner)

Hermannstadt und Kronstadt, nur wenige Fahrstunden voneinander entfernt, sind doch sehr verschieden. Hermannstadt ist beschaulich, an böhmische Städte erinnernd, Kronstadt ist, auch wenn die Altstadt klein ist, lebendiger, bei aller historischer Substanz moderner und vertrauter in dem Sinn, dass wie in unseren Städten sehr gerne „geshoppt" wird. Die Lokalszene ist durchaus abwechslungsreich, vom witzigen Kaffee in einer ehemaligen Apotheke, ausgestattet mit vielen kakanischen Reminiszenzen, bis zum ungarischen Restaurant „Pilvax". Hier haben wir während unserer gesamten Siebenbürgen-Reise am besten gegessen und die berühmte ungarische Gastfreundschaft genossen. Lässige Baratmosphäre bietet die Brasserie „Festival 39" des Hotels „Coroana", einem Haus mit langer Tradition. Beide, Brasserie und Hotel, hätten sich als Drehort für das „Budapest Grand Hotel" bestens geeignet. Nur, dass im Kronstädter Hotel nach wie vor Gäste absteigen. Mit seinen zwei Sternen bietet es ein ausgezeichnetes Preis-Leistungsverhältnis und ist die optimale Unterkunft für Reisende mit Vorliebe für etwas schräge Unterkünfte.

Kronstädter Impressionen (Foto © Norbert Eisner)

Am schönsten ist Kronstadt von oben. Dazu braucht man nicht einmal auf den Hausberg, die Hohe Zinne, hinaufwandern (und dabei einem Wolf, Bär, Luchs oder ähnlichem Getier begegnen) oder mit der Seilbahn hinauffahren. Es reicht schon entlang der alten Stadtbefestigung zu spazieren. Es bietet sich ein sehr harmonisches Bild an roten Schindeldächern mit der Schwarzen Kirche, der Kronstädter Hauptattraktion, im Mittelpunkt. Die Kirche ist der größte gotische Bau Rumäniens. Sie ist selbstverständlich nicht schwarz, trägt den Namen aber zur Erinnerung daran, dass sie bei einem Brand Kronstadts, das Feuer wurde von den habsburgischen Truppen gelegt, ganz schwarz gerußt wurde. Das ist allerdings schon mehrere Jahrhunderte her. Die herrlichen Gebetsteppiche, die Orgel mit viertausend Pfeifen und das mächtige gotische Schiff lassen wohl wenige Besucher davon unbeeindruckt die Kirche verlassen. Ein lohnendes Fotomotiv sind die Figuren der Apostel am Kirchenchor. Wie in Hermannstadt befindet sich gegenüber der Kirche das deutsche Gymnasium. In Hermannstadt trägt es den Namen Brukenthals, in Kronstadt den des Reformators Johannes Honterus. Seine Statue steht am Kirchenplatz, der erfreulicherweise nicht gepflastert und so dem ganzen Ensemble einen fast mittelalterlichen Touch gibt.

Kronstädter Impressionen (Foto © Norbert Eisner)

Fast genauso beeindruckend wie die Schwarze Kirche sind die erhalten gebliebenen Befestigungsanlagen, die nach einzelnen Gewerben benannt wurden. Sie waren für die Sicherung des jeweiligen Abschnitts des Befestigungssystems verantwortlich, gescheite siebenbürgisch-sächsische Selbstverwaltung also. Nicht versäumen sollte man die Weberbastei. Verblüfft hat uns, dass alle jüngeren Einheimischen uns nicht zu einem Punkt in der Altstadt, sondern in das neue Einkaufszentrum schicken wollten. Es dürfte derzeit der Hot spot Kronstadts sein. Ein kleines Déjà-vu bereitete uns die griechisch-katholische Kirche am Hauptplatz. Sie kann ihr Wiener Vorbild vom Fleischmarkt nicht verleugnen. Als Zugabe durften wir am Karsamstag eine griechisch-katholische und eine römisch-katholische Auferstehungsprozession betrachten, auch das bleibt mir hoffentlich lange in Erinnerung.

Der Doppeladler am Dracula Schloss (Foto © Norbert Eisner)

Von Kronstadt, dem ungarischen Brassó, ist es nur ein Hüpfer zur Törzburg. Sie ist heute unter ihrem rumänischen Namen Bran als Dracula-Schloss weltberühmt. Ich erspare Ihnen und mir die hinlänglich bekannte Dracula-Story. Sie finden diese in jedem Reiseführer hinlänglich ausgebreitet. Die Törzburg steht an einer strategisch wichtigen Karpatenstraße, fünf Karpatenpässe führen von Kronstadt hinüber nach Altrumänien, und sie war deshalb jahrhundertelang im Besitz des Kronstädter Magistrats. Als es mit ihrer strategischen Bedeutung vorbei war, wollte die Stadt die Burg loswerden. Wie macht man das am elegantesten? Man verschenkt sie. Am besten an den Herrscher und seine Familie. Zuerst, mitten im Ersten Weltkrieg, war ein Habsburger der Glückliche. Der junge Kaiser Karl, als ungarischer König Karol genannt, durfte sich über das pittoreske Gemäuer freuen. Allerdings wurde verabsäumt, den Eigentümerwechsel ins Grundbuch, jene altösterreichische Errungenschaft, die in Nachfolgestaaten der Monarchie bis heute eine ausgesprochen gute Nachred' hat, einzutragen. Nach 1918 war es dann besser, die Schenkung zu vergessen, denn Kronstadt war nun Rumänien und die Habsburger Geschichte. (Die Törzburg betreffend allerdings nicht: Heute ist die Burg tatsächlich in habsburgischem Besitz.)

Die Törzburg (Foto © Norbert Eisner)

Was für ein Glück für die Stadtverwaltung, dass Rumänien eine Monarchie war und so schenkte man die Burg der sehr tatkräftigen rumänischen Königin Maria, einer Enkelin der englischen Königin Viktoria. (Diese Königin war eine wahre Romanfigur – und sie hat es ihrer schrecklich netten Schwiegerfamilie und ihrem schwächelnden Gatten so richtig gezeigt – mit unehelichen Kindern und einem fabelhaften politischen Instinkt.) Nach rumänischem Recht hätte Marias Mann, König Ferdinand, der Schenkung zustimmen müssen, denn in Altrumänien konnten Frauen ohne Zustimmung ihres Mannes keinen Grundbesitz erwerben. Im als ach so rückständig verfemten Österreich-Ungarn war das nicht so und Königin Maria meinte scherzhaft, sie brauche die Zustimmung ihres Gatten nicht, denn die Törzburg liege in Siebenbürgen und damit auf altungarischem Gebiet, wo eine andere Rechtsprechung gelte. Die Königin liebte ihr Schloss und ließ ihr Herz dort bestatten.

Rosenau (Foto © Norbert Eisner)

Die Liebe der Königin kann ich nicht ganz teilen. Aus der Ferne gesehen ist die Törzburg tatsächlich die ideale Kulisse für Gruselfilme oder historische Schinken, sie schaut einfach fantastisch aus. Beim Durchschreiten der Gemächer wurde mir auch gruselig zumute, allerdings aus einem anderen Grund. Was für eine grässliche Einrichtung! In die finsteren Kammerln hat das rumänische Königshaus schwere, dunkle Möbel gestellt. Man will nur raus, kann aber nicht, denn in der Masse an japanischen, amerikanischen und englischen Touristen ist kein Weiterkommen. Eine absolute Nicht-Sehenswürdigkeit, allein die Standln mit Dracula-Devotionalien rund um die Törzburg lehren einen das Fürchten. Fahren Sie vorbei, machen Sie ein paar Bilder, sie werden dafür viele Likes bekommen, und besuchen Sie dann ein paar Dörfer des wunderschönen Burzenlandes, einem der schönsten Teile Siebenbürgens. Ein eindrucksvoller Blick ins Burzenland bietet sich von der Burg Rosenau. Auch diese Anlage sieht von weitem am besten aus. Rosenau, rumänisch Râșnov, war kein feudaler Adelssitz, sondern eine Bauernburg. Hier suchte die Bevölkerung Schutz vor den diversen Angreifern. Der Rundgang durch das Burgareal mit seinen Häuschen, in denen diverse Souvenirs feilgeboten werden und man seine Künste im Bogenschießen erproben kann, ist nett, aber mehr Kür denn Teil des siebenbürgischen Pflichtprogramms. Einen kurzen Spaziergang lohnt der Ort Rosenau. Sie werden schöne Bauernhäuser der Siebenbürger Sachsen und Rumänen entdecken.

Schässburger Impressionen (Foto © Norbert Eisner)

Zum Pflichtprogramm zählt in jedem Fall unser nächstes Ziel, Schässburg, rumänisch Sighișoara, ungarisch Segesvár. Die Fahrt von Kronstadt nach Schässburg zählt zu meinen schönsten Erinnerungen an die Siebenbürgen-Reise. Was für ein Land! Diese buckelige Landschaft mit den in den Mulden gelegenen Dörfern, von denen oft nur das Kirchturmspitzl zu erheischen ist, die Kirchenburgen, sie wären eine eigene Siebenbürgen-Reise wert, und die Dörfer, oft zu einem großen Teil verlassen, aber noch lässt ihre Atmosphäre etwas vom jahrhundertelangen Mit- oder Nebeneinanderleben von Deutschsprachigen, Rumänen, Ungarn und Szeklern erahnen. All diese Eindrücke, gleichsam ein komprimiertes Bild Siebenbürgens, hinterließ der Ort Keisd, rumänisch Saschiz, ungarisch Szászkézd, auf mich.

Schässburger Impressionen (Foto © Norbert Eisner)

Schässburg (Sighișoara, Segesvár). Möchten Sie Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin einen Heiratsantrag machen, tun Sie das in Schässburg. Dort erhalten Sie bestimmt keinen Korb, zu schön ist diese Stadt, dass sich irgendjemand ihrer romantischen Stimmung entziehen könnte. Der Stundenturm, das Hirschenhaus, die Schülertreppe hinauf zur deutschen Schule, die Bergkirche und der daneben liegende Friedhof mit wunderschönen Grabmälern aus längst vergangenen Zeiten, Schässburg ist eine Märchenstadt. Wem das ganze Ensemble nach ein paar Spaziergängen zu pittoresk, zu eng wird, sollte in die Unterstadt absteigen, die ist mit ihren Gründerzeithäusern auch sehr schön ist, aber ein wenig mehr vom wahren Schässburger Leben erahnen lässt. Gut gegessen haben wir dort im gemütlichen „Gasthof zur alten Post". Von Schässburg lohnt sich in jedem Fall ein Abstecher nach Birthälm (Biertan), rund 25 Kilometer von der Stadt entfernt. Die Kirchenburg des Ortes ist UNESCO-Weltkulturerbe.

Das Schässburger Hirschenhaus (Foto © Norbert Eisner)

Nach dem idyllischen Schässburg und vielen Kirchenburgen brauchen wir etwas Durchlüftung, Lärm und Leben. In Klausenburg, rumänisch , Cluj-Napoca, ungarisch Kolozsvár, sind wir jetzt genau richtig. Eine gute Einstimmung auf die lebhafte Studentenstadt war schon Neumarkt, rumänisch Târgu Mureș, ungarisch Marosvásárhely, die Hauptstadt der Szekler. (Mittlerweile sind auch hier, wenn auch knapp, die Rumänen größte Bevölkerungsgruppe.) Sie bietet nicht viele Highlights, diese sind dafür aber pompös, allen voran der Kulturpalast im ungarischen Sezessionsstil und die Synagoge.

Stadtpark in Klausenburg (Foto © Norbert Eisner)

Es gibt Orte, da steigt man aus dem Auto oder vom Zug auf den Perron und weiß, hier fühlt man sich wohl. Mir ging es so in Klausenburg, im Stadtpark. Schon die Allee durch den Park, der Teich und das sanierte ehemalige Casino, jetzt Teil der technischen Uni, einfach nett. Je näher wir dem Zentrum kommen, umso lauter wird's. Aber der Lärm tut hier nicht weh, es ist geschäftig aber nicht hektisch. Viele Junge sind unterwegs, sie kommen aus den Hörsälen der ehemaligen Franz-Josefs-Universität, der heutigen technischen Universität, und streben wie wir dem Hauptplatz zu. Die Klausenburger Universitäten haben einen guten Ruf und locken Studenten aus vielen Ländern der Erde in das Land, was bei uns nicht sehr bekannt ist. Die Mauer zum ehemaligen Ostblock gibt es selbst in den Köpfen derjenigen noch, die in den Zeiten des Kalten Krieges noch nicht einmal auf der Welt waren.

Wiener Kaffeehaustradition auch in Klausenburg (Foto © Norbert Eisner)

Temeswar nennt man Klein-Wien, noch passender wäre dieser Beiname für Klausenburg, Klein-Budapest würde genauso entsprechen. Im Unterschied zu den anderen siebenbürgischen Städten haben wir das Gefühl hier tatsächlich in einer Stadt zu sein. Die übrigen Siebenbürger Städte sind nach heutigen Maßstäben eben Provinz – und sie strahlen das auch aus. Gemütlich, beschaulich, lebenswert, aber nach ein paar Tagen vielleicht auch ein wenig eng. Nach einer Woche, die mit der Besichtigung ungezählter Kirchen, Burgen, gotischer Häuser, Renaissance-, Barock- und Jugendstilpalästen ausgefüllt war, tut es gut, einfach nur durch die Stadt zu schlendern – im Bewusstsein, zwar sich sicher die eine oder andere Sehenswürdigkeit zu verpassen, aber eben nichts Weltbewegendes. Aber selbstverständlich lohnen die Michaelskirche, das barocke Bánffy-Palais, die Schneiderbastei, die Urania, viele andere Kirchen, der kakanische Bahnhof (von außen), selbstverständlich das Fellner-Helmer-Theater und vieles mehr einen Besuch oder zumindest einen Blick. Sehr guten Cappuccino gibt's im „Olivo Caffe", das erfreulicherweise auch ein Restaurant ist, das Attribut „chillig" trifft die Atmosphäre dieses Lokals am besten. Wer es gern klassisch-wienerisch hat, wird sich wahrscheinlich in der „Klausenburg Cafe-Konditorei" wohl fühlen.

Ein überraschendes Ende

Das wars mit Siebenbürgen. Die Heimreise sollte schneller von statten gehen als die Hinfahrt. So planten wir es. Eine Stadt machte uns aber einen Strich durch die Rechnung – Großwardein. Die altösterreichische Festung, Oradea auf Rumänisch und Nagyvárad auf Ungarisch überraschte mich vollkommen. Auf die Schönheiten Siebenbürgens war ich vorbereitet, aber das? Jetzt rächt sich, dass ich in diesem Text schon so viele Superlative verbraten habe, eindeutig eine falsche Dramaturgie, denn was bleibt jetzt noch für Großwardein? Vielleicht ein schlichter Satz: Diese Stadt ist wunderschön. Die einst fast ausschließlich von Ungarn bewohnte Metropole des Kreischgebietes ist ein Jugendstiljuwel. Auch wenn viele der Paläste (noch) nicht saniert sind, verpassen sie diese Stadt nicht!

Debreczin, das calvinistische Rom (Foto © Norbert Eisner)

Der Kreis schließt sich. Was in Szegedin mit einer vergeblichen kulinarischen Suche begann, endet mit einer solchen in Debreczin (ung. Debrecen). Auch die Debreziner kommen nicht aus Debreczin! Ergo aßen wir dort auch keine. Mir stand der Sinn ohnehin eher nach Süßem. Dieses Bedürfnis konnte ich in Debreczin vollauf befriedigen, gilt die Konditorei im prächtigen Jugendstilgebäude (sehenswert der Bartok-Saal) des Hotels „Aranybika", goldener Stier, doch als eine der besten Ungarns. Die kleine Debrecziner Innenstadt ist bestens saniert, meine ungarischen Freunde meinen, weil der Bürgermeister „ein Freund von Viktor" sei. Egal, das calvinistische Rom, wie die Stadt in meinem alten Österreich-Ungarn-Baedeker genannt wird, ist ein würdiger Abschluss unserer Altungarn-Reise. Viel Zeit zur Besichtigung blieb allerdings nicht mehr. Sie sollten in jedem Fall das Debrecziner Wahrzeichen, die riesige reformierte Kirche, auf ihren Besuchsplan setzen. Interessant sind auch die Uni und das Déri Museum. Debreczin werde ich mehr noch näher anschauen, auf einer neuen Reise durch das weite ungarische Land.  

Mag. Josef Wallner

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